Unser Europa: Die Freiheit des Reisens gefällt Ilia Gruev

Unser Europa : Die Freiheit des Reisens gefällt Ilia Gruev

Wer Ilia Gruev gegenübersitzt, sieht, dass es ihm gut geht. Seine Augen leuchten, wenn er aus seinem Leben erzählt. Er hat eine neue Heimat in einem Land gefunden, in dem er nicht geboren ist.

Und er hat dabei eine Stadt in sein Herz geschlossen, die er jetzt sein Zuhause nennt: Duisburg. Der 49-Jährige erinnert sich gerne an jenen für ihn so wichtigen Tag im April 2016, als ihm Oberbürgermeister Sören Link den deutschen Pass überreichte. Seitdem besitzt er die doppelte Staatsbürgerschaft.

„Es war sehr viel Papierkram, die Prozedur hat fast zweieinhalb Jahre gedauert“, sagt der Deutsch-Bulgare. Heute ist er „sehr stolz, beide Pässe zu besitzen“. Auch seine Ehefrau Petia (49) und ihre beiden gemeinsamen Kinder haben deutsche Papiere. Gruev, der knapp drei Jahre Trainer des Fußball-Zweitligisten MSV Duisburg war, ehe sich der Verein Anfang Oktober von ihm trennte, hat sich in seiner zweiten Heimat mit seiner Familie ein Leben aufgebaut.

Vor 18 Jahren, als Bulgarien noch nicht zur Europäischen Union gehörte, kam er als Profifußballer mit seiner Familie nach Deutschland. Seine Tochter Hristiana war zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt. Sein Sohn, der wie sein Vater Ilia heißt und heute in der U19 von Werder Bremen spielt, erst sechs Monate. Gruev, der in Sofia geboren wurde, hatte sich entschieden, vom bulgarischen Erstligisten Neftochimik Burgas zum MSV zu wechseln. Seine Familie begleitete ihn nach Duisburg.

Der frühere bulgarische Nationalspieler vollzog damit einen Schritt, der auch mit einem gewissen Risiko verbunden war. „Meine Frau und meine beiden Kinder waren schließlich abhängig von meinem Arbeitsvertrag“, erklärt er. „Wenn ich keinen Arbeitsvertrag mehr gehabt hätte, hätten wir hier nicht bleiben können.“

Gruev jedoch wurde in Deutschland heimisch. Er erhielt mit seiner Familie eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. „Wir haben uns sofort wohlgefühlt und schnell integriert“, erzählt er. „Wenn man in einem anderen Land ist, muss man die Regeln und Abläufe wahr- und annehmen und sich anpassen.“ Gruev ist ein Mensch, der durchaus Wert auf solche Dinge legt, die Menschen mit Deutschland assoziieren: „Ordnung, Disziplin und Pünktlichkeit“ habe er allerdings bereits in Bulgarien erlernt, betont er.

Gruev war bis 2004 Spieler beim MSV, aber auch danach als Profi und Trainer überwiegend in Deutschland, unter anderem in Erfurt, am Ball. Seine beiden Kinder machten ihr Abitur. Sohn Ilia, der sich in Bremen auf dem Sprung zu den Profis befindet, hat nun kürzlich ein Fernstudium aufgenommen. Tochter Hristiana hat ein Studium in Heidelberg abgeschlossen, nun ein zweites in Leipzig begonnen. Gruev und seine Frau „sind sehr stolz auf beide“.

Während sich seine Kinder für universitäre Ausbildungen entschieden, verfolgte Gruev ausschließlich nur ein Ziel: „Ich habe immer davon geträumt, Profifußballer zu werden.“ Auch, wenn ihn Leute nach möglichen anderen Zukunftsplänen fragten, habe er stets betont: „Ich werde Fußballer. Ich hatte keine andere Option im Kopf.“ Mit 19 Jahren zählte er zur ersten Mannschaft von Levski Sofia. Mit 20 wurde er bulgarischer Pokalsieger. „Ich habe mir damit meinen Traum erfüllt.“

Mechanismen des Geschäfts

Nach seiner Profi-Laufbahn war er dann zunächst Co-Trainer bei verschiedenen Klubs, unter anderem in der Saison 2012/2013 auch beim MSV. 2015 unterzeichnete er seinen ersten Vertrag als Cheftrainer in Duisburg. 2017 feierte er mit seiner Mannschaft den Aufstieg in die Zweite Liga. Nach acht sieglosen Spielen in Serie in dieser Saison vollzog der Klub die Trennung. Gruev weiß: „Das sind die Mechanismen des Geschäfts.“ An seinem Verhältnis zum Verein habe das nichts geändert: „Meine Liebe zum MSV kann ich nicht mal richtig erklären. Aber diese Gefühle sind mit der Zeit immer stärker geworden, und sie werden für immer bleiben.“

Mit seiner Ehefrau Petia, die er 1988 bei einem Urlaub am Schwarzen Meer kennenlernte, wohnt er weiterhin in Duisburg. Seine Eltern leben noch in Bulgarien. So oft wie möglich reist Gruev mit seiner Familie dorthin, um Verwandte zu besuchen. „Mich beeindruckt, dass viele Leute mittlerweile auch nach Sofia kommen, um dort ein Wochenende zu verbringen – ob es junge Menschen oder ein bisschen ältere sind“, berichtet Gruev.

Bulgarien wurde 2007 zwar EU-Mitgliedsstaat, zählt aber noch nicht zum Schengen-Raum und hat noch eine eigene Währung: den bulgarischen Lew. „Die Europäische Union ist eine gute Idee, sie bietet sehr viele Möglichkeiten“, sagt Gruev. „Man sieht, wie schön es ist, wenn man frei durch Europa reisen kann.“

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