Heinsberg: „Aus voller Fahrt”: 32 Minuten über die Tragik von Unfallfolgen

Heinsberg: „Aus voller Fahrt”: 32 Minuten über die Tragik von Unfallfolgen

Der Film beginnt, und alles ist schwarz. Der Zuschauer hört ihn nur - den Crash! „Aus voller Fahrt” heißt das 32-Minuten-Werk, das im Pädagogischen Zentrum des Heinsberger Kreisgymnasiums zur Uraufführung kam.

Nicht von ungefähr, denn die Hauptdarsteller sind Schüler dieser Schule. Im Schnitt ist fünf Mal pro Tag(!) im Kreis Heinsberg ein junger Erwachsener an einem Unfall beteiligt. „Junge Erwachsene verunglücken statistisch gesehen nirgendwo in NRW häufiger als im Kreis Heinsberg!”, erklärte Michael Okuhn, stellvertretender Leiter der Direktion Verkehr in der Kreispolizeibehörde. Bis Ende Oktober hat er 203 Verunglückte dokumentiert, davon drei Tote, 48 Schwer- und 152 Leichtverletzte.

Entstanden ist der Film in mehreren Schritten. Dabei betreute Regisseur Felix Partenzi im Rahmen einer vom NRW-Verkehrsministerium geförderten Verkehrssicherheitsaktion der Kommunen mehrere Schüler zunächst bei der Realisierung eines Theaterstücks, das sich intensiv mit Verkehrsunfällen junger Autofahrer auseinandersetzt. Sie recherchierten dafür in Gesprächen mit Experten, etwa Polizeibeamten und Notfallseelsorgern, aber auch mit Angehörigen von jungen Unfallopfern.

So machten sie sich ein individuelles Bild von einem möglichen Unfall. Gemeinsam formulierten sie ihre Vorstellungen von tragischen Momenten. Das Theaterstück, das sich aus Gedanken, Gefühlen und Erlebnissen von jungen Unfallbeteiligten kollagenhaft zusammensetzte, erreichte in zwei Aufführungen in der Heinsberger Stadthalle rund 1000 junge Fahrer.

„Langfristige Wirkung und Nachhaltigkeit werden jetzt durch die filmische Fixierung des Stücks garantiert”, freut sich Okuhn, der das Gesamtprojekt geleitet hat mit dem Endergebnis eines Episodenfilms von jungen Leuten für junge Leute in ihrer gemeinsamen Sprache und Erfahrungswelt sehr zufrieden ist.

Durch die in der realen Welt nochmals gespielten Episoden erfahren die Zuschauer von Kristina Kiehn, was es bedeutet, Zeuge eines Unfalls zu sein. Kevin Wolters nimmt sie mit in den Geschwindigkeitsrausch eines jungen Fahrers. Hermann Ziege verdeutlicht, wie schnell es passiert, wenn der Fahrer abgelenkt ist. Auch im Film wird der Unfall an sich jedoch bewusst ausgespart. „Aus den kontrastierenden, alterstypischen Formulierungen und Betrachtungen entsteht für den Zuschauer vielmehr die Möglichkeit, eigene Emotionen im Umgang mit dem Unfallrisiko neu zu ordnen und auszuloten”, so Okuhn.

Nicht nur als Schauspieler, sondern auch bei weiteren Arbeiten zum Film waren Heinsberger Schüler beteiligt. So schrieb Marc Mevißen die Musik, Simon Lennartz und Hermann Ziege engagierten sich beim Filmschnitt. 100 DVDs wurden zunächst produziert. Die Kosten dafür hat der Kreis Heinsberg übernommen. Damit bestehe eine Dokumentation, die zur weiteren Verkehrssicherheitsarbeit in den Schulen genutzt werden könne, betonte Okuhn.

Mehr noch: Das Filmprojekt soll jetzt mit der neuen Landeskampagne „Crash Kurs NRW” verzahnt werden, denn es wird für die Nachbereitung als Unterrichtsprojekt empfohlen. So erreichte Okuhn drei Tage vor der Uraufführung des Films ein Schreiben aus der Universität zu Köln von Prof. Dr. André Bresges, dem wissenschaftlichen Begleiter des neuen Verkehrssicherheitsprojekts.

„Ihre Initiative geht genau in die richtige Richtung”!, bescheinigte er dem Projektleiter. „Nicht nur, dass junge Menschen von Gleichaltrigen in ihrer eigenen Sprache informiert werden; es werden auch junge Fahrer dazu gebracht, sich mit den Zielen der Verkehrssicherheitsarbeit selbst zu identifizieren, zu Botschaftern einer guten Sache zu werden, und Anerkennung dafür zu erhalten. Bitte arbeiten Sie auf diesem Weg weiter!”

Der Applaus nach der Filmvorführung machte deutlich, dass Okuhn zumindest die Oberstufe des Kreisgymnasiums schon als Botschafter gewonnen hat.