Neue TV-Serie von RebellComedy: Authentizität schlägt Klischee

Neue TV-Serie von RebellComedy : Authentizität schlägt Klischee

RebellComedy steht bislang für Bühnenunterhaltung ohne Stereotype. „Ethno“ ist die erste fiktionale Serie des Kollektivs. Die Aachener Laila Bounouar und Humaam Mazyek haben sie im Auftrag des WDR produziert.

Jeder bei RebellComedy hat ihn, keiner geht mit ihm hausieren, und doch ist er im Leben der meisten immer wieder Thema: der Migrationshintergrund. Für die erste große fiktionale Produktion des in Aachen gegründeten Comedy-Ensembles haben Laila Bounouar und Humaam Mazyek ihn aus seinem Schattendasein geholt, ihm ein flamboyantes Outfit übergeworfen und ihm die Erlaubnis gegeben, sich an der ein oder anderen Stelle ins Rampenlicht zu drängen.

In „Ethno“, der Miniserie um Ben (Benaissa Lamroubal), der als Anfänger-Comedian versucht, mit Auftrittsgagen seine Schulden zu begleichen, wird dessen Migrationshintergrund zur wichtigsten Nebenrolle – ein bäriger, politisch eher inkorrekter Typ (Waldemar Kobus) im Fellmantel, der Ben lieber als Macho mit Stolz auf seine Herkunft sehen würde denn als der höfliche, zurückhaltende Typ, der er ist.

Der personifizierte Migrationshintergrund ist die offensichtlichste dramaturgische Raffinesse im Drehbuch von Babak Ghassim und Massoud Doktoran, das aber durchweg liebevoll geschrieben ist – und von Bounouar und Mazyek mit viel Feingefühl und Humor umgesetzt wurde.

Völlig unbedarft war das Rebell-Team im Filmbereich zwar nicht. Für das Fernsehen und für Live-Shows sind auch schon Video-Einspieler und Sketche entstanden. Was diesmal anders war? „Die Größe und die Komplexität!“, sagt Mazyek. „So eine Serienproduktion hat den Umfang eines mittelständischen Unternehmens!“

 Ist immer an Bens Seite, stünde aber lieber viel mehr im Vordergrund: Sein Migrationshintergrund (Waldemar Kobus).
Ist immer an Bens Seite, stünde aber lieber viel mehr im Vordergrund: Sein Migrationshintergrund (Waldemar Kobus).

An der Produktion waren bis zu 80 Leute gleichzeitig beteiligt. „Es war aber auch total spannend, so eine aufwändige Produktion von Drehbuchentwicklung bis Postproduktion komplett selbst zu organisieren“, sagt Mazyek. Er und Bounouar stellten ein Team zusammen, das vorwiegend aus Filmschaffenden bestand – wovon viele aber mit „Ethno“ ihr Serien-Debüt bestritten, darunter auch Regisseur Marvin Litwak. „Mit vielen jungen Leuten im Team gab es einen ganz besonderen Drive, eine sehr große Motivation“, erzählt Bounouar.

„Mit einer gewissen Erfahrung holt man sich natürlich auch Schema F rein“, erklärt Mazyek. „Wir wollten aber vieles anders machen als bei alteingesessenen Produktionen und haben deshalb bei der Zusammenstellung des Teams auf eine Mischung zwischen jungen und „alten Hasen“ geachtet.“ Vieles habe man erst im Entstehungsprozess gelernt, sagt Bounouar. Hilfe sei in allen Belangen vom WDR gekommen, der den Jungautoren Ghassim und Doktoran auch einen Dramaturgen zur Seite stellte.

Bei allen Entscheidungen habe der Sender den jungen Filmemachern aber völlig freie Hand gelassen und sie immer darin bestärkt, sich auszutoben und Ungewöhnliches zu wagen, sagt Mazyek. „Der WDR wollte ebenso wie wir nicht den Abklatsch irgendeiner anderen Serie, sondern bewusst andere Wege gehen.“

Dabei überließen sie dem „Ethno“-Team die Deutungshoheit. „Bringt Authentizität und Vielfalt mit rein“, sei die Devise gewesen. Bounouar und Mazyek ist dabei auch klar, dass der Standard im deutschen Fernsehgeschäft noch anders aussieht, erzählt Mazyek. „Noch machen wir hier Pionierarbeit.“

In logischer Konsequenz besetzten Bounouar und Mazyek ihr Team zu einem großen Teil mit Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Das Ziel: die Dinge authentisch zeigen und Klischees umschiffen. Für Bounouar, die auch für die Ausstattung verantwortlich zeichnet, bedeutet das zum Beispiel, das Wohnzimmer der marokkanischen Familie von Protagonist Ben nicht so zu zeigen, wie der Durchschnittszuschauer es sich vorstellt, sondern so, wie es bei den marrokanischen Eltern der am Film Beteiligten nun einmal aussieht.

Dabei sei auch zum Vorschein gekommen, dass für Außenstehende mitunter Dinge wie ein Klischee wirken, die gar keines sind. „Die traditionelle Sitzbank, die wir für dieses Szenenbild ausgewählt hatten, kannten einige nur aus Shisha Bars“, erzählt Bounouar. Und dass Ben sich bei seinem Job im Callcenter als „Michael Baumgärtner“ meldet, sei auch kein billiger Gag, sondern eine Praxis, die sie von vielen Menschen mit nicht deutsch klingenden Namen kenne.

 Hauptsache auf die Bühne? Ben (Benaissa Lamroubal) soll den Klischee-Ausländer mimen, um Quote zu machen.
Hauptsache auf die Bühne? Ben (Benaissa Lamroubal) soll den Klischee-Ausländer mimen, um Quote zu machen. Foto: WDR/RebellComedy

Mit ihren Authentizitäts-Ansprüchen stießen die beiden Filmemacher mitunter auch an Grenzen, berichten sie beim Gespräch in Aachen. Weil Bounouar für die Rolle von Bens Vater keinen passenden Schauspieler fand, der Berberisch sprach, wurde eine Passage im Drehbuch, in der die Familie in der Sprache diskutieren sollte, kurzerhand ins Arabische übersetzt.

Wo einserseits Abstriche gemacht oder Kompromisse gefunden werden mussten – manchmal auch aus Budget-Gründen – habe die Diversität im Team andererseits an vielen Stellen dafür gesorgt, dass noch mal ganz neue Aspekte ihren Weg in die Serie gefunden haben. Besonders Bounouar hat viel Zeit und Liebe zum Detail darauf verwandt, dass die Bilder, die man in der Serie zu sehen bekommt, für den jeweiligen Kontext stimmen.

Als Kostüm und Maske sich nicht darauf einigen konnten, wer nun für das Organisieren und Anlegen des Kopftuchs von Bens Schwester zuständig ist, brachte Bounouar das Material von zu Hause selbst mit, das Binden wurde dann mit einem Youtube-Video geübt. Der Perfektionismus endet natürlich nicht bei Möbeln oder Kostümen, sondern betrifft auch die Zeichnung der Charaktere und ihrer Beziehungen.

 Ernstes Gespräch: Bens Vater (Hassan Lazouane, links) ist nicht zufrieden mit den Karriereplänen seines Sohnes. Schwester Samira (Kristin Alia Hunold) versucht zu vermitteln.
Ernstes Gespräch: Bens Vater (Hassan Lazouane, links) ist nicht zufrieden mit den Karriereplänen seines Sohnes. Schwester Samira (Kristin Alia Hunold) versucht zu vermitteln. Foto: WDR/RebellComedy

Die Mühe hat sich offenbar gelohnt: Entstanden ist ein Mikro-Serienkosmos, in dem sich – den Rückmeldungen, von denen Bounouar berichtet, zufolge – viele wiederfinden. Da, wo „Ethno“ klischeehaft überzeichnet, geschieht das aus komödiantischen Gründen: Als Ben den Islamisten in einer Samstagabend-Show mimen soll, bekommt er dafür gleich einen Bombengürtel verpasst.

„Den Vorschlag, dass Bens Schulden von irgendwelchen kruden Geschäften herrühren, habe ich aber zum Beispiel abgelehnt“, sagt Bounouar. Jetzt muss Ben einfach sein Bafög-Darlehen zurückzahlen. „Wie ganz viele andere junge Menschen, die wir in unserem realen Umfeld haben.“

 In der Hoffnung, endlich wieder finanziell flüssig zu sein, lässt Ben sich zunächst auf die angebotene Klischee-Rolle ein. Gut fühlt er sich damit aber nicht, und seine Familie reagiert mit Verachtung. Den Druck der Comedy-Industrie und der Familie haben die Mitglieder von RebellComedy zum Teil selbst erlebt.

Als sich das Kollektiv 2007 gründete, wollte man der Stereotyp-Comedy, die zum Beispiel Erkan und Stefan damals machten, etwas entgegensetzen. „Man sollte sich nicht für seinen kulturellen Background schämen“, sagt Bounouar. „In unserer Serie ist genau dieser Background mit eingeflossen.“ Sich in der Comedyszene zu etablieren, sei nicht leicht gewesen.

„Über die Jahre sind immer wieder große Produktionsfirmen auf uns zugekommen, die einzelne Künstler in ein bestimmtes Muster pressen wollten.“ RebellComedy ist diesem Ruf nicht gefolgt, einzelne Künstler, wie Enissa Amani, die einst unter anderem bei RebellComedy begann, nahmen Show-Angebote von großen Sendern an.

Andere nutzen das Kollektiv als Türöffner für eine neue Form des Stand-up – ohne Klischees und ohne einen Humor, der nur darauf basiert, sich über die eigenen Wurzeln lustig zu machen. Neben der Weiterentwicklung, die das Team im Bereich der Filmproduktion durchlaufen hat, habe man mit der Miniserie auch inhaltlich wachsen können, berichtet Mazyek.

„Im Gegensatz zu einer Live-Show mit einem 15-Minuten-Comedy-Slot bietet eine Serie natürlich einfach mehr Zeit und Bilder, um auch ernstere Themen anzusprechen.“ Auch Bens Migrationshintergrund gefällt es, mehr Sendezeit zu bekommen, als Ben sich darauf einlässt, den Klischee-Ausländer zu mimen.

Die Figur ist ein Fabelwesen voller Widersprüche: Symbolisch vereint sie das ein oder andere Vorurteil (Stichwort Körperbehaarung), sieht zugleich aber ziemlich durchschnittlich weiß aus. „Wir haben uns für einen Migrationshintergrund entschieden, der nicht in ein Raster passt“, sagt Bounouar. „Gleichzeitig karikieren wir das theoretische Konzept des Migrationshintergrundes“, ergänzt Mazyek, „eben damit, dass unserer ein alter weißer Mann ist, der hochdeutsch spricht.“

So ganz ohne augenzwinkerndes Spiel mit dem Klischee geht es also auch bei „Ethno“ nicht. „Wann soll man ein Klischee erwähnen um es zu brechen und wann verstärkt man es? Man bewegt sich dabei immer auf einem schmalen Grat“, sagt Mazyek, „aber wir wollten auch keine schöne, heile Welt zeigen, das wäre eine Utopie“– und die hätte am Ende mit Authentizität auch wieder nichts zu tun.