Unser Europa: Das europäische Märchen von Sanna Lindström

Unser Europa : Das europäische Märchen von Sanna Lindström

Eigentlich war Sanna Lindström auf dem besten Weg, in Schweden Ärztin zu werden. Gelandet ist sie jedoch in NRW, wo sie Brautmoden designt. Eine Geschichte, die sich fast wie ein Märchen liest.

Wenn es möglich wäre, dass Figuren aus Märchen lebendig werden könnten, dann wäre Sanna Lindström eine Prinzessin. Mit ihren blaue Augen, langen Beinen und blonden Locken, die ihr bei jedem Lachen ums Gesicht wippen, wirkt die Schwedin auf den ersten Blick wie eine makellos strahlende Schönheit.

Aufgewachsen ist die 28-Jährige in der Nähe von Uppsala. Jetzt lebt sie in Mönchengladbach und besitzt ein Atelier für Brautmoden. Dort, auf einem alten rosa Shabby-Chic-Sofa, sitzt Sanna, die generell lieber geduzt wird, nippt an einer Sammeltasse mit Blümchen und Goldrand – eine rosa-pastellene Welt. Doch rosa und weichgespült, das ist Sannas Geschichte nicht: „Ich war auf dem besten Weg, Medizinerin zu werden“, sagt sie. Sanna stammt aus einer Arztfamilie. Ihr Vater und ihre beiden Brüder – alles Ärzte.

Eigentlich vorgezeichnet, dass sie den gleichen Weg einschlug; „etwas Vernünftiges, Sicheres und Gutes“ tut, wie Sanna sagt. „Und dennoch, ich mochte es nicht.“ Sie habe die Arbeit emotional mit nach Hause genommen und generell nichts für Krankenhäuser übrig. Trotzdem hat Sanna diesen Beruf ihrer Familie zuliebe verfolgt, war sogar Tutorin in der Pathologie. „Heute schneide ich Stoffe zurecht, keine Leichen – das gefällt mir wesentlich besser“, bemerkt sie trocken, dann lacht sie laut.

Dass sie der Weg von Uppsala nach Mönchengladbach führen würde, hat sie nicht geplant. Alles begann mit einer Reise nach Asien, mit der sie sich nach ihrer letzten Klausur im Studium belohnen wollte. Vielleicht wäre dies der richtige Zeitpunkt, um ein „Es war einmal“ einfließen zu lassen. Sanna und ihre Freundin waren gerade in einem Küstenort in Vietnam angekommen, als sie am Abend in der Bar „Why not“ einen Mann sah.

Es war Simon Grincberg (32), ein smarter Typ aus Korschenbroich, der nach seinen ersten Karriereschritten bei der Show „Deutschland sucht den Superstar“ ein Studium in Hong Kong in internationalem Management begonnen hatte und auch in Vietnam Urlaub machte. Die Blicke trafen sich. In der einzigen Disco des Ortes traf man sich wieder, es folgte ein langer Spaziergang am Strand.

Sanna schaut zu ihrem Mann, der auf einem rosa Sessel neben ihr sitzt und ihren kleinen Chihuahua-Mischling auf seinem Schoß streichelt. „Wir haben über Facebook Kontakt gehalten, manchmal bis fünf Uhr morgens gechattet“, erinnert sich Sanna.

Und schon nach wenigen Wochen entschied sie sich, Simon in Deutschland zu besuchen. „Ich mochte direkt diese rheinische Mentalität“, sagt sie. Ein Gespräch mit Fremden im Aufzug oder vor dem Lebensmittelregal im Supermarkt sei in Schweden unüblich. „Das ist hier anders, mir gefiel das sehr!“, erzählt Sanna, während ihr Magen knurrt: „Zwiebelringe, die fänd’ ich jetzt gut“, sagt sie und klingt schon wie eine echte Rheinländerin. Aus dem damaligen Wochenendtrip wurden übrigens zwei Wochen. Drei Jahre später heirateten die beiden, und Sanna zog endgültig nach Deutschland.

Das komplette Chaos

„Durch die europäischen Reglungen war alles – von der Anerkennung unserer Eheschließung in Schweden, bis hin zur Ummeldung in Deutschland – wirklich unkompliziert“, erzählt sie. Doch für ihre Familie war es ein Schlag. Als sie dann auch noch ihren Job als Ärztin aufgeben wollte, war das Chaos komplett. Die Eltern entsetzt, Sanna ohne Job und Aufgabe in einem fremden Land: „Ich kannte niemanden außer die Freunde meines Mannes und sprach kaum Deutsch.“

Doch Sanna wollte in Deutschland ankommen. Sie begann damit, sich ihre Aufgabe zu suchen, restaurierte Möbel, gestaltete ihr Zuhause in schwedischer Gemütlichkeit. Als eine Freundin ein Hochzeitsoutfit brauchte, nähte Sanna das Kleid kurzum selbst. Denn handwerklich begabt, das ist sie – auch, wenn sie das Nähen und Designen nie professionell gelernt hat. „Nach der Hochzeit kamen dann zahlreiche Frauen auf Sanna zu und wollten unbedingt ein Kleid von ihr“, erzählt ihr Mann stolz. Und plötzlich war sie da: Die Idee, Brautmoden zu designen.

Im Februar 2017 eröffnete Sanna ihr erstes Brautmodenatelier in Ratingen. Sieben Monate später dann den Laden in Mönchengladbach. Im Januar 2019 soll ein weiteres Studio in Krefeld folgen. Inzwischen arbeiten zehn Angestellte in den Ateliers, alle in denkmalgeschützten Häusern. Sannas großer Traum ist es, irgendwann eine eigene Scheune zu kaufen und diese als Hochzeitslocation auszubauen. Irgendwo auf dem Land, denn wenn es eines ist, was sie in Deutschland vermisst, dann ist es die Natur: „Am Wochenende mal eben mit der Familie raus aus der Stadt in die wilde Natur. Das fehlt mir schon.“ Und dann erzählt Sanna vom Stockbrot über dem Lagerfeuer, vom Schwimmen in einsamen Seen, vom Pilze- und Blaubeersammeln und da ist sie wieder: Diese Märchenwelt, die Sanna Lindström ausstrahlt.

Eine Atmosphäre, die sie in ihr Brautmoden­atelier übertragen hat: knarrende Dielenböden, spitzenbesetze Vorhänge und ein offener Schrank, voller Kleider aus Tüll und Chiffon in weiß, créme, rosé und pastelltürkis.

„In Schweden wäre Brautmodendesignerin kein richtiger Job“. Sanna macht bei dem Wort „richtig“ Anführungsstriche in die Luft. Hier in Deutschland gebe es einfach mehr Möglichkeiten und gerade in NRW fühle sie sich angekommen. Dafür hat die Schwedin ihre Familie und ihren Job hinter sich gelassen und ist ihrer Intuition gefolgt. In einer ausliegenden Broschüren schreibt Sanna, dass ihre Arbeit sei: „wie ein schwedischer Mittsommernachtstraum, der sich in unseren Herzen entfaltet und Frauen zu Prinzessinnen werden lässt.“ Und wäre diese Geschichte ein Märchen, so wäre dies sicherlich ein passendes Ende.

Unser Europa: Fünf Geschichten von fünf Menschen