Aachen: Chaos Computer Club Aachen: Wer Technik kennt, schützt seine Daten

Aachen : Chaos Computer Club Aachen: Wer Technik kennt, schützt seine Daten

Die eigenen persönlichen Daten zusammenzuhalten, wird immer anstrengender und komplizierter. Den Mitgliedern des Aachener Chaos Computer Clubs ist aber genau das ein wichtiges Anliegen. Sie erzählen von ihrer Faszination für Technik und darüber, wie sie ihre Daten schützen.

Pizza per App bestellen, online shoppen und Geburtstagseinladungen über Facebook verschicken: All das ist inzwischen ganz normal. Doch was mit den Daten passiert, die wir bei diesen Vorgängen über uns preisgeben, wissen nur Wenige. Viel zu komplex sind inzwischen die Beziehungen zwischen den großen IT-Unternehmen, zu undurchsichtig die Parameter der Privatsphäre-Einstellungen. Wo den meisten Menschen der Durchblick fehlt, weil sie bei der schieren Geschwindigkeit, mit der sich die digitale Welt fortbewegt, nicht mithalten können, beginnt das Metier der Hacker. Die 50 Mitglieder des Aachener Chaos Computer Clubs (CCC) sind sehr um den Schutz ihrer Daten bemüht, und das waren sie schon lange, bevor das Thema in der Gesellschaft Gehör gefunden hat.

Kabel, Laptops und jede Menge Werkzeug

Während der Begriff „Hacker“ in der Gesellschaft eher negativ geprägt ist, bezeichnet er in der Szene jene, die über große technische Fähigkeiten und viel Hintergrundwissen verfügen. Einige solcher Hacker treffen sich regelmäßig in einem alten Industrie-Gebäudes in der Krantzstraße in Aachen. Die ausgebauten Räume wirken gemütlich und erinnern an eine typische WG. Zwischen etlichen Metern bunter Kabel und Stecker stehen jede Menge Club Mate Flaschen, alte Pizza-Kartons und Kuchenreste. An den Tischen tummeln sich etwa 20 junge Männer. Frauen gibt es in dem Club nur wenige. Hallo Cliché.

Die Mitglieder sprechen über die neusten technischen Entwicklungen und die endlosen Möglichkeiten im Internet. Sie tauschen sich über aktuelle Hacks aus, also darüber, welche Eingriffe in Software wem geglückt sind, sie basteln an ihrer Hardware oder programmieren.

Dass die Hacker es ernst meinen mit dem Datenschutz, zeigt sich schon bei ihren Namen. Im Netz und auch untereinander benutzen sie nicht ihren richtigen Namen, sondern Pseudonyme, erklären zwei junge Männer, die sich Sellerie und Limbus nennen. Sie sitzen in der selbst eingerichteten Werkstatt, die an den Gemeinschaftsraum angrenzt.

„Alles Zweifelhafte muss angezweifelt werden“

Auf einem großen Bildschirm klebt ein Sticker mit den Worten: „Alles Zweifelhafte muss angezweifelt werden“. Er stammt von der Situationistischen Internationalen, einer Gruppe von Künstlern, Studenten und Straßenaktivisten in Westeuropa der 60er Jahre. Heute ist es ein Leitspruch der Hacker-Szene. Dass aus dieser Einstellung nicht nur positive Handlungen entspringen, wissen auch die Mitglieder des CCC.

Während sogenannte Whitehats das Vorgehen von Staat und Unternehmen anzweifeln, in dem sie Sicherheitslücken ausfindig machen, um sie zu melden und zu beseitigen, suchen Blackhats solche Lücken, um sie für ihre Zwecke auszunutzen und sich in Computer von Regierungen, Unternehmen und Privatleuten zu hacken. Ob unter den Mitgliedern des CCC Aachen auch Blackhats sind? „Wir sind, glaube ich, alle Whitehats. Aber auch wenn jemand ein Blackhat wäre, würde ich das nicht verraten“, sagt Carsten, der auch Mitglied des Clubs ist. Gelebter Datenschutz eben.

Die meisten Mitglieder des CCC Aachen sind zwischen 18 und 35 Jahre alt. Sie haben ihre Leidenschaft nach der Schule entweder zum Beruf gemacht, studieren Fächer wie Informatik und Elektroingenieurwesen oder absolvieren eine technische Ausbildung.

Sellerie heißt eigentlich Christoph und macht eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemadministration. Er hat ein Motherboard in der Hand und möchte einen Teil davon austauschen. „Es gibt inzwischen kostenfreie Software-Alternativen, um sich von den Abhängigkeit der Hersteller freizumachen“, sagt Sellerie. Daher tauscht er Teile aus, die normalerweise fest im Laptop verbaut sind. Natürlich verliert das Gerät damit sofort seine Garantie, aber das ist ihm egal. „So fängt die Leidenschaft eben an. Ich habe schon als Kind alle technischen Geräte aufgeschraubt, um zu verstehen, wie sie funktionieren“, sagt Limbus, der eigentlich Manuel heißt und als Software-Entwickler arbeitet.

So haben sich die Mitglieder des CCC über die Jahre jede Menge Wissen angeeignet. Viele sprechen mehrere Programmiersprachen. Auch wie man an einer Festplatte lötet und damit mehr repariert als zerstört, haben sich die Hacker zum größten Teil selbst beigebracht. Mit dem Fachwissen einher geht aber auch eine Skepsis gegenüber den großen Technologiekonzernen und bei einigen Mitgliedern des CCC auch eine gewisse Angst vor zu viel Überwachung von Seiten des Staates sowie eine Sympathie für das linke politische Spektrum. „Neue Technik wirft ethische Fragen auf, denen müssen wir uns widmen“, sagt Manuel. „Das Grundrecht auf Privatsphäre, das mich vor dem Staat schützt, habe ich tief verinnerlicht.“

Skandale wie die um den Datenmissbrauch von Facebook und Cambridge Analytica oder die Enthüllungen von Edward Snowden über die Massenüberwachung des amerikanischen Geheimdienstes NSA haben die Hacker kaum überrascht. „Nur das schiere Ausmaß war schockierend“, gibt Carsten zu. Manuel, Carsten und Christoph achten möglichst genau darauf, wo sie ihre digitalen Fußabdrücke hinterlassen. „Facebook oder Whatsapp benutzen hier nur die wenigsten. Wir kommunizieren per E-Mail oder IRC, dem Ur-Chat“, sagt Manuel.

Er zahle möglichst mit Bargeld, so könne niemand nachvollziehen, wann er wofür sein Geld ausgebe. Carsten verzichtet komplett auf den Google Playstore, damit Google möglichst wenige Daten über ihn sammeln kann. „Man sollte sparsam damit umgehen, Daten aufzuschreiben oder einzutippen“, sagt Manuel. Und: „Man sollte kein Passwort mehr als einmal verwenden. Kriminelle, die Daten kaufen, die geklaut wurden, probieren diese auch auf anderen Webseiten aus. So passiert der Identitätsdiebstahl.“

Für alle, die dem Thema Datenschutz gleichgültig gegenüberstehen, weil sie meinen, sie hätten nichts zu verbergen, hat Manuel noch eine Botschaft: „Wenn ich aufs Klo gehe, mache ich auch die Tür zu, obwohl jeder ganz genau weiß, was ich dort mache. Da bestehe ich auch auf meine Privatsphäre“, sagt er, „so sollte es auch im Internet sein“.