Neues Wohnprojekt: Behinderten Menschen mehr Selbstständigkeit geben

Neues Wohnprojekt : Behinderten Menschen mehr Selbstständigkeit geben

Die „WEG-GEHfährten“ sind ein Verein von Eltern von erwachsenen Kindern mit Behinderung. Sie möchten mehr Selbstständigkeit für ihre Kinder erreichen und damit auch mehr Freiheiten für sich als Eltern. Ein wichtiges Projekt war der Bau eines Wohnhauses für junge Menschen mit Mehrfachbehinderungen und hohem Pflege- und Betreuungsbedarf. Das ist jetzt fertig und bezogen.

  Ann-Jasmin lümmelt entspannt auf dem Sofa in der Wohnküche und lässt sich von Sören die Beine kraulen. Ina sitzt derweil am Tisch, auf dem schon bunt zusammengewürfelte Teller fürs gemeinsame Abendessen stehen, und trinkt einen Tee. Yannik hat sich auf sein Zimmer verzogen. Auch von Volker, Stefan und Sarah ist noch nichts zu sehen. Der Musik-Streamingdienst liefert die musikalische Untermalung für die Feierabendszene, die Stefan am Tisch stehend auf sich wirken lässt. Sie könnte in irgendeiner Studenten-WG passieren. Sie ist aber ebenso Alltag in dem ambulant betreuten, zweigeschossigen Wohnhaus von jungen Menschen mit Behinderung, das der Verein „WEG-GEHfährten“ zusammen mit der Stiftung Hephata in Eilendorf auf den Weg gebracht hat. Im Mai war Einzug, mittlerweile sind die acht Bewohner und Bewohnerinnen schon ein bisschen im neuen Leben angekommen, obwohl der Prozess des Einlebens noch im Gang ist.

Für alle Bewohner und Bewohnerinnen ist das Alleinleben eine neue Erfahrung. Bisher haben sie bei ihren Eltern gewohnt, obwohl keiner mehr unter 20 Jahre alt ist. Manch einer geht stark auf die 40 zu. Doch die Abnabelung vom Elternhaus ist für Menschen mit Behinderung eine größere Herausforderung als für andere junge Leute, vor allem wenn die Behinderung viel Unterstützung nötig macht.

Da muss nicht nur die Frage geklärt werden, wie der Merinowolle-Pullover so gewaschen wird, dass er nicht in Kleinkindergröße die Waschtrommel wieder verlässt. Oder wie Mama oder Papa immer die leckere Quiche zustande bringt. Es sind wesentlich existenziellere Fragen: Wie kann ich auf meine Bedürfnisse aufmerksam machen? Welcher Pflegedienst ist der richtige? Wie muss der Morgen gestaltet sein, damit alle pünktlich am Arbeitsplatz in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung ankommen? Besonders für Ann-Jasmin ist es schwierig, weil sie aufgrund ihrer Behinderung nicht sprechen kann. Sie braucht einen festen Tagesrhythmus, ist aber auch schnell erschöpft. „Ihre Belastbarkeit ist begrenzt“, sagt ihre Mutter Martha Neumann.

Trotzdem scheint der Auszug aus dem Hotel Mama und der Einzug in das von der Hephata Wohnen GmbH mit neun Kräften (eine weitere Heilerziehungspflegerin oder ein Heilerziehungspfleger wird gerade gesucht) betreute Wohnhaus mit großem Garten im Eilendorfer Neubaugebiet Breitbenden für alle – Eltern und erwachsene Kinder – ein Gewinn zu sein. „Ich wollte nicht mehr mit alten Leuten zusammenleben“, erklärt Yannik und schaut dabei verschmitzt seine Mutter Nicole Plum an.

Dass es insgesamt lauter zugeht in seinem neuen Heim, strengt ihn zwar mehr an, lässt ihn aber seine Entscheidung, ausziehen zu wollen, nicht bereuen. „Ich bin hier selbstständiger, komme mit dem Rolli überall allein hin.“ Auch für einen gemeinsamen Abend am Grill oder den Besuch eines Konzertes finden sich schnell Interessierte in der WG. Stefan ist sehr zufrieden, dass er zwar weiterhin seinen Bruder Volker in der Nähe hat, aber in seinem Appartement im Dachgeschoss die Tür schließen kann, wann immer er sich danach fühlt. „Ich wollte ein eigenes Leben haben. Mit 37 kann man mal ausziehen.“

Gewinn gibt es auch auf Seiten der Eltern: „Die körperliche Pflege von Yannik war immer sehr anstrengend – für beide Seiten. Jetzt müssen wir Eltern uns darum nur noch am Wochenende oder mal im Urlaub kümmern. Ich bin vollkommen entlastet und für Yannik ist das Leben in einem komplett barrierefreien Haus auch leichter“, berichtet Nicole Plum. „Unser Zusammensein mit Yannik ist entspannter und mit meinem Mann kann ich endlich auch wieder ein Paar sein.“ Eltern wie Sohn freuen sich unbelastet auf die gemeinsamen Freitagnachmittage.

Martha Neumann nennt einen anderen Druck, den alle Eltern von Kindern mit Behinderung kennen und der jetzt zumindest kleiner geworden ist: „Immer schwebt die Sorge über einem, was ist, wenn wir auf einmal nicht mehr sind oder auch nur einer von uns ausfällt. Unser Engagement für den Hausbau war von Angst getrieben.“ Sie habe leider die Erfahrung gemacht, dass es für junge Menschen mit schweren Behinderungen, wie Ann-Jasmin sie hat, kaum adäquate Betreuungsangebote gibt. „Die jungen Fitten gehen schnell ins Betreute Wohnen, in den Wohngruppen mit 24-Stunden-Betreuung der verschiedenen Anbieter der Umgebung leben fast nur alte Menschen. Die nächste Wohngruppe mit jungen Leuten ist irgendwo bei Köln – viel zu weit für mich, wenn es mal einen Notfall gibt.“ Zugleich zehre die Pflege von schwerstbehinderten Kindern über Jahrzehnte hinweg enorm. „Mit alldem werden pflegende Eltern allein gelassen.“

Deshalb hat sie vor fünf Jahren zusammen mit anderen betroffenen Eltern den Verein „WEG-GEHfährten“ gegründet. Mit der Eröffnung des Hauses in Eilendorf ist ein wesentlicher Meilenstein erreicht, „aber wir kämpfen weiter für eine angemessene Unterstützung pflegender Eltern – auch im Sinne unserer Kinder“, so Neumann.

Denn die genießen ihr Leben in ihrem eigenen Reich sichtbar, wie die Küchenszene überzeugend deutlich macht. Der Bedarf an ähnlichen Wohnangeboten in der Region wird mit dem einen Haus in Eilendorf aber sicher nicht gedeckt sein.

Weitere Infos unter  www.weggehfährten.de