Céline Dion und ihr Song My Heart Will Go On im Film Titanic

Die digitale Welt : Die Schuld von James Cameron

Zur eigenen Überraschung kann sich die Meinung über einen Song kurzfristig fundamental ändern – Youtube und den kreativen Köpfen auf der Videoplattform sei Dank.

Sie erkennt nach mehreren Jahren ausgiebigen Nutzens natürlich, wenn ein User fußballverrückt ist. Und wer dessen Lieblingsverein ist. Und schlägt ihm ein Video vor, in dem der Siegtreffer in der Nachspielzeit gegen den Erzrivalen mit Céline Dions Song „My Heart Will Go On“ unterlegt ist. Der User zögert kurz.

Denn er muss bei diesem Lied unweigerlich an James Camerons „Titanic“ denken. Erinnerungen kommen hoch, wie viele den Film damals verfluchten, weil die Freundin ihn acht Mal im Kino sehen wollte. Wie das Radio gemieden wurde, um den Song nicht schon wieder hören zu müssen.

Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Das ist keine neue Erkenntnis. „De gustibus non est disputandum“ befand schon der 1755 geborene französische Schriftsteller Jean Anthelme Brillat-Savarin. Schauen wir einmal auf die Musik. Für die einen gehört vielleicht Slayers „Reign in Blood“ zu einem romantischen Candle-Light-Dinner dazu. Die anderen brauchen eventuell Songs von den Wildecker Herzbuben, um sich beim Bankdrücken richtig zu pushen. Und so mancher bekommt eben Schweißausbrüche bei den Worten Cameron, Dion und Titanic.

Doch am Ende ist die Liebe zum eigenen Klub stärker als das Jugendtrauma. Das 51-Sekunden-Video beginnt. Im Hintergrund sind Kommentatoren und die so gefürchtete Melodie zu hören. Der Ball schlägt im Netz ein. Jubel auf dem Feld. Es erklingt: „You’re here, there’s nothing I fear.“ Und dann passiert es wirklich. Gänsehaut. Das Video endet. Und der Nutzer drückt tatsächlich auf Wiederholung. Zwei Mal.

Es folgen Minuten der Verwirrung. Und mehrere Erkenntnisse: 1. Fußball überwindet tatsächlich Grenzen. Grenzen des guten (oder schlechten?) Geschmacks. 2. Der Ersteller des Youtube-Videos versteht etwas von Pathos und Dramatik. 3. James Cameron versteht davon offenbar nichts und ist der Hauptschuldige für das Jugendtrauma. 4. Karten für Céline-Dion-Konzerte werden trotzdem niemals gekauft. 5. Denn bei mit ihrer Musik unterlegten Youtube-Videos von entscheidenden Treffern anderer Vereine gibt es keine weiteren Gänsehautmomente. Geschmäcker sind halt verschieden.

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