Die Predikt von Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff

Die Predikt von Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Werte Gäste aus ganz Europa! Wir Christen feiern heute das Fest Christi Himmelfahrt. Wir glauben daran, dass Jesus heimgegangen ist zu seinem Vater und zu unserem Gott.

Er tritt bei ihm für uns ein. Der Vater hat ihm das Reich übergeben. Er herrscht vom Himmel her. Er lebt und wirkt in der Kirche Gottes.

Wir sprechen gläubig mit dem Apostel Thomas, der erst spät die Erfahrung des auferstandenen Herrn gemacht hat: „Mein Herr und mein Gott!”. Gottes Herrschaft und Reich, Christi dynamische Gegenwart, die Sendung des Heiligen Geistes - das alles ist uns geschenkt, damit wir ein Leben führen „würdig des Rufes, der an uns erging” (Eph 4, 1).

Gottes Herrschaft und Reich, das ist etwas, das in unseren Herzen aufgerichtet wird und lebt, das zu einem evangeliumsgemäßen Leben führt, das Nachfolge Christi in uns lebendig macht. Diese Überzeugungen und Maßstäbe, die uns das Evangelium gibt, haben die Geschichte Europas geformt und werden auch in Zukunft eine Kraft sein, die Europa vorantreibt. Was aber ist Europa? Ich glaube, man kann es nicht besser erleben als in dieser Domkirche Karls des Großen, dessen Herrschaftsverständnis 1000 Jahre lang die politische Kultur Europas geprägt hat. Wenn heute Ihnen, sehr geehrter Herr Javier Solana Madariaga, der Internationale Karlpreis zu Aachen für Ihre Verdienste um Europa überreicht wird, sage ich Ihnen hier im Dom herzliche Glück- und Segenswünsche.

Das Karlspreisdirektorium wollte Ihre Verdienste für Europa in der Außen- und Sicherheitspolitik würdigen und wertschätzen. Denn als Generalsekretär des Rates der Europäischen Union und als deren Hoher Vertreter für die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik stehen Sie für die politische Einheit Europas und für seine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik. Sie persönlich streben danach, dass Europa lernt, in dieser Welt politisch mit einer Zunge zu sprechen. Ich weiß, dass damit hohe Erwartungen an Sie gestellt sind.

Beim Besuch des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz in Israel wurde das deutlich von israelischer und palästinensischer Seite gesagt. Man wartet auf aktive Unterstützung der Europäischen Union für einen Friedensprozess, der mit Geduld und Beständigkeit die notwendigen Schritte tut, denn alle in Israel und Palästina wissen, dass Friede notwendig fürs Überleben ist. Das bedeutet Sicherheit und Anerkennung des Existenzrechtes Israels; das bedeutet Anerkennung eines palästinensischen Staates, der unabhängig und frei ist und nicht eingeengt wird durch Mauer, Siedlungsbau und Checkpoints.

Ich halte dafür, dass die EU und das Nahost-Quartett die Entwicklung Israels stützen und die Palästinenser fördern durch wirtschaftliche und bildungsmäßige Unterstützung. Wer Brot und Arbeit hat, wird nicht Terrorist. Die Europäische Union und die derzeitige Ratspräsidentschaft wollen die in Nahost eingeleiteten Prozesse gut und wirksam unterstützen.

Ähnliches gilt für Afrika, für diesen vergessenen Kontinent. Wir müssen erkennen, dass die europäischen Kolonialmächte diesen Kontinent ausgeplündert haben, indem wir Sklavenhandel trieben und den Kontinent dann wirtschaftlich und kulturell ausgebeutet haben. Wir müssen deutlich machen, dass wir Afrikas Seele und die Würde der afrikanischen Völker wieder herstellen müssen. Wir Europäer haben hier eine Bringeschuld. All das gehört zu einer verantworteten Außenpolitik der EU, für die Sie stehen.

Die Aufgaben sind riesig. Wir wünschen Ihnen Erfolg, Geduld und Beharrlichkeit in diesem Bemühen. Ihre Entscheidungen im Balkankrieg haben zu kritischen und demonstrativen Äußerungen gegen diese Preisverleihung geführt. Es ist nicht meine Aufgabe, das zu bewerten. Ich möchte nur den Grundsatz festhalten, der auch im Wort der deutschen Bischöfe „Gerechter Friede” steht, dass im Falle ethnischer Säuberungen zur Wiederherstellung von Sicherheit und Frieden und zum Schutz der Menschenrechte eine militärisch gestützte Friedensmission ethisch gerechtfertigt sein kann.

50 Jahre sind seit der Unterzeichnung der Römischen Verträge vergangen. „Die Zeit scheint also reif dafür, dass die ldee Wirklichkeit werde .. Warum noch zaudern? Das Ziel ist klar, die Bedürfnisse der Völker liegen offen vor aller Augen. Dem, der im voraus eine absolute Garantie für einen glücklichen Ausgang haben möchte, müsste man antworten, dass es sich wohl um ein Wagnis, aber um ein notwendiges Wagnis handle, um ein Wagnis jedoch, das den gegenwärtigen Möglichkeiten entspreche, um ein vernünftiges Wagnis .. Wer absolute Gewissheit verlangt, beweist keinen guten Willen gegenüber Europa”.

So hatte Papst Pius XII. 1954 die Einigung Europas begrüßt. Geboren wurde die Idee aus der Erfahrung des Krieges, der Trümmer, Leid und Tod in Europa zurückließ. Die Europäische Union ist eine Frieden schaffende und Frieden sichernde Kraft geworden. Sie will Konfliktlösung und Konfliktvermeidung ohne Waffen. Die Europäische Union bekennt sich zur Europäischen Grundrechtecharta: „Die Würde des Menschen ist unantastbar”.

Der Mensch ist allem gesellschaftlichen und staatlichen Handeln vorgeordnet. Er ist Person - Individuum und soziales Wesen -, die der Freiheiten bedarf und nach einer Ausstattung an Gütern verlangt, die ihr ein Leben in der Gesellschaft ermöglichen. Wir weisen darauf hin, dass in einem Grundlagentext über die Verfasstheit der EU eine rechtlich verbindliche Charta der europäischen Grund- und Menschenrechte wichtig und eine Bezugnahme auf Gott und das christlich-jüdische Erbe der europäischen Kultur erwünscht ist, das den Beitrag muslimischer Menschen und der Aufklärung nicht übergeht. Jean Monnet hat gesagt: „Europa ist ein Beitrag für eine bessere Welt”.

Diese Verantwortung muss Europa aktiv wahrnehmen, bei der Integration Europas nach innen, auch unter Einbeziehung der ostund südosteuropäischen Staaten, wie nach außen durch eine Friedens- und Entwicklungspolitik für Afrika, Asien und Lateinamerika. Europa ist gerufen, eine Außen- und Sicherheitspolitik zu entwickeln, die dem Frieden dient, die Menschenrechte und Grundfreiheiten schützt, die die internationale Sicherheit stärkt, die die internationale Zusammenarbeit fördert und Demokratie und Rechtsstaatlichkeit entwickelt und stärkt.

Heute, am Fest Christi Himmelfahrt, richten wir Menschen unseren Blick nach oben. In der Kuppel des Oktogons unserer Marienkirche sehen wir den auferstandenen und erhöhten Herrn, Jesus Christus, vor dem wir als Christen alle Herrschaft und Gewalt verantworten müssen. Er hat uns durch sein Evangelium Orientierung für unser Handeln gegeben, auch für den politischen Weg unserer Völker. Er hat diejenigen selig gepriesen, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, die keine Gewalt anwenden, die Frieden stiften, denn ihrer ist das Himmelreich (vgl. Mt 5, 3-1 1).

Wir schauen auf zu Jesus Christus, der einst wiederkommt in Herrlichkeit. Das heutige Evangelium schließt mit dem Wort: „Dann führte Jesus sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben, sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück. Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott” (Lk 24, 50-53). Unter dem Segen Gottes stehen auch wir heute. Unter dem Segen Gottes wollen wir in Zukunft leben und arbeiten ? zum Segen für die Menschen. Amen.