Städteregion: Bildungstag der Städteregion: Fehlt der Wille, jedes Kind zu fördern?

Städteregion: Bildungstag der Städteregion: Fehlt der Wille, jedes Kind zu fördern?

„Wir gehen falsche Wege“, meinte Prof. Jutta Allmendinger, eine der bekanntesten Soziologinnen Deutschlands, nachdem sie im Rahmen des Bildungstags der Städteregion ausgeführt hatte, wo es im deutschen Bildungssystem hakt.

Sie räumte mit Mythen auf wie beispielsweise dem Gedanken, dass Bildungsarmut nicht vermeidbar sei und immer eine gewisse Prozentzahl von Schülern auf der Strecke bleibe oder dass Selektivität im zweigliedrigen Schulsystem zwangsläufig zu mehr Kompetenz führe.

Bildungsgerechtigkeit vor Ort ist möglich: Davon sind Prof. Jutta Allmendinger (Mitte) und das Leitungsteam des städteregionalen Bildungsbüros, Gabriele Röntgen und Dr. Sascha Derichs, überzeugt. Foto: Ralf Roeger

Ihrer Meinung nach gibt es in Deutschland durchaus Beispiele für Schulen, die mehr Bildungsgerechtigkeit ermöglichen. Sie würden nur als Vorbilder nicht herangezogen. „Man hat die Schulen, man weiß, wie es geht, aber man will es nicht übertragen“, sagte sie.

Allmendinger brach in der Aula Carolina in Aachen zum Auftakt des vom städteregionalen Bildungsbüros organisierten Bildungstages vor rund 350 Experten aus Kitas, Schulen und Jugendarbeit eine Lanze für die Diversität. Die nämlich müssten Schüler von früh auf lernen, um im Erwachsenenalter in der Lage zu sein, Menschen mit unterschiedlicher Herkunft angemessen zu begegnen.

„Wir können mit der Flüchtlingsdramatik nur umgehen, wenn wir Vielfalt gelernt haben“, betonte sie. Ein Schulsystem, das Kinder schon im frühen Alter voneinander trenne, sei in diesem Sinne eher kontraproduktiv.

„Alle Menschen haben eine Begabung“, sagte sie. Aber diese Grundprämisse sei leider noch immer nicht selbstverständlich. „Bildung ist wichtig für die Persönlichkeit, für gesellschaftliche Teilhabe und für die Gesundheit“, fuhr sie fort. Und jedes Kind sollte nach seinen Möglichkeiten und Kompetenzen gefördert werden. Und das ganz unabhängig davon, was die Berufswelt vielleicht später von ihnen erwarte.

Eine gute Vernetzung der Schulen mit außerschulischen Partnern, eine gute Elternarbeit, die vor allem auch Migranten in den Blick nimmt, ausreichend Zeit für Schule und Studium statt der Devise „schneller, schneller, schneller“, wie es bei G8 und den neuen Bachelor-Studiengängen der Fall ist, und das Bewusstsein, dass Wissen allein nicht alles ist, sind ihrer Meinung nach Voraussetzungen für ein gut funktionierendes Bildungssystem.

Schulen müssten heute unter anderem auch Schlüsselkompetenzen wie Demokratie lehren — und das sei eine ungeheuer große Aufgabe. Allmendinger plädierte einmal mehr dafür, die Kinder bis zum Alter von 14 Jahren unter einem Dach zu unterrichten. „Wir haben die didaktischen Materialien, um das leisten zu können“, zeigte sie sich überzeugt.

Gleichzeitig forderte sie eine angemessene finanzielle Ausstattung der Schulen und Kitas. Letztere sind ihrer Meinung nach aber nicht unbedingt das Allheilmittel, was die neuen Familienstrukturen betrifft. Gerade in Stadtteilen, wo sie besonders wichtig seien, seien sie manchmal sehr schlecht.

Und trotz aller Schwierigkeiten zeigte sich die Soziologin überzeugt, dass es eine Bildungsgerechtigkeit vor Ort tatsächlich geben kann. Notwendig sei aber ein anderes Verständnis von Chancengleichheit und der Wille, das zu akzeptieren, was eigentlich schon seit Jahrhunderten bekannt sei. Sie verwies dabei auf die Thesen des Philosophen und Universitätsprofessors Philipp Melanchton (1497-1560).

Eine individuelle Förderung der Schüler je nach Begabung und Kompetenzen hält sie für die Grundvoraussetzung eines funktionierendes Bildungssystems. Noch nie sei Bildung so wichtig gewesen wie heute, führte sie weiter aus. Selbst bei der Partnerwahl spiele sie inzwischen eine entscheidende Rolle, und auch zwischen Lebenserwartung und Bildung gebe es einen Zusammenhang. Umso wichtiger sei also, alle Schüler mitzunehmen.

Der von dem ehemaligen Kultur- und Bildungsdezernenten Wolfgang Rombey ins Leben gerufene Bildungstag der Städteregion stand in diesem Jahr unter dem Motto „Alle Menschen sind begabt — Bildungsbarrieren abbauen und mehr Bildungsgerechtigkeit gestalten“. Pädagogisches Personal aus Schulen, Kitas und der Jugendarbeit bekam Gelegenheit, sich an zwei Tagen in zwölf Vorträgen und acht Workshops über Bildungs- und Ausbildungschancen von Kindern und Jugendliche zu informieren, sich über Erfahrungen aus der Praxis auszutauschen und neue Methoden kennenzulernen.

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