Heinsberg: Begas Haus präsentiert vier Neuzugänge

Heinsberg: Begas Haus präsentiert vier Neuzugänge

„Schau, wir sitzen ganz weit vorne.“ Heidi Nolden aus Kreuzau-Drove, einem kleinen Ort am Rande der Nordeifel, hat einen Ehrenplatz bei der Festveranstaltung im Begas Haus, dem Museum für Kunst und Regionalgeschichte an der Hochstraße in Heinsberg. Gefeiert werden die Wiedereröffnung des ehemaligen Hauses Lennartz als Themenmuseum der Künstlerdynastie Begas vor einem Jahr und vier Neuzugänge zu der Dauerausstellung.

Einer der neuen Hingucker der Sammlung ist Heidi Noldens Bismarck-Büste. „Ich hätte ihn ja nicht hergegeben“, sagt ihr Mann Karl-Josef neben ihr ein bisschen brummelig. Der pensionierte Lehrer für Deutsch und Geschichte hat seine zweite Staatsarbeit über Bismarck geschrieben. Deshalb ist seine Beziehung zum alten Reichskanzler eine besondere. Aber der Bronze-Kerl gehörte nun mal seiner Frau, und die sagte sich: Warum nicht jetzt? Warum erst umständlich ein Testament machen? Heidi Nolden ist eine zupackende Frau. „Klein, aber kräftig“, sagt sie. Als Museumsleiterin Rita Müllejans-Dickmann und Kurator Wolfgang Cortjaens kamen, um sich den Bismarck anzusehen, den sie gedachte dem Museum zu schenken, hat sie die lebensgroße Büste eigenhändig mit der Sackkarre herbeigerollt.

Heidi Nolden aus Drove schenkte dem Haus Begas in Heinsberg eine Bronzebüste. „Fürst Bismarck“ von Reinhold Begas (entstanden nach 1886), ist ein Zeugnis des ausgeprägten Bismarck-Kultes im Deutschen Kaiserreich. Büsten des Kanzlers des Deutschen Reiches, wie dieser lebensgroße Hohlguss, wurden in Serie hergestellt und als Denkmale in Gärten, privaten Wohnräumen und in öffentlichen Gebäuden aufgestellt. Foto: D. Fischer

Und jetzt sitzt die zierliche Dame aufrecht in der zweiten Stuhlreihe im zweiten Obergeschoss des Begas Hauses und lauscht den Gratulationen des Landrates Stephan Pusch, den Ausführungen des NRW-Staatssekretärs Bernd Neuendorf, den Danksagungen der Museumsleiterin Rita Müllejans-Dickmann und dem Festvortrag des honorigen Professors Bernhard Maaz aus Dresden. Alle sagen sie mit anderen Worten das gleiche: Das Heinsberger Haus ist genau der richtige Ort für ihren Begas. Licht, hell, einzigartig.

Mehr als 7500 Besucher haben die multimediale Ausstellung seit der Eröffnung besucht. Auch Heidi Nolden war eine der Besucherinnen. Sie kam mit einer Führung des Dortmunder Museumsvereins nach Heinsberg. Zuerst wollte sie gar nicht mitgehen. Dann entdeckte sie eine kleine Bismarck-Büste. „Verdammt noch eins, das ist doch der, den wir im Garten stehen haben“, sagte sie damals. Die Kinder wollten ihn nicht, „langfristig muss er dahin, wo er hingehört“, sagt sie. Ins Heinsberger Begas Haus. Und da steht er jetzt.

Hübsch, trotz Kropf

Nach Vorträgen und Sektempfang macht sich die Eiflerin im Museum auf die Suche nach „ihrem“ Begas. Sie geht an einer Handvoll Festveranstaltungsbesuchern vorbei, die versonnen das Bildnis einer jungen Dame im roten Gewand betrachten. „Die ist doch trotzdem hübsch“, sagt eine ältere Dame bestimmt. Trotzdem? Ach, trotz des Kropfes, den Carl Joseph Begas ganz uncharmant, mit scharfem Blick für Details, gemalt hat. „Den Stoff kann man praktisch in der Hand fühlen“, flüstert eine andere Betrachterin. Der Samt des Kleides, der Pelz der Stola der Dame Rosalie von Zitzewitz, sie wirken enorm plastisch. Zuckte da etwa gerade ein Finger, der das Bild berühren will, um zu spüren, ob der Stoff wirklich so weich ist, wie er aussieht?

Wer der großzügige Geber ist, der das Gemälde dem Museum als Dauerleihgabe überlässt, bleibt ein Geheimnis. Er wolle nicht genannt werden, sagt Rita Müllejans-Dickmann. Den Namen ihrer Mutter Anni nennt die Museumsleiterin aber voller Stolz. Denn ihre Familie unterstützt die Begas-Expertin in ihrer beruflichen Leidenschaft, das Begas Haus mit möglichst interessanten Exponaten auszustatten. „Und, hast Du wieder etwas gefunden?“, das frage sie ihre Mutter oft, erzählt Müllejans-Dickmann. Als sie wieder ein Kleinod fand, aber keinen Sponsor, erwarb kurzerhand Anni Müllejans das Lackbild „Die Lureley“ und schenkte es dem Museum. Einen Sponsor und Geldgeber für das 100 Jahre lang verschollene Gemälde „König Saul“ zu finden war ungleich schwerer, zumal dieses Werk auch ungleich teurer war. Die Ernst von Siemens Kunststiftung war es schließlich, die das Bild für das Begas Haus kaufte und es dem Museum als Dauerleihgabe überließ.

Für Sponsoren zu werben, das versteht auch Professor Bernhard Maaz. Wäre ein Münchner anwesend gewesen, er hätte schon einmal einen Eindruck davon bekommen, wie der feingeistige Professor mit Fliege nicht nur unterhaltsam über die Kunst im Wilhelminischen Deutschland im Allgemeinen, Skulpturen im Besonderen und Reinhold Begas im Speziellen plaudert, sondern auch, wie er fast nebenbei und charmant auf die fehlenden Tausender hinweist, die dem Museum gut tun würden. Mit 22 000 Euro könne das Begas Haus zum Beispiel die „Fanny“ ausfinanzieren, sagt er. Wer gerade nicht so viel im Portemonnaie hätte, könne mit nur 1000 Euro dazu beitragen, dass eine Skulptur auf einem drehbaren Sockel stehe. „Sie müssen Skulpturen umkreisen, um sie wirklich zu erleben.“ Dabei schwenkt er sein Wasser im Sektglas wie einen edlen Wein, als wolle er dazu anregen, auch die Kunst wie einen guten Tropfen atmen zu lassen und zu genießen.

Ab dem 1. April wird Maaz als neuer Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldegalerie eine Mammutaufgabe zu stemmen haben. Er freut sich drauf. Doch vorher, quasi auf der Durchreise zwischen der Tefaf in Maastricht und der Eröffnung der neusten, von ihm kuratierten Ausstellung („Hieronymus Boschs Erben“) in Dresden, unterstützt er kleine engagierte Museen. In der vergangenen Woche war er in Bad Arolsen im Christian Daniel Rauch Museum, jetzt ist er in Heinsberg, um dem Begas Haus zum Geburtstag zu gratulieren und über seine herausragende Bedeutung zu parlieren.

Gute Gesellschaft

„Jetzt glänzt er schön“, sagt Heidi Nolden, als sie ihre Bismarck-Büste gefunden hat. Sie kramt in ihrer Handtasche nach einem Foto. Da steht Bismarck etwas matt auf seinem moosigen Sockel in der Parkanlage, umgeben von einem uralten Rhododendron. Ob die Stelle noch zu sehen ist, wo er ihr von der Sackkarre gepurzelt ist? „Da, an der linken Augenbraue. Ja, man kann es noch sehen. Gebrauchsspuren“, sagt sie und lächelt. Ihr Bismarck ist jetzt in guter Gesellschaft, Aug’ in Aug’ mit dem Mini-Bismarck im Handtaschen-Format.

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