Gangelt: Behindert und alt: Immer mehr Pflegebedarf

Gangelt: Behindert und alt: Immer mehr Pflegebedarf

Während der Nazi-Diktatur wurden sie verfolgt und getötet: Kranke und behinderte Menschen waren aus Sicht der Nationalsozialisten nicht lebenswert. Auch über 100 Menschen mit geistiger Behinderung, die im Gangelter Kloster Maria Hilf von den Ordensschwestern betreut wurden, wurden von den Nazis verschleppt und ermordet.

Ältere Menschen erinnern sich noch daran, dass regelmäßig ein schwarzer Wagen vorfuhr. Ein Amtsarzt entschied, wer lebenswürdig und wer lebensunwürdig war. Wer arbeitsmäßig angeblich nichts mehr für das Volk tun konnte, wurde verschleppt. Anfangs konnte die damalige Oberin Schwester Fidelis noch die ersten Frauen retten, die abtransportiert werden sollten. Doch im Laufe der Kriegsjahre wurde das immer schwieriger.

„Weil in Nazi-Deutschland Menschen mit einer geistigen Behinderung ermordet wurden, gab es über Jahrzehnte keine alten Menschen mit geistiger Behinderung“, sagt Josef Aretz, Leiter des Katharina Kasper-Heims der ViaNobis GmbH. „Jetzt, 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, gibt es erstmalig eine hohe Zahl von Menschen mit geistiger Behinderung, die pflegebedürftig sind“, erklärt der Altenheim-Leiter.

Deshalb hat ViaNobis im Juni 2011 die Katharina Kasper Wohn- und Pflegeeinrichtung für Menschen mit Behinderungen eröffnet. 60 Plätze stehen in zwei Wohngruppen zur Verfügung. Damit ist ViaNobis eine von nur drei Einrichtungen im Land, die ein Altenheim für Menschen mit geistiger Behinderung anbieten. „Wir mussten auch bedenken, dass die 400 Bewohner in unserer vollstationären Einrichtung auch immer älter werden“, sagt Aretz.

Er leistet nicht nur die Katharina Kasper Wohn- und Pflegeeinrichtung für Menschen mit Behinderungen, sondern auch das Katharina Kasper Altenheim mit 33 Plätzen und das Wohn- und Pflegezentrum Mönchengladbach-Hehn mit 86 Plätzen.

Einen Platz in der Katharina Kasper Wohn- und Pflegeeinrichtung erhalten nur Menschen mit geistiger Behinderung, die pflegebedürftig sind und sich nicht mehr im Arbeitsprozess befinden. „Als ich in den 80er Jahren in diesem Hause eine Stelle angetreten habe, traf das nur auf ganz wenige Menschen zu“, blickt Aretz zurück. Doch er weiß auch: „Es werden in den nächsten Jahren immer mehr. Der Bedarf an solchen Einrichtungen wird größer.“

89 Mitarbeiter, Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte, sind für die 60 Bewohner im Einsatz. 50 Prozent müssen laut Gesetz Fachpflegekräfte sein. „Wir haben sogar eine Quote von 64 Prozent. 64 Prozent der hier Beschäftigten sind Heilerziehungspfleger, Erzieher, Heilpädagogen, Altenpfleger oder Krankenschwestern.“ Da in diesem Altenheim Menschen mit geistiger Behinderung leben, werden ihm exakt 3,15 zusätzliche Stellen zugewiesen.

„Die hier lebenden Menschen können nicht lesen und nicht schreiben, sie können ihren Alltag nicht gestalten. Deshalb müssen wir ständig Angebote machen. Die 3,15 Stellen sind für die soziale Betreuung gedacht“, sagt Aretz. Der Heimleiter erinnert daran, dass diese Menschen mit Behinderung keine Familie haben. „Ihnen fehlen Kontakte, die wir ersetzen müssen. Wir sind ihre Familie“, sagt Aretz. Das wird auch an dem Angebot in den Wohngruppen deutlich.

Bei einem Besuch in einer der Wohngruppen sitzen die Bewohner einträchtig an einem großen Tisch zusammen, während Christoph Jansen Gitarre spielt und Beate Cleven die Trommel rührt. Manche Bewohner summen mit, andere hören einfach nur zu oder stricken dabei. Aber Beifall spenden sie alle. Christoph Jansen arbeitet gerne in dieser Wohngruppe. Vorher war der Krankenpfleger Wohnbereichsleiter im Behindertenbereich. „Aber hier hat man den direkten Kontakt zu den Bewohnern. Hier pflegt man menschliche Kontakte und hat weniger Bürokratie.“

Die menschlichen Kontakte schätzt auch Beate Cleven, die in einem Kurs zur Alltagsbegleiterin ausgebildet wurde und seit einem Jahr in der Wohngruppe arbeitet. Im heilpädagogischen Dienst begleitet sie die Senioren bei Spaziergängen, gestaltet mit Spielen deren Freizeit und begleitet sie auch bei Ausflügen. „Wir möchten, dass diese Menschen Gesicht zeigen, sie sollen in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden“, erklärt Aretz.

Und so trifft man die Bewohner dieses Altenheims in den Cafés, im Wildpark, im Freizeitzentrum am Kahnweiher und bei Veranstaltungen in der Region. Vier Urlaubsfahrten für jeweils drei bis vier Bewohner stehen ebenfalls auf dem Jahresprogramm. Eine ganz besondere Überraschung erlebten die Bewohner des Katharina Kasper-Heims in Gangelt jetzt bei der Reit-Europameisterschaft in Aachen. Dort trafen sie einen der besten Springreiter der Welt, Paul Schockemöhle. Schockemöhle ließ es sich nicht nehmen, gemeinsam mit den Bewohnern für ein Erinnerungsfoto zu posieren.

Bereits zum vierten Mal besuchten die Bewohner das Reit-Event in Aachen. Neben vielen anderen Freizeitaktivitäten, die das Katharina Kasper-Heim seinen Bewohnern das ganze Jahr hindurch bietet, ist der Besuch in Aachen immer wieder ein ganz besonderer Höhepunkt. Aber auch die hauseigene Infrastruktur wie Schwimmbad und physikalische Therapie werden von den Bewohnern rege genutzt. „Die Menschen sollen sich wohlfühlen und Lebensfreude haben“, betont Aretz.