Heinsberg: Aus Wagners Welt will der Leser nicht mehr raus

Heinsberg: Aus Wagners Welt will der Leser nicht mehr raus

„Besser als Henning Mankell ist eine Beleidigung für Jan Costin Wagner und für Mankell höchstes Lob”, zitierte Buchhändler Reiner Gollenstede Literaturkritikerin Christine Westermann, um den Gast seiner jüngsten Autorenlesung vorzustellen: Jan Costin Wagner.

Zwischen den Stuttgarter Krimitagen und der „Criminale” in Singen machte der freie Schriftsteller für einen Abend in der Kreisstadt Station, um aus seinem dritten Roman mit dem jungen finnischen Kriminalkommissar Kimmo Joentaa zu lesen. „Im Winter der Löwen” lautet der Titel seines jüngsten Werkes.

„Was kann man Schöneres über ein Buch sagen, als dass man zwei Tage und zwei Nächte liebend gern mit ihm verbracht hat...”, bemühte Gollenstede noch einmal Westermann, um die Bedeutung des Buches in der aktuellen Literaturkritik zu verdeutlichen. „Über dieses Zitat habe ich mich ganz besonders gefreut”, erwiderte Wagner. Es gebe nichts Schöneres als so zu schreiben, dass der Leser in eine Romanwelt hineingelange, aus der er dann gar nicht mehr heraus wolle.

„Im Winter der Löwen” ist nach „Eismond” und „Das Schweigen” - 2008 mit dem Deutschen Krimipreis geehrt und bald als Kinofilm zu sehen - schon der dritte Kimmo-Joentaa-Roman von Wagner. Als Hauptfigur sei er geprägt vom Tod seiner Frau Sanna, die im Alter von 25 Jahren an Krebs gestorben sei, führte der Autor in sein drittes Buch ein. „Mir geht es darum, einen jungen Menschen in Sprache zu bringen, der diesen Verlust erlitten hat.”

Die Sprache ist dabei ein ganz wesentliches oder besser „das” Merkmal der Romankunst Wagners, die den Leser schon gleich vom ersten Kapitel an mitnimmt. So schreibt er dort zum Beispiel nicht, dass es „draußen” schneit, sondern „jenseits der Scheiben”. So kann der Leser sich ganz genau in die Situation der Hauptfigur hineindenken.

Wagner schreibt mit viel Liebe zum Detail und liefert ausgefeilte Dialoge, in die er seinen Leser mitnimmt, weil dieser hier spontan die fehlenden Satzenden weiterdenken muss. „Dem Anblick nach zu urteilen schlief er gut”, ist dann die Aufforderung, mit in die Bilder des Buches zu gehen.

In dessen Verlauf gelingt es ihm, als Täterin in dem geschilderten Mord eine traumatisierte Frau aus einer surrealen Erlebniswelt in den Roman einzuführen. Er wolle jeder Figur sehr nahe sein, erklärte Wagner, als sich nach seiner Lesung ein ganz intensiver Dialog mit seinem Publikum entsponn. Dass sein Buch doch eigentlich gar kein richtiger oder besser viel mehr als ein normaler Krimi sei, stritt er nicht ab.

Er nutze das Verbrechen, weil es eine Ausgangsposition schaffe für viele Perspektiven, die interessant seien, erklärte er. „Was mich antreibt, ist der Versuch, Menschen in schlimmstmöglichen Ausgangspositionen sprachlich unter Kontrolle zu bringen und für Momente begreifbar zu machen - als Figur, die beim Leser haften bleibt”, beschrieb er selbst sein Erfolgskonzept.

Ob es ein viertes Buch mit Kimmo Joentaa geben wird? „Ich möchte ihn schon forterzählen. Sehr wahrscheinlich, aber ich habe noch kein Bild”, verriet Wagner zum Schluss des Abends, bevor er seine Bücher für die Zuhörer noch persönlich signierte. Dass er nicht nur ein begnadeter Schriftsteller, sondern auch ein hervorragender Sprecher seiner Werke ist - ohne diese Information ließ ihn ein im wahrsten Sinne des Wortes angesprochenes Publikum nicht gehen.

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