Leserbriefe zur Kirche: Die Geweihten und die Ungeweihten

Leserbriefe zur Kirche : Die Geweihten und die Ungeweihten

Das Bistum Aachen erwartet einen Rückgang der Kirchensteuer, die evangelische Kirche diskutiert eine Steuersenkung und deutsche Katholiken sind empört über die Instruktionen des Papstes. Dies sind die Meinungen unserer Leser zum Thema Kirche.

Karl-Heinz Mader aus Jülich beschäftigen die Beiträge „Bistum Aachen erwartet Kirchensteuer-Rückgang“ sowie „Finanzstärkstes Bistum liegt in NRW“:

Die Kirche passt ihre Schmerzensgelder für Missbrauchsopfer den staatlichen Vorgaben an. Dadurch wurde der Betrag drastisch gesenkt. Der Kirche ist, glaube ich, immer noch nicht klar, was Missbrauch eigentlich bedeutet. Bundesjustizministerin Christine Lamprecht will Kindesmissbrauch jetzt schärfer bestrafen. Wir schreiben immerhin das Jahr 2020, und in den Medien lesen wir, welche Ausmaße zu diesem Themenkomplex bekannt werden. Es soll dann statt eines „Vergehens“, Säuglinge und Kinder zu missbrauchen, künftig ein „Verbrechen“ sein. Es ist seelischer Mord, und das müssen die Opfer bis zum Ende ihres Lebens ertragen. Die Kirche macht es sich leicht, sich in der Schmerzensgeldfrage an den Vorgaben des Staates zu orientieren. Es ist ja nur ein „Vergehen“.

Kann die Kirche in Deutschland ihre Opfer denn vernünftig entschädigen? In Irland geht das. Laut Ihrer Zeitung ist das finanzstärkste Bistum in Paderborn, mit einem Gesamtkapital von 7,15 Milliarden Euro. Es folgen München-Freising mit 6,1 Milliarden und Köln mit 3,8 Milliarden Euro etc. Die Höhe der Summe in Paderborn hat selbst Generalvikar Alfons Hardt überrascht. Die Rücklagen aus guten Jahren des Bistums Aachen stehen trotz Corona auf einem sicheren Fundament, meint der Ökonom des Bistums Martin Tölle. Zu lesen in Ihrer Zeitung.

Wenn das alles so gut ist, warten wir einfach noch eine Weile, bis es bei den Bischöfen zu Entscheidungen kommt. Das spart. Vielleicht haben die Opfer ja Glück, der Gesetzentwurf „Vergehen“ wird zu „Verbrechen“ wird durchgewunken, und der Staat hebt die Schmerzensgeldzahlungen an Missbrauchsopfer nach oben an. Mal sehen, ob die Kirche dann auch wieder gleichzieht, oder sich endlich zu einer angemessenen Summe als Ausgleich für „Verbrechen“ bereit erklärt. Es wird die Kirche wieder glaubhafter erscheinen lassen!

Horst Sochart, ehemaliger Aachener aus Essen, meldet sich zum Text „Instruktion des Papstes empört deutsche Katholiken“ zur aus Rom untersagten Leitung einer Pfarrei durch ein Team aus dem Pfarrer und Nicht-Klerikern zu Wort:

Der „Aufschrei“ ist eine rein subjektive Sichtweise aus einer schnellen Gemütserregung, so würde ein Psychologe die Empörung einordnen. Hier sollten wir die Sachlage der zweitgrößten Weltreligionsgemeinschaft betrachten: Die Gemeinschaft der römisch-katholischen Christen wird durch die „Hauptverwaltung Vatikan“ vertreten. Dort setzen sich die Dienstangehörigen aus dem Klerus und Zivilangestellten zusammen. Diese befürchten Folgendes: Seit Jahren verringern sich die registrierten Mitglieder. Dieses führt zu Arbeitsplatzängsten, was wir gegenwärtig von Kaufhof, Krupp etc. kennen. Die Gewerkschaften wenden dazu die „Strategie“ zur Substanzerhaltung an, also möglichst zunächst (!) alles so zu belassen, wie es ist. Selbstverständlich ist der „Hauptverwaltung Vatikan“ bekannt, wie die Wirklichkeit bei uns aussieht. Der „Aufschrei“, durch wen auch immer, wird der einfachen Sachlage nicht gerecht: Vater unser – unser Brot gib uns heute!

Ursula Hartges aus Aachen befasst sich mit dem Bericht „Instruktion des Papstes empört deutsche Katholiken“ über die Instruktion aus Rom mit dem Titel „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“:

Diese Instruktion ist an die Weltkirche gerichtet und eine Ermutigung für alle, die sich Sorgen um die Kirche und ihren spezifischen Auftrag machen. Sie gibt viele Anregungen und Ansätze für Bischöfe, Priester und Laien in der ganzen Welt, neue Formen der Seelsorge, Katechese, inneren Erneuerung des Glaubens etc. zu suchen. In dem Artikel werden praktisch nur ein paar Zeilen aus dem Abschnitt 66 von insgesamt 124 herausgegriffen und sehr kritisch (negativ) kommentiert. Auf diese Weise wird ein einseitiger, vielleicht sogar falscher Eindruck vermittelt, wodurch das Anliegen der Instruktion nicht erfasst wird. Normalerweise recherchieren Sie meist doch recht gut, soweit ich es beurteilen kann.

Dr. Franz Schneider aus Alsdorf reagiert auf die Leserbriefe von Herbert Schaber aus Aachen und Hermann Stenten aus Vaals zur Instruktion der Kleruskongregation des Vatikan:

Ich danke den Herren Schaber und Stenten für ihre Äußerungen zum Schreiben aus Rom und zum Geist der vier Unterzeichner aus einem Hinterzimmer fern von der Wirklichkeit. War es gewollt, durch eine unzumutbare Sprache die getauften Laien in ihrer großen Zahl davor abzuschrecken, das Papier überhaupt zu lesen? Rund 34 Seiten bedrucktes Papier, davon zehn Seiten voll von sprachlich verbrämten Allgemeinheiten um die Bedeutung und Wirksamkeit des Heiligen Geistes. Wo und bei wem dieser wirkt, bleibt klärend unerwähnt, so dass diese Phraseologie schon heuchlerisch erscheint. Heuchlerisch ist es, immer wieder die missionarische Bedeutung der getauften „Ungeweihten“ – also der Gemeinde – herauszustellen wie die Verpflichtung, die Räte anzuhören, sie aber von der Mitentscheidung auszuschließen. Anzuerkennen sind die Ausführungen zu den Pflichten der Geweihten, bewährte Strukturen zu erhalten und nicht über die Köpfe der Ungeweihten hinweg neue Strukturen im wahrsten Sinne des Wortes zu konstruieren. Das missionarische Wirken des Volkes ist der tragende Inhalt der Gemeinde; nicht nach dem Befehl der Geweihten, sondern aus dem Glauben, dass der Heilige Geist auch bei uns wirkt. Ein Einwand gegen Herrn Stenten: Bleiben wir trotzdem in dem „Club“. Treten wir nicht aus, zahlen wir weiter die Kirchensteuer. Bleiben wir mutig, beharren wir auf dem Mitsprache- und Entscheidungsrecht. Scheuen wir uns nicht vor Protesten und Demonstrationen. Mögen die Machthaber zum Eigenschutz auch ihre Prälaten bewaffnet mit Hellebarden oder zur Einflößung der Angst mit hellen Bärten vor die Türen brüchiger Dome und Kirchen schicken, Kardinal Rainer Maria Woelki und Bischof Helmut Dieser sind neben Kardinal Gerhard Ludwig Müller heute die schlechtesten Leitfiguren in der Kirche Jesu, was jedenfalls Deutschland betrifft.

Heinz Jordans aus Inden meint zum Text „Order aus Rom nicht akzeptiert“ über die Ablehnung erfahrende vatikanische Instruktion:

Typisch deutsch! Da regen sich von vier im Foto Dargestellten drei auf, weil sie nicht kapieren wollen, wo die Wahrheit ihren Sitz hat.

Kardinal Rainer Maria Woelki weiß es: „Ihre Befähigung zur Leitung einer Pfarrei besitzen (!) Priester nicht aus sich heraus, sondern weil sie durch die Priesterweihe ‚dem Priester Christus gleichförmig‘ geworden und dazu bevollmächtigt sind, ‚in der Person des Hauptes Christi zu handeln‘.“ Wo er recht hat, hat er recht!

Christus war ja mit Gemeindefinanzen vertraut. Er kannte die Handhabung von Besitz und wusste, wie man mit Kircheneigentum umzugehen hat. Diese beiden Beispiele technischer – also äußerlicher – Voraussetzung zur Lebenserhaltung einer Pfarrei hat er gekannt. Er wusste auch, dass das Gesetz über der Nächstenliebe steht, was ihm schließlich zum Verhängnis wurde. Umgang mit Benachteiligten und Notleidenden (Seelsorge)? Dafür kann nur ein Priester zuständig sein. Frauen? Oh Je(sus)! Wann hat man je aus seinem Mund etwas gehört – außer einer Zurechtweisung?

„Was habe ich mit Dir zu schaffen, Weib?“ (Kana, Johannes 2,4), „Geh und sündige nicht mehr“ (die Ehebrecherin, Johannes 8,11).

Schuster, bleib bei deinen Leisten! Bist du geweiht zum Diener Gottes, lieber Kardinal Woelki, dann bemühe dich um Seelsorge! Das dürfte möglich sein, weil die seelischen Probleme der Menschen sich seit der Bestimmung der oben genannten Gleichförmigkeit nur wenig verändert haben. Freue dich über Unterstützung! Erkenne sie an, nutze sie, wenn dir an deinem Auftrag etwas gelegen ist. Ein Kopfstoß tut weh und kann sogar ohnmächtig machen. Ein Amt um des Amtes Willen – was irgendwie auch Verachtung einschließt – ist ein Kardinalfehler!

Hans-Jürgen Ferdinand aus Aachen äußert sich zum Beitrag „Evangelische Kirche diskutiert über Steuersenkung“:

Es verwundert immer wieder aufs Neue, mit welcher Selbstverständlichkeit, ja Dreistigkeit die beiden Kirchen die Kirchensteuer als Alimentation ihrer Glaubensgemeinschaften erachten. Offensichtlich hat auch Heinrich Bedford-Strohm als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) noch nicht begriffen, dass bereits die Weimarer Verfassung von 1919 den entscheidenden Schritt vom christlichen Glaubensstaat zum freiheitlich-demokratischen Staat vollzogen hat, in dem das Menschenrecht auf Weltanschauungsfreiheit garantiert wird. Damals wie heute wird in unserer Verfassung anerkannt, dass der Grundsatz der Trennung von Staat und Religion sowohl eine materielle als auch institutionelle Trennung vorschreibt. Daher fordere ich als Konfessionsloser die Politik auf, sich für eine Entflechtung der Beziehungen von Staat und Kirche und für eine Abschaffung des staatlichen Einzugs der Kirchensteuer einzusetzen.