Städteregion: Der Alkohol bleibt in der Städteregion Droge Nummer eins

Städteregion: Der Alkohol bleibt in der Städteregion Droge Nummer eins

Immer mehr Menschen begegnen dem Leistungsdruck mit Aufputschmitteln. Dies geht aus dem aktuellen Bericht der Suchthilfe in der Städteregion Aachen hervor. 156 Menschen begaben sich mit einer Abhängigkeit von Amphetaminen wie Speed und Pep oder Kokain in die Betreuung.

Rauschmittel Nummer eins bleibt jedoch der Alkohol: 737 Alkoholkranke suchten Hilfe in einer der beiden Beratungsstellen des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Aachen. Insgesamt verzeichneten sie 1666 sogenannte Betreuungsprozesse. Die nun von der Suchthilfe vorgelegten Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2013.

Ältester Klient ist 76 Jahre alt

„Das Suchtverhalten verändert sich ständig“, sagt der Leiter der Beratungsstelle Eschweiler, Wolfgang Hundt. Für die etwa 30 Mitarbeiter in der Suchthilfe bedeutet dies, sich immer wieder neu auf ihre Klienten einzustellen. „Der klassische Junkie, wie es ihn noch vor 20 Jahren gab, existiert heute kaum noch“, berichtet Hiltrud Pfeil, die die Beratungsszelle „Baustein“ in Alsdorf leitet. Auch der Demographische Wandel macht sich in den Beratungsangeboten bemerkbar. Der älteste Suchtkranke, der im vergangenen Jahr betreut wurde, war 76 Jahre alt. Insgesamt 83 Klienten hatten in 2013 das 60. Lebensjahr überschritten. Auch ältere Menschen sehen sich Lebenskrisen ausgesetzt, die einige von ihnen zur Flasche oder zum Schlafmittel greifen lassen. Eine dauerhafte Krankheit kann ebenso in eine Sucht münden wie der Verlust des Lebenspartners. Zudem wächst die Gefahr einer Sucht, weil der Stoffwechsel mit zunehmendem Alter langsamer wird.

Bei jungen Menschen ist es vor allem die Neugierde und der Freundeskreis, der sie in Kontakt mit Drogen bringt. „Man darf nicht vergessen, dass Nikotin und Alkohol in vielen Haushalten allgegenwärtig sind“, erinnert Hundt. Sei es der Sekt zu Silvester oder der Wein zu einem guten Essen — junge Menschen sammeln früh erste Erfahrungen mit legalen Drogen. Sie sind für die Suchtexperten in der Städteregion auch die potenziellen Einstiege in eine spätere Sucht.

Eine frühe Aufklärung über die Gefahren ist deswegen wichtig. Die Fachstelle Suchtvorbeugung wählt verschiedene Wege, Jugendliche früh zu erreichen. Im Mittelpunkt der Aktionen in 2013 war der Umgang mit Alkohol. Im „ALK-Parcours“ durchliefen 18 Schulklassen der weiterführenden Schulen in Eschweiler die fünf Stationen, die den über 450 Schülern anschaulich vor Augen führten, welche Folgen der ständige Griff zur Flasche hat. „Wir setzen immer wieder auf die Kooperation mit den jeweiligen Behörden und Institutionen und haben sehr gute Erfahrungen gemacht“, fasst Wolfgang Hundt zusammen. Unter dem Strich erreichten die Beratungsstellen mit den 100 präventiven Angeboten in 2013 über 2250 Menschen.

Die Vorbeugung einer Suchterkrankung ist der eine Weg, der andere der Umgang mit den bereits Abhängigen. Der Weg zur Beratungsstelle ist schon beschwerlich, erst Recht der Schritt in eine Therapie mit Entzug. In Motivationsgruppen können sich Betroffene untereinander austauschen und gemeinsame Lösungsmöglichkeiten erarbeiten. „Man muss jedoch immer von Fall zu Fall schauen, denn nicht jeder Weg ist für jeden richtig“, sagt Hiltrud Pfeil. Letztlich zählen Wille und Bereitschaft der Klienten. Deswegen sind viele Angebote auch vorrangig dazu da, Kontakte aufzubauen und Hemmnisse zu senken. „Wir gehen immer noch von einer sehr hohen Dunkelziffer von Suchtkranken aus“, sagt Hundt.

Den meisten Menschen sieht man die Erkrankung nicht an. Sie gehen einer geregelten Arbeit nach, besuchen die Schule — und sind leistungsfähig. Erst bei starken Verhaltensänderungen, die im Laufe einer Sucht irgendwann auftreten, werden die Menschen im Umfeld aufmerksam. „Uns ist es wichtig, Hilfe zu einem selbstbestimmten Leben zu geben“, schränkt Hiltrud Pfeil ein. Eine Betreuung ist deswegen in den seltesten Fällen dauerhaft. Aber flexibel. Neben der Stationären Therapie in einer Klinik ist auch die Ambulante möglich — wenn das soziale Umfeld und die Randbedingungen stimmen. Eine Betreuung bedeutet in vielen Fällen nicht nur die klassische Unterstützung, von der Droge loszukommen, sondern auch der ein oder andere Behördengang und vielfach auch die Anleitung, das Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken. Bei einer ambulanten Betreuung stehen den Sozialarbeitern gerade einmal zwei bis drei Stunden in der Woche zur Verfügung. Dann sind Netzwerke mit anderen Organisationen besonders wichtig: mit den Jobcentern, der Schuldnerberatung, mit den Sozialämtern und Krankenkassen.

Die Finanzierung ihrer Angebote stellt die Suchtberatung immer wieder vor Herausforderungen — einige Projekte werden von Krankenkassen mitfinanziert, aber kostendeckend ist dies nicht immer. Das Diakonische Werk des Kirchenkreises als Träger der Suchthilfe in der Städteregion bekommt die sinkenden Steuereinnahmen durch Kirchenaustritte zu spüren. „Wir kennen unsere Budgets und sind deswegen für Spenden besonders dankbar“, sagt Wolfgang Hundt.

Ein Trend machte sich im vergangenen Jahr positiv bemerkbar: Das Nichtraucherschutzgesetz veranlasst immer mehr Menschen, die Zigaretten liegen zu lassen. „Auch werden sich Eltern immer mehr ihrer Rolle als Vorbild bewusst“, berichtet Hiltrud Pfeil. Das „Rauchfrei-Programm“ sieht vor, Menschen binnen höchsten acht Wochen dazu zu bewegen, mit dem Rauchen aufzuhören. Aber auch dort gilt wie in jeder anderen Suchttherapie auch: Der Wunsch, sich von der Droge zu lösen, muss vom Betroffenen kommen.

Mehr von Aachener Zeitung