Aachen: Bezahlen mit dem Handy: Ist Aachen schon so weit?

Aachen: Bezahlen mit dem Handy: Ist Aachen schon so weit?

An der Ladenkasse das schlanke Handy zücken statt der dicken Geldbörse: Seit Jahren versuchen diverse Anbieter, uns Verbrauchern diese Form des bargeldlosen Bezahlens schmackhaft zu machen. Bislang ohne großen Erfolg. Woran liegt es? Wir sind durch Aachen gegangen, um der Sache auf den Grund zu gehen: Ist die Technik noch nicht reif, ist es der Handel oder gar der Kunde?

Am mangelnden Interesse liegt es schon mal nicht, wie der erste Selbstversuch im Starbucks-Café am Aachener Markt zeigt. Kaum hält die Testperson ihr Smartphone mit der aktivierten Bezahl-App neben das Kartenlesegerät auf der Ladentheke, schon wird der nächste Kunde in der Schlange aufmerksam: „Bezahlen Sie da etwa gerade mit Ihrem Handy?“

Ja, tun wir — und es funktioniert. Der sogenannte NFC-Chip im Telefon nimmt eine WLAN-Verbindung von wenigen Zentimetern Reichweite mit dem Kartenlesegerät auf. Die Kundin bestätigt den Einkauf auf dem Display des Gerätes: fertig.

Hunderte Stellen in der Region

Es sind vor allem die großen Mobilfunkanbieter, die ins Geschäft drängen. In diesem Fall war die Wallet (deutsch: Geldbörse) genannte App von Vodafone im Einsatz. Der Düsseldorfer Provider hat sein System im Februar offiziell gestartet und wirbt mit mittlerweile mehr als 40.000 Akzeptanzstellen in Deutschland. Alleine im Raum Aachen/Düren/Heinsberg könne bereits bei mehreren hundert Einzelhändlern an der Kasse das Handy gezückt werden. Das Bezahlsystem dahinter nennt sich SmartPass und basiert auf einer Prepaid-Kreditkarte von Visa. Das Prinzip: Der Kunde lädt erst Guthaben auf und kann es dann mit der App wieder ausgeben. SmartPass ist im ersten Jahr kostenlos, im zweiten sind 9,90 Euro zu zahlen.

Ähnlich sieht das Angebot des Bonner Konkurrenten T-Mobile aus, der im Mai mit seiner App MyWallet nachzog. Der Geldtransfer wird dort über das Bezahlsystem PayPass abgewickelt, das auf einer Mastercard-Kreditkarte aufsetzt. Die Nutzung ist derzeit noch kostenlos, ab Januar 2016 soll die MyWallet-App 99 Cent im Monat kosten. T-Mobile wirbt mit 1,6 Millionen Bezahlstellen weltweit. Auch Mitbewerber Base setzt bei seinem Mobile Wallet auf PayPass, ebenso wie O2 für sein noch nicht für alle Kunden verfügbares Wallet.

Wir liegen hinter China und Afrika

In Deutschland gibt es laut Werbung schon mehr als eine Million Akzeptanzstellen für das Bezahlen per NFC. Im Boot sind bekannte Namen wie Galeria Kaufhof, Karstadt, Kaiser‘s Tengelmann und HIT, Tankstellen wie Aral, Shell und Star oder die Vapiano-Restaurants. Doch der große Ansturm blieb bislang aus: Während in Teilen von China oder einigen afrikanischen Staaten schon ein Drittel bis fast die Hälfte der Kunden ein Tablet oder Handy zum Zahlen nutzt, sind es in Europa nur etwa 20 Prozent, in Deutschland gar nur rund 13 Prozent. Der Deutsche hängt treu an seiner EC-Karte — auch wenn die schon seit Jahren gar nicht mehr so heißt.

Dabei hätte er vom Bezahlen per Handy viele Vorteile, erklärt Vodafone-Sprecherin Ulrike Wirtz: „Er kann sich das dicke Portemonnaie mit Kredit-, EC- und diversen Kundenkarten sparen, hat immer Kleingeld verfügbar und kann auch größere Beträge schnell und einfach bezahlen.“ Der frühere Deutschlandchef des Mobilfunkanbieters Telefónica, René Schuster, formulierte im Januar 2013 kühn: „Für heutige Kinder werden Brieftasche und Bargeld bald Geschichte sein.“

So weit, so optimistisch. Doch der Markt fürs mobile Bezahlen ist heillos zersplittert. Denn neben den Angeboten der Mobilfunk-Riesen gibt es noch zahllose weitere Systeme. Das zeigt sich schon am interessierten Kunden im Café am Aachener Markt. „Ich bezahle meinen Kaffee immer mit der Starbucks-App“, erzählt er. Die US-Kette bot eine eigene iPhone-App an, die allerdings derzeit nicht mehr verfügbar ist und angeblich überarbeitet wird. Sie basiert auf Apples Passbook-System, das unter anderem Daten wie Flugzeug-Bordkarten im Handy speichert.

Briefmäßig lange Anmeldedauer

Die Kaffee-App ist nur eine von vielen. Auch der Discounter Netto ist mit einem eigenen System in den App-Stores vertreten. Es setzt auf dem Bezahldienst Postpay der Deutschen Post auf. Die Registrierung dauert denn auch briefpostmäßig lange: Der zweite von zwei Sicherheitscodes steckt im Betreff einer Testüberweisung, die der Nutzer nach einigen Tagen aufs Bankkonto bekommt. Der geplante Selbstversuch beim Netto-Markt an der Philipsstraße muss folglich aus Zeitgründen entfallen.

Beim Mitbewerber Rewe geht es schneller, aber komplizierter. Der Kunde muss sich erst beim Dienstleister Yapital registrieren und dessen App installieren — die separate rote Rewe-App hat verwirrenderweise keine Bezahlfunktion an Bord.

Yapital verwendet nicht die NFC-Technik, sondern lässt QR-Codes auf dem Kassendisplay anzeigen. Der Kunde scannt sie mit der Yapital-App ein und bestätigt so den Kauf. Auch SportScheck und die Schuhkette Görtz haben Yapital im Einsatz.

Der Selbsttest im Rewe-Markt an der Trierer Straße in Aachen funktioniert tadellos — obwohl er für das Kassenpersonal offenbar praktisch eine Premiere darstellt. Nachdem unser Tester auf dem Kartenlesegerät die Bezahlweise per Yapital gewählt hat, kann er einen QR-Code per Handy einscannen. Das geht schnell und einfach.

Sind es vor allem technikbegeisterte Jugendliche, die Spaß am mobilen Zahlen haben? „Es sind nicht nur junge Leute, die das nutzen“, sagt Ilona Schlesinger. Sie leitet eine Filiale der Parfümeriekette Douglas in der Aachener Einkaufsmeile Adalbertstraße. Auch dort klappt der Einkauf per Smartphone und NFC-Technik klaglos — eine von den Kunden durchaus genutzte Option, wie die Filialleiterin betont. Sie ist überzeugt: „Das wird sich auf jeden Fall noch stärker verbreiten.“ Douglas zählt zu den Händlern, die die Systeme der Mobilfunkkonzerne akzeptieren und zusätzlich eigene Apps mit Bezahlfunktion anbieten.

Geschichte der enttäuschten Hoffnungen

Keine Frage: Das kontaktlose Bezahlen ist ein Trend. Erst am Montag startete Apple in den USA — nach langjährigem Widerstand — ein eigenes NFC-System namens Apple Pay. Es wird auf den neuen iPhones der 6er-Generation laufen. Google trommelt derweil für sein noch wenig verbreitetes Wallet. Auch der Bezahldienst PayPal plant Großes. Der angekündigte Tod der Brieftasche: Nur noch eine Frage von Monaten?

Nicht zwingend. Die Geschichte des mobilen Bezahlens ist nämlich — vor allem in Deutschland — bislang eher eine der enttäuschten Hoffnungen. Wer erinnert sich noch an Systeme wie Paybox (hierzulande eingestellt 2003) und dessen Nachfolger Moxmo (eingestampft 2004), Luupay (2009), Crandy, Moonha und wie sie alle hießen? Auch Googles erster Versuch Checkout floppte. Die Zukunft des von T-Mobile, Vodafone und O2 beworbenen Mpass steht in den Sternen. EC-Karte und Klimpergeld schlagen sich weiterhin wacker.

Bleibt aus Sicht des Kunden als Fazit: Das mobile Bezahlen ist zwar auch bei uns im Westzipfel an-, aber noch nicht aus seiner Nische herausgekommen. Immerhin: Wer eine oder mehrere der Bezahl-Apps ans Laufen bekommt, darf beim Shoppen das schöne Gefühl genießen, Pionier zu sein. Ganz wie damals, vor etwa 15 Jahren, als noch Neid und Staunen erntete, wer ein Handy nur aus der Tasche zog.