Heinsberg: Das Syndikat schlägt zu: Erste Täter der Criminale am Niederrhein

Heinsberg: Das Syndikat schlägt zu: Erste Täter der Criminale am Niederrhein

Mit Lesungen in vier Städten hat am Donnerstagabend der „kriminelle Reigen” von Schriftstellern in der Region begonnen, der bis Sonntag andauert. So hat das Syndikat als Organisation der Autoren zunächst in der Heinsberger Unterwelt zugeschlagen.

Rose Gerdts-Schiffler, Alexa Thiesmeyer und Reiner M. Sowa heißen die „Täter”, die die Criminale am Niederrhein 2011 am „Tatort” Heinsberg eröffneten.

Der Heinsberger Buchhändler Rainer Gollenstede kümmert sich in Heinsberg um die Logistik. Und die hatte es bei der Auftaktveranstaltung in sich. „Wer hierher gefunden hat, hat schon eine logistische Meisterleistung hinter sich”, scherzte Gollenstede bei der Begrüßung der Gäste in den Kasematten unter dem Selfkantdom, die nur über zwei versteckt liegende kleine Zugänge betreten werden können. Bürgermeister Wolfgang Dieder hatte für die drei Autoren je ein Fläschchen mitgebracht.

Hoffentlich war es hochprozentiger „Alter Heinsberger”, der hätte den Autoren und dem ein oder anderen Gast sicher gut getan, denn nicht nur die Kriminalgeschichten ließen den Zuhörern die Gänsehaut über den Rücken kriechen, auch die feuchte Kälte in den Kasematten sorgte für Zähneklappern. Dafür bot das Festungswerk aus dem 16. Jahrhundert einen überaus stimmungsvollen Rahmen für die Lesung unter dem Motto „Verhängnisvolle Familienbande”.

Um professionelle und natürlich kriminelle Alibi-Vermittler geht es in Alexa Thiesmeyers Roman „Sonnenblumen zum Selbstschneiden”, ein Psychothriller, wie die Autorin selber sagt. Aus lauter Gutmütigkeit leistet der Lokaljournalist Björn Krüger einen Meineid nach dem anderen, um der lieben Tante aus der Klemme zu helfen. Reiner M. Sowa hat einen Beruf, der ihm beim Kriminalromanschreiben sicher von Vorteil ist, er ist Kriminalkommissar.

Als solcher hilft er gelegentlich auch befreundeten Krimiautoren, wenn es um die gebotene Realitätsnähe geht, etwa der Kölner Autorin Gisa Klönne, die den Krimi „Herren von Heinsberg” für die „Criminale” geschrieben hat. „Ein Bestatter und das Enten-Testament” heißt Sowas Roman, bei dem auch Oldtimerfans auf ihre Kosten kommen.

Rose Gerdts-Schiffler las für ihr Heinsberger Publikum aus ihrem Roman „Ehrenhüter”, in dem ein türkisches Mädchen, das vom einem Mitschüler ein Kind erwartete, tot aufgefunden wird. Die Autorin lässt ihren Kommissar Frank Steenhoff zusammen mit seiner iranisch-deutschen Kollegin Navideh Petersen in diesem heiklen Fall ermitteln. Als Kommissarin Navideh Petersen langsam Zugang zum Familienclan, der seine Ehre beschmutzt fühlt, findet, gerät auch die Schwester der Toten in Gefahr.

Erkelenz, Wegberg, Hückelhoven

Acht Autoren und insgesamt knapp 80 Zuhörer nahmen an den drei Lesungen teil, die am Donnerstag im Rahmen der Criminale in der Erkelenzer Leonhardskapelle, in der Wegberger Mühle und im Forum des Hückelhovener Gymnasiums stattfanden.

Insgesamt 22 Autoren waren aufgerufen, Geschichten zu schreiben, die am Niederrhein spielen. Passend zum Lesungs-Marathon in den teilnehmenden Städten ist die Anthologie „Leichenblass am Niederrhein” erschienen, die alle Geschichten enthält.

In Hückelhoven waren Hartmut Rißmann, Jean Wiersch und Peter Godazgar angetreten, um vor Zeugen ihr kriminelles Werk zu verrichten. Godazgars Kurzgeschichte „Hubis Heimkehr” spielt in Hückelhoven und ist auch im Buch zur Criminale vertreten. Für den 43-jährigen Autor und Journalisten, der heute in Halle lebt, war es ein Heimspiel, denn er ist in Hückelhoven aufgewachsen.

Sein Held Achim „Hubi” Huppertz kehrt aus Berlin an seinen Geburtsort zurück, um sich vor einigen Unterweltgrößen zu verstecken, die es auf ihn abgesehen haben. Am Ende bleiben 24 Kriminelle auf der Strecke, während Hubi seine Jugendliebe wiedertreffen kann. Mit von der Partie waren im Forum auch Hartmut Rißmann (Als die Trauer schwarze Herzen malte”) und Jean Wiersch („Haveljagd”), die aus ihren aktuellen Romanen lasen.

Wierschs Story spielt in Brandenburg, wo Ermittler Andrea Mancetti einen Fall über Leihmutterschaften und üble Machenschaften auf internationaler Ebene aufklärt.

Wiersch erklärte, dass er lieber längere Texte schreibt. „So kann ich Charaktere und Erzählstränge besser entwickeln”, betonte er. Trotzdem sei das Verfassen mitreißender Kurzgeschichten eine Kunst, die er sehr schätze.

In der Wegberger Mühle hatten sich rund ein Dutzend Zuhörer eingefunden. Wie das Forum in Hückelhoven war auch die Wegberger Mühle mit weiß-rotem Flatterband abgesperrt. Am Eingang waren auch noch die Umrisse eines menschlichen Körpers zu erkennen und wiesen den Weg zum Tatort. Die Wegberger Lesung stand unter dem Titel „Unter die Räder gekommen”.

Denn die Geschichte von Susanne Goga, mit der Wegberg in der Anthologie zur Criminale vertreten ist, berichtete von düsteren Machenschaften rund um die Entstehung des Grenzlandringes, der nach dem Krieg als schnellste Rennstrecke der Welt galt. Entsprechend blutig fiel dann auch die Rache der Betrogenen aus.

Neben Goga waren auch Gerhard Loibelsberger („Reigen des Todes”) und Helmut Freiherr von Scheurl-Defersdorf angetreten, um den kriminellen Funken aufs Publikum überspringen zu lassen. Der adelige Autor überraschte das Publikum auch mit einer Kurzgeschichte über missglücktes Pinkeln im Park, bei dem eine Horde Kinder eine unerfreuliche Rolle spielte.

„Ärger in Erkelenz” drohte in der Leonhardskapelle, wo der ortsansässige Krimiautor Kurt Lehmkuhl als Moderator neben Gunter Gerlach auch den niederländischen Autor Jac Toes begrüßen konnte. Es versprach, ein Abend „ganz im Zeichen des Sprengstoffs” zu werden, wie Lehmkuhl den rund 30 Anwesenden verriet. Gerlach vertritt mit seiner Kurzgeschichte „Süchtig nach Sprengstoff” Erkelenz in der Criminale-Anthologie.

Dabei spielt das sprengstoffsüchtige Frettchen Fred eine nicht zu unterschätzende Rolle, während im Stadtgebiet ein Kunstwerk nach dem anderen in die Luft fliegt. Auf der Jagd nach dem Kunstterroristen hat der Protagonist sogar ein kleines Liebesabenteuer, das für ihn beinahe tödlich endet.

Denn am Ende erwacht der Held und muss feststellen, dass auch unter seinem Bett eine tickende Bombe deponiert ist. „Zerstörung ist auch eine schöpferische Kraft”, hatte seine Assistentin Mai gesagt, die sich am Ende als Bombenlegerin herausstellte. Immerhin konnten beide zuvor noch eine Liebesnacht im Rheinischen Hof verbringen.

Der Niederländer Toes verfasst seine Romane gerne in Zusammenarbeit mit dem deutschen Autor Thomas Hoeps, wobei sich aber jeder seine Muttersprache bedient. Zur Lesung in Erkelenz steuerte er eine im Alleingang verfasste Kurzgeschichte bei, in der es ebenso explosiv wie liebevoll und sehnsüchtig zuging.

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