Kreis Heinsberg: Die „Killer” im Verkehr können das Leben kosten

Kreis Heinsberg: Die „Killer” im Verkehr können das Leben kosten

Obwohl über 300 Menschen den Veranstaltungsraum füllten, war es am Dienstag im Forum des Berufskollegs Wirtschaft in Geilenkirchen mucksmäuschenstill. Das hatte seinen Grund in einem Verkehrsunfallpräventionsprojekt der Kreispolizeibehörde Heinsberg.

Im Rahmen der landesweiten Kampagne „Crash Kurs NRW” und in Zusammenarbeit mit der Notfallseelsorge Rheinland, der Freiwilligen Feuerwehr Geilenkirchen, der Verkehrswacht Heinsberg und dem St.-Elisabeth-Krankenhaus Geilenkirchen hat die Polizei ein auf den Kreis zugeschnittenes Konzept erstellt, das sich an 16- bis 19-Jährige richtet. Ziel ist es, den jungen Menschen mit drastischen Bildern und emotionsgeladenen Beiträgen eindringlich klar zu machen, wie lebensgefährlich riskantes Verhalten im Straßenverkehr ist.

Zur Auftaktveranstaltung hatten sich neben den Schülern auch Kreisdirektor Peter Deckers und Polizeidirektor Hans-Joseph Rademacher sowie zahlreiche Vertreter von Schulen und Behörden eingefunden. „Ich bin seit 30 Jahren hier an der Schule und musste es leider mehrmals erleben, dass, wenn ich montags zur Schule kam, ein Schüler fehlte, weil er tödlich verunglückt war”, sagte Schulleiter Rudi Zins bekümmert, bevor er das Wort an Michael Okuhn weiterreichte.

Der Polizeihauptkommissar bei der Direktion Verkehr leitet das Projekt und weiß wovon er redet, denn er hat tagtäglich mit Verkehrsunfällen zu tun. „Bitte kein Applaus. Für uns ist es schon genug, wenn wir jeden Tag jeden einzelnen jungen Menschen wiedersehn”, so Okuhn. „Fünfmal am Tag seid ihr im Kreis Heinsberg an einem Verkehrsunfall beteiligt”, ging er auf die 18- bis 24-Jährigen ein. „Wir möchten, dass ihr fühlt, was es bedeutet, an einem schweren oder sogar tödlichen Verkehrsunfall beteiligt zu sein. Unfälle passieren nicht so einfach, sie werden verursacht”, machte er klar.

Okuhn erwähnte die so genannten „Killer” im Straßenverkehr: Fahrten unter Alkohol oder Drogeneinfluss sowie immer wieder die überhöhte Geschwindigkeit. Aber auch die Handynutzung könne katastrophale Folgen haben.

Der erste kurze Filmbeitrag zeigte Fotos von Verkehrsunfällen im Kreis Heinsberg, die, so Okuhn „nicht weit weg passierten, sondern vor der Haustüre”.

„Was passiert in der letzten Sekunde, wenn du mit 80 Stundenkilometern gegen einen Baum prallst?”, stelle sich die Frage. „Übrig bleibt das Nichts, nur unendliche Trauer für Angehörige und Freunde.” Der Polizeihauptkommissar rechnete vor: „Wenn wir es als Polizei schaffen, die Geschwindigkeit der Jungen Fahrer um zwei Prozent zu senken, hätten wir 15 Prozent weniger Verkehrsunfälle.”

Hauptkommissar Georg Schippers berichtete in eindringlichen Worten von einem tödlichen Verkehrsunfall auf der B 221 bei Blauenstein. Hier war im Frühjahr 2010 ein Kleintransporter auf einen Lastkraftwagen der Straßenmeisterei geprallt. „Wie sich später herausstellte, stand der Fahrer des Transporters unter Drogeneinfluss. Im Krankenhaus erfuhr er dann, was er angerichtet hatte”, so Schippers und weiter: „Er wird damit leben müssen, dass er die Mutter seines Kindes umgebracht hat.” Schippers gab zu: „Ich bin zwar seit 30 Jahren bei der Polizei, aber sowas zieht mir immer noch die Schuhe aus.”

Zwischendurch hielten mehrere Kurzfilme den Schülern vor Augen, was alles Schreckliches passieren kann, wenn man sich falsch im Straßenverkehr verhält. Sei es durch zu hohe Geschwindigkeit, oder weil einfach der Sicherheitsgurt nicht angelegt wurde. „Der Gurt ist ein Lebensretter, wer sich anschnallt. verdoppelt seine Lebenschancen”, verwies Okuhn auf Statistiken.

Von seiner Tätigkeit bei Verkehrsunfällen als Feuerwehrmann berichtete derMichael Wassen und zeigte dramatische Bilder von Unfällen im Stadtgebiet. „In 20 Jahren kommt ein Feuerwehrmann auf rund 300 Tote”, schockte Wassen die Zuhörer und erzählte von einem Unfall, der sich im Januar 2009 in Geilenkirchen-Rischden ereignet hatte. „Der Verursacher war leicht verletzt, der Fahrer des anderen Autos war drei, sein Beifahrer 12 Monate arbeitsunfähig”, sagt der Feuerwehrmann.

Ursache war eine Unaufmerksamkeit des Verursachers. „Der Fahrer des anderen Fahrzeuges war ich. Ich weiß, was es bedeutet, keine Luft mehr zu kriegen”, so Wassen und fuhr fort: „Ich bin es leid Unfälle sehen zu müssen, wo junge Menschen sterben.”.

Dr. Sebastian Fritz, Assistent in der Unfallchirurgie im Geilenkirchener Krankenhaus und Notarzt berichtete von der Erstbehandlung am Unfallort und wie es dann in der Klinik weitergeht. Pfarrer Manfred Jung, Notfallseelsorger im Kreis Heinsberg umriss sein Aufgabengebiet. „Hart ist auch die Aufgabe, wenn wir Angehörigen die Nachricht vom Tod eines Menschen überbringen müssen”, weiß er aus Erfahrung.

„Mit dem Auto wolltest du immer der Schnellste sein. Jetzt warst du der Schnellste, sogar schneller als das Leben”, war die Botschaft eines weiteren Filmbeitrags.

Einen bleibenden Eindruck bei den Schülern hinterließ Martina Wilmes. Ihre 18-jährige Tochter verlor 2004 bei einem Verkehrsunfall das Leben. „Weil ich soviel Rückhalt von der Polizei erfuhr, als der Unfall damals passiert war, gebe ich einen Teil davon auf diese Art zurück”, nennt sie den Grund, warum sie das Projekt „Crash Kurs NRW” unterstützt. Zudem sehe sie das Berichten über das Schicksal von Nadine heute noch als einen Teil der Vergangenheitsbewältigung, der Therapie. Damals hätte es ein Unwetter gegeben, die Straße stand unter Wasser. Nadine sei mit dem Auto in den Graben gerutscht und dann gegen einen Baum geprallt. „Man fand sie mit dem Feuerzeug in der Hand, sie wollte sich eine Zigarette anzünden”, warnte sie vor Ablenkungsmanövern während der Fahrt. „Ich wünsche mir, dass eure Eltern und Angehörigen eure Träume immer mit euch erleben können”, schloss Martina Wilmes und hinterließ bewegte und nachdenkliche Gesichter.

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