Leserbriefe zum Thema Kirche: Die neue Hoffnung und der alte Glaube

Leserbriefe zum Thema Kirche : Die neue Hoffnung und der alte Glaube

Kirchenaustritte, Streit um Reformprozess und Mitbestimmung im Bistum: Die Themen Glaube und Kirche beschäftigt weiterhin unsere Leserinnen und Leser. Daher haben sie zahlreiche Leserbriefe eingeschickt.

Heinz Hanf aus Heimbach geht auf den Bericht „Zähes Ringen um mehr Demokratie“ ein:

Sie berichten zu diesem Thema „Der diözesane Gesprächs- und Veränderungsprozess ‚Heute bei dir’ geht im August in seine zweite Phase. Derzeit gibt es großen Ärger. Priester und die in den Verbänden und Räten organisierten Laien wollen verbindlich angehört werden und vor allem mitentscheiden können. Maßgebliche Repräsentanten des Bistums machen in ihren Einschätzungen deutlich, dass es für die zweite Prozessphase große Ernüchterung bei der Mehrheit – und mit wenigen Ausnahmen Nichtverstehen und Resignation im Priesterrat gebe“ – sagte Andreas Mauritz, der Sprecher des Priesterrates. Die Vorsitzende des Diözesanverbandes der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands, Marie-Theres Jung, zieht den Schluss ‚Heute bei dir’ ist ein Prozess des Bischofs und Generalvikars.“ „Alle dürfen mitreden, aber was geschieht mit den Anregungen? Es gibt keine Mitbestimmung, aber viel Show. Leitende Pfarrer des Bistums haben in diesem Prozess nicht das Gefühl, dass unsere Erfahrungen irgendeine Rolle spielen, obwohl wir dessen Konsequenzen tragen und umsetzen müssen“, sagt der Pfarrer Hans-Otto von Danwitz von St. Lukas Düren.

Ich sehe und höre – DAS ist das alte Lied in der katholischen Kirche! Laie, du darfst viel mittun und auch manches zur Sache reden. Priester, natürlich sollst du Vorschläge machen und aus deinen Erfahrungen berichten. Aber beurteilen und Entscheidungen treffen, DAS ist und bleibt das alleinige Recht von ein, zwei Leuten „ganz oben“ im Bistum.

Von wegen Ringen um Demokratie. Nun lässt sich aber heutzutage kein erfolgreiches Unternehmen und noch so kleiner Dorfverein mit dieser Methode führen. Die Konsequenzen werden Unmut, Verdruss, innere Kündigung oder gar Kirchenaustritte sein. Eine schlechte Nachricht für mich und für alle, die sich für ihre Kirche eine gute Zukunft wünschen.

Gerd Felder aus Jülich merkt zum Interview „Wie ist denn das Echo, Herr Generalvikar?“ mit Andreas Frick, der die Vorwürfe gegen den „Heute bei dir“-Prozess zurückweist, und den Leserbriefen dazu an:

Seit Monaten, nein, seit Jahren stehe ich fassungslos vor den Leserbriefen, die Ihnen zur Situation des Bistums Aachen und zum Gesprächsprozess „Heute bei dir“ zugeschickt werden. Häufig dieselben Leute empören sich da in regelmäßigen Abständen und arbeiten sich an der Bistumsleitung ab. Dabei wird der neutrale, unbefangene Beobachter den Eindruck nicht los, dass es vor allem um gekränkte Eitelkeiten geht und Voreingenommenheit die Perspektive trübt. Ein neuer Höhepunkt war jüngst erreicht, als Leser Josef Blum sogar unterstellte, der Generalvikar habe dem Interviewer „das Frage- und Antwortspiel“ in die Feder diktiert – wie völlig abwegig, absurd und beleidigend dieser Vorwurf ist. Wer das sehr erhellende und informative Interview dagegen halbwegs unbefangen liest, kann daraus viel lernen und erfahren, zum Beispiel auch, dass die Bistumsleitung möglichst viele Menschen am „Heute bei dir“-Prozess beteiligen will und die Ängste und Bedenken ernst nimmt. Auch liegt nichts bereits fertig in den Schubladen, was doch für alle Kritiker eine Beruhigung sein sollte. Wenn immer wieder fälschlicherweise behauptet wird, der Gesprächsprozess sei intransparent, fragt man sich, auf welchem Stern die leben, die eine solche Behauptung in die Welt setzen. In Wirklichkeit finden die Vorgänge um „Heute bei dir“ in aller Öffentlichkeit statt, und die Ergebnisse können im Internet ausführlich nachgelesen werden. Lehrreich ist das Interview mit Generalvikar Frick auch insofern, als es zeigt, wie stark die diözesanen Räte, die sich angeblich übergangen fühlen, immer wieder eingebunden werden.

Um es klar zu sagen: Ich selbst halte „Heute bei dir“ für eine großartige Idee, die viel zu wenig gewürdigt wird. „Heute bei dir“ ist eine Riesen-Chance, um die Zukunftsfähigkeit des Bistums Aachen zu gewährleisten.

Rainer Haselier aus Geilenkirchen befasst sich mit dem Leserbrief von Jürgen Grewe, alt-katholischer Pfarrer im Ruhestand aus Aachen, unter dem Titel „Mit Gott, ohne Gott und das ungewollte Wissen“, der unter anderem die Kirchenaustritte derer begrüßte, die als Kinder irgendwann getauft wurden, aber als Erwachsene nie den Kontakt zur Kirche gefunden haben:

Sehr geehrter Herr Grewe, selten habe ich einen Leserbrief dieser Klarheit, Wahrheit und Ehrlichkeit gelesen wie den Ihren zu den Kirchenaustritten. Da ich davon ausgehen darf, dass Sie der älteren Generation angehören, ist es umso bemerkenswerter, dass Sie die Situation dermaßen richtig erfassen und dies auch öffentlich äußern. Sie verdienen allen Respekt und Dank!

Sie treten nicht nach und lassen die, die in der Kirche in Glaubensfragen keine Heimat gefunden haben, unbehelligt ihrer Wege gehen. Oft schon habe ich die Meinung vertreten, dass man als im Säuglings- oder Kleinkindalter getaufter Mensch nicht zwanghaft dauerhaft dem Christentum angehörig sein kann – und wurde mitleidig belächelt. Die Kirchensteuer möchte ich aber als Austrittsgrund für die von Ihnen angesprochenen Menschen hinzufügen, ein Behördengang ist lästig und kostet einige Menschen Überwindung. Ohne diese „Zwangsabgabe“ würden viele den Schritt zum Austritt nicht angehen, und die Austrittszahlen der Kirche wären nicht so dramatisch. (Diese Austritte wären dann zusätzlich pragmatisch/finanziell begründet.) So wundert mich Ihre Meinung in keiner Weise, sondern ich begrüße sie. Ich wünsche Ihnen alles Gute, ein langes Leben als überzeugter Christ in Ihrer Kirche und bleiben Sie in diesen Zeiten bloß gesund. Auf Menschen mit weltoffenen Ansichten wie Ihre kann man heutzutage nicht verzichten. Es schreibt Ihnen ein Ex-Katholik (also als Säugling getauft), aber (frühzeitig) überzeugter Atheist.

Martha Kosel aus Aachen bezieht sich auf den Artikel „Zähes Ringen um mehr Demokratie“ sowie auf die Leserbriefe unter der Überschrift „Mit Gott, ohne Gott und das ungewollte Wissen“:

Ich finde, die Bistumsleitung hat es nicht verdient, dass man so auf sie einschlägt. So wie ich es wahrnehme, ist da nicht ein Machtmensch, der ohne Rücksicht auf Verluste seine Position durchsetzt. Ich sehe da ein Team, in dem man aufeinander hört und dann klare Entscheidungen trifft. Die Sache mit dem Zölibat wird nicht hier entschieden. Ich bin dankbar, dass es das gibt. Es sagt mir, dass Priestersein eine Existenzform ist, nicht ein Job wie jeder andere. Es sagt mir auch, dass es mehr Formen als die Ehe braucht, um Gottes Liebe darzustellen: Treue durch die Zeit – Weite für alle. Das Priesteramt für Frauen wird auch nicht hier entschieden. Ich sehe die Geschlechter komplementär zueinander. Ich habe noch von keinem gehört, dass es wünschenswert wäre, wenn Männer Schwangerschaft und Stillzeit erleben könnten. Dabei ist das eine wesentliche Erfahrung.

Ursula Apfelbaum aus Aachen kritisiert die Spezialseite „Wie ist denn das Echo, Herr Generalvikar?“ mit dem Interview mit Andreas Frick:

„Herr, schicke Arbeiter in Deinen Weinberg!“ Was unsere Kirche braucht, sind „Seelsorger“ und keinen Debattier-Club (“Heute bei dir“). Ganz sicher keine ganze Zeitungsseite – völlig nichtssagend!

Uschi Cool aus Eynatten äußert sich zum Artikel „So viele Kirchenaustritte wie nie“:

Ich hoffe, dass diese enorme Menge von Kirchenaustritten hauptsächlich darauf beruht, dass Menschen ihrem Protest gegen die aufgehaltene Fortschrittlichkeit der Kirche, vor allem der katholischen Kirche, Ausdruck verleihen. Wovon lebt das Christentum? Von Beziehung! Vom Glauben aneinander und Vertrauen zueinander. All dies wurde in der Vergangenheit mit Füßen getreten. Vertuschung und Verwischen von Tatsachen ist Fakt. Wollen wir zulassen, dass ein altes, elitäres Herrenklübchen es schafft, dass wir den Glauben an die Menschlichkeit aufgeben? Ich selbst war vor langer Zeit aus der Kirche ausgetreten, das ging ganz einfach. Aber, ich bin auch wieder zurückgegangen (das war wesentlich anstrengender), immer in der Hoffnung, dass Veränderung in dieser Kirche möglich ist.

Vielleicht muss aber auch jeder für sich selbst entscheiden, was ihm wichtig ist. Mir reicht es zum Beispiel nicht, „Gott in der Natur“ zu erleben oder den Gottesdienst im Radio zu verfolgen. Ich ziehe die Gemeinschaft im Glauben vor, daraus ziehe ich meine Kraft. Im Gespräch mit jungen Eltern höre ich oft: „Das muss/kann mein Kind einmal selbst entscheiden.“ Aber, um etwas zu entscheiden, muss ich es vorher kennengelernt haben. Wer lebt dem Kind Glauben vor? Kann ich Glauben leben, ohne einer Kirche anzugehören? Es enttäuscht mich zutiefst, dass in der katholischen Kirche kein Fortschritt zu erkennen ist. In meiner Heimatgemeinde sind es in der Mehrzahl die Frauen, die das Gemeindewesen aufrechterhalten. Was, wenn diese Frauen alles hinwerfen würden?

Ich möchte ihnen raten: Öffnet euch für die Frauen und die Belange der Familien, sonst steht ihr irgendwann einmal allein vor dem Altar. Begebt euch in Beziehung – ehrlich und offen und gleichberechtigt.