Polens Robert Lewandowski: Der Modellathlet steckt in einem zu engen Anzug

Polens Robert Lewandowski : Der Modellathlet steckt in einem zu engen Anzug

Weltfußballer Robert Lewandowski hätte das Zeug dazu, der EM-Topstar zu werden. Doch Polens Kapitän fehlt die richtige Mannschaft.

Als Robert Lewandowski zuletzt beim FC Bayern auf Gerd Müllers Bundesliga-Rekord von 40 Saisontoren zusteuerte, sollte er die Frage beantworten, was eigentlich „Bomber der Nation“ auf Polnisch heiße. Lewandowski fand die Frage amüsant, beantworten konnte er sie nicht. Er behalf sich damit, dass man auch in seinem Heimatland ruhig „Bomber“ sagen könne.

An diesem Montag startet Polen in St. Petersburg in die EM, beim Auftakt der Gruppe E geht es gegen die Slowakei. Doch ob Lewandowskis Landsleute bei diesem Turnier überhaupt die Gelegenheit erhalten, sich wegen vieler Tore mit neuen Begriffen, Übersetzungen oder Superlativen für ihren Stürmer zu beschäftigen, darf durchaus angezweifelt werden. Lewandowski, 32, befindet sich zwar auf dem Zenit seiner Karriere. Allein in der Bundesliga häufte er für den FC Bayern in der zurückliegenden Saison sagenhafte 41 Saisontore an, eins mehr als Müller 1971/72.

Die vielen Titel im Spieljahr 2020 mit dem Verein, allen voran die Wahl zum Weltfußballer sowie der Gewinn der Champions League und der Club-WM, haben Lewandowskis ohnehin große Popularität in seinem Heimatland weiter steigen lassen. Und doch dürfte es für ihn kompliziert werden, seine Erfolgsserie in der Nationalelf fortzusetzen. Über alle Qualitätsfragen ist er zwar erhaben, sein bisheriger Bayern-Trainer Hansi Flick rühmte ihn als derzeit „besten Stürmer auf der Welt“. Doch die Zweifel sind angebracht wegen der Mannschaft, in der Lewandowski bei der EM spielt.

Eigentlich hätte der Weltfußballer das Zeug dazu, mit Frankreichs Kylian Mbappé, Portugals Cristiano Ronaldo und anderen um die Rolle des EM-Topstars zu konkurrieren, doch Polens Kapitän fehlen dafür wohl die richtigen Mitspieler. Auch der offiziell beste Kicker des Planeten braucht Kollegen, die die Basis schaffen, damit er mit seiner Klasse glänzen kann. Kurz vor Turnierbeginn kam ihm auch noch sein wichtigster Kollege, Sturmpartner Arkadiusz Milik, wegen einer Meniskusverletzung abhanden. Milik war einer von nicht allzu vielen Spielern im polnischen EM-Kader, deren Namen im europäischen Fußball geläufig sind. Erschwerend hinzu kommen einige weitere Verletzungssorgen.

Gemessen an Lewandowskis Extraklasse wirkt der ziemlich durchschnittliche Kader nun umso mehr, also habe man den Modellathleten in einen zu engen und etwas unförmigen Anzug von der Stange gesteckt. Das hemmt und bremst den Ausnahme-Fußballer zuweilen, weil beispielsweise die Pässe nicht so präzise kommen wie von seinen hochbegabten Kollegen in München. Anders herum ist die Abhängigkeit der polnischen Mannschaft von Lewandowski und seinen Toren immens. Selbstverständlich ist der Kapitän auch der Rekordspieler und Rekordtorschütze seines Landes.

Vollmundige Ansagen von Sousa

Angeleitet wird die Mannschaft vom ehemaligen Dortmunder Profi Paulo Sousa, 50. Der Portugiese übernahm Polens Auswahl erst im Januar von Jerzy Brzeczek und geht als Trainer in sein erstes Turnier – mit durchaus vollmundigen Ansagen. „Wir müssen daran glauben, dass wir dieses Turnier gewinnen können“, sagte Sousa etwa. Und über Lewandowski: „Er weiß, wie man den Unterschied macht – und er wird ihn auch machen.“ In seinen bisher 116 Länderspielen hat Lewandowski 63 Tore erzielt, in seinen acht EM-Einsätzen waren es aber vergleichsweise überschaubare zwei. Für Polen ist es überhaupt erst die vierte Teilnahme an einer EM-Endrunde. Erstmals war man 2008 dabei, das beste Resultat gelang beim Turnier in Frankreich 2016, als es bis ins Viertelfinale ging. Glänzen konnte Lewandowski auch damals nicht wirklich, 2012 bei der Heim-EM erging es ihm ähnlich.

Erneut so weit zu kommen wie vor fünf Jahren, wäre nun schon als weiterer Überraschungserfolg zu werten – trotz der souveränen Qualifikation für das Turnier und trotz Lewandowski. Die letzten Tests, das 2:2 gegen Island und zuvor das 1:1 gegen Russland, fielen weniger überzeugend aus. Für die Polen wird es in den Spielorten Sevilla und St. Petersburg darum gehen, sich hinter dem Favoriten Spanien gegen die weiteren Gruppengegner Schweden und Slowakei zu behaupten, um das Ziel Achtelfinale zu erreichen. Dazu beitragen soll vor allem Lewandowski, dem aber wohl jene Erfolge verwehrt bleiben dürften, die dem „Bomber der Nation“ mit dessen Nationalmannschaft gelangen. Gerd Müller wurde mit der deutschen Auswahl 1972 Europa- und 1974 Weltmeister.