Erkelenz: Die Praktiken der Ausgrenzung und Unterwerfung erkennen

Erkelenz: Die Praktiken der Ausgrenzung und Unterwerfung erkennen

„Wir glauben an die nationale Saubande!”, „Saubandenschädlinge sind Abschaum!” und „Saubandenführer befiehl! Wir folgen!” So und ähnlich lauteten die Grundsätze, die die Teilnehmer eines pädagogischen Spiels im ZAK an der Mühlenstraße auswendig lernen mussten.

Und die rund 30 Zehntklässler der Erkelenzer Realschule waren zumindest anfangs mit Feuereifer bei der Sache. Kein Wunder, denn angeblich winkte ja bei guter Mitarbeit eine Reise nach Berlin.

„Das zieht fast so gut wie die Teilnahme an einer Castingshow”, betonte der Spielpädagoge Ralf Brinkhoff, der das „Saubandenspiel” vor rund zehn Jahren entwickelt hat. Dabei geht es um die emotionale und rationale Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten des dritten Reiches und den Praktiken der Ausgrenzung und Unterwerfung bei teilweise sinnlosen Befehlen. Die Schüler sollten selber erkennen, wie weit ihr blinder Gehorsam geht und wozu sie in der Lage sind, erklärte Brinkhoff. Dazu diente das Spiel, bei dem die Teilnehmer nicht wussten, was der eigentliche Sinn ist.

„Wir wollen zeigen, wie schnell man in solche Strukturen hineinkommen kann”, betonte er. Dazu schuf er die „Saubandenpartei”, die auf straff hierarchischen Strukturen basiert und die Jugendlichen durchaus an ihre Grenzen führt. Da wurden Personen schon anfangs „aussortiert”, weil sie zu kleine Füße hatten. Die Saubande hatte einen Führerbunker, ihre Truppen und das Fußvolk, die den Befehlen von oben zu gehorchen hatten. Wer nicht mitmachen wollte, der landete im „Zentrallager für Kaputte” (ZK).

Was von einigen Jugendlichen als Strafe angesehen wurde, war das eigentliche Ziel des Spiels: Widerstand und Verweigerung gegen willkürliche und radikale Strukturen. „Es gibt immer welche, die nicht mitmachen”, so Brinkhoff. Oftmals habe er jedoch auch von den Teilnehmern zu hören bekommen, dass die straffen und teilweise unsinnigen Regeln durchaus positiv aufgenommen werden.

„Anscheinend gibt es ein tief sitzendes Bedürfnis nach klaren Strukturen”, erklärte er. Dies mache Jugendliche noch anfälliger für radikale Parolen. Fraglich war jedoch, ob die „Kaputten” dem Druck standhalten und ihren Widerstand aufrechterhalten würden. Schließlich winkte ja angeblich als Belohnung die Reise nach Berlin.

Fester Bestandteil des Spiels ist auch die nachträgliche Reflektionsrunde, wenn die Spielsituation aufgeklärt ist. „Man kann die Schüler mit dem Erlebten nicht allein lassen”, erklärte auch die Englischlehrerin Melanie Schmidt, die ebenfalls am Spiel teilnahm.

Ziel der Nachbesprechung sei es, den Schülern aufzuzeigen, wo ihre Grenzen liegen und wie leicht Manipulation funktioniert. Deshalb werden die Ergebnisse des Spiels auch im Unterricht nachbehandelt. „Darüber hinaus erhält man auch interessante Einblicke in die Strukturen innerhalb der Klassen”, betonte sie.

Bei der ersten Gruppe des Tages geschah etwas Ungewöhnliches. Denn nach einer knappen Stunde „kippte” das Spiel und fast alle Teilnehmer gingen in den Widerstand. „Das habe ich in den zehn Jahren erst einmal erlebt”, betonte Brinkhoff. Allerdings hatte er sich zu früh gefreut. Denn bei vielen war es kein bewusster Widerstand, wie sich auf Nachfrage schnell herausstellte.

Viele Schüler waren nur von einem Leithammel zum nächsten gewechselt. Auf die Frage, weshalb sie nicht mehr mitmachen wollten, wussten einige außer „Keinen Bock” nicht viel zu antworten. Einer zeigte sich sogar bereit, gegen Bezahlung weiter zu spielen. Von Herzen und aus Erkenntnis kam der Widerstand also nicht unbedingt.

Schon bei der zweiten Gruppe Realschüler, die zum Spielen ins ZAK kamen, sah die Sache völlig anders aus. Denn die hätte das Spiel auch gerne nach seinem Ende weiter fortgeführt und war kaum zu bremsen.