Hürtgenwald: Aus der Kriegslandschaft Hürtgenwald wird eine Erinnerungslandschaft

Hürtgenwald: Aus der Kriegslandschaft Hürtgenwald wird eine Erinnerungslandschaft

Kriegsgräber, Gedenkkreuze, Bunker, Höckerlinien und heute noch sichtbare Lauf- und Schützengräben: Der Hürtgenwald, der ab Spätherbst 1944 Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen Soldaten der Alliierten und der Wehrmacht war, weist eine Konzentration kriegsbezogener Zeugnisse auf, die in dieser Dichte in Deutschland selten ist.

„Aus der Kriegslandschaft ist im Laufe der Jahrzehnte eine Erinnerungslandschaft entstanden“, bilanziert der Publizist und Historiker Frank Möller. Zur Frage, wie diese Erinnerungslandschaft weiterentwickelt werden soll, gibt es durchaus unterschiedliche Vorstellungen.

Frank Möller Foto: Johnen

Im Auftrag des Kreises Düren und der Gemeinde Hürtgenwald koordiniert Möller daher ein Moratorium, das unter anderem mit dem Thema befasste Ehrenamtler und Geschichtsvereine, aber auch Wissenschaftler und Vertreter des Landschaftsverbandes Rheinland sowie des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge an einen Tisch bringen soll. Sowohl eine Bestandsaufnahme als auch eine Weiterentwicklung seien nur im Rahmen eines „breit angelegten Meinungsbildungsprozesses mit großer Bürgerbeteiligung“ zu bewältigen, ist er überzeugt. Gefördert wird das Projekt von der Landeszentrale für politische Bildung.

Doch warum ist eine solche Bestandsaufaufnahme mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nötig? „Manche Formen des Erinnerns und Gedenkens, die in den 50er Jahren durchaus akzeptiert waren, entsprechen nicht mehr den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Standards, sie sind nicht nur altmodisch, sondern inzwischen auch fragwürdig“, sagt Möller. Einige Inschriften an Gedenksteinen würden beispielsweise Angehörige der Wehrmacht glorifizieren und seien bemüht, „sinnloses Sterben mit Sinn aufzuladen“. Außerdem sei es an der Zeit, auf jüngere Generationen zuzugehen und deren Interesse zu wecken.

„Wir stehen an einem Punkt, an dem sich ein wichtiger Wechsel von der Erlebnisgeneration zur dritten Generation vollzieht, den Enkeln der Kriegsteilnehmer und Zeitzeugen“, sagt Möller. Dies führe auch zu einem Nachdenken, zu veränderten Deutungen und Auffassungen der Kriegsvergangenheit. Anders formuliert: „Junge Leute wollen etwas darüber erfahren, wie es zum Zweiten Weltkrieg kam, welche Rolle Familienangehörige im Nationalsozialismus spielten. Sie sind selbst nicht unmittelbar betroffen, können oft mit den alten, ritualisierten Formen des Erinnerns und Gedenkens nichts anfangen“, erklärt Möller. Die neue Generation sehe sich nicht als „Nachlassverwalter“, sondern stelle neue Fragen, suche Antworten.

„Umso wichtiger ist es, dass sich alle Verantwortlichen selbst fragen, welche Standards gelten sollen, wie die Gedenklandschaft, wie auch Militärmuseen und Gedenkareale aussehen sollten“, sagt Möller. Er wisse beispielsweise nicht, warum Darsteller in Kostüm-Uniformen während des Hürtgenwald-Marsches den Zweiten Weltkrieg nachspielen — „und dabei in Bodendenkmälern neue Stellungen ausheben“. Parallel habe es in der Vergangenheit Sponsoren gegeben, die T-Shirts mit Sprüchen wie „Frankreich ist wie gute Medizin — das muss man einnehmen“ vertreiben. Möller: „Ich frage mich, wie das auf Außenstehende wirkt?“

„Man muss nicht alles verbieten. Aber wir sollten uns klar darüber sein, welche Wirkung Worte und Taten haben können“, mahnt der Historiker zu mehr Professionalität beim Umgang mit Geschichte an. „Wenn in Köln etwas mit Bezug zum Zweiten Weltkrieg getextet oder aufgestellt werden soll, wird dies an das NS-Dokumentationszentrum weitergereicht. Experten prüfen das Vorhaben und beraten die Politik“, erklärt Möller. Es müsse gelingen, auch im Kreis Düren so einen Weg zu beschreiten, um das Wissen von Fachleuten zu nutzen. „Im Idealfall sind das Historiker, die in der Region arbeiten, mit der Region vertraut sind“, findet Möller.

Der Historiker Dr. Horst Wallraff, der im Stadt- und Kreisarchiv arbeitet und sich mit dem Nationalsozialismus im Kreis Düren beschäftigt, könnte ein solcher Ansprechpartner sein. „Es kann nicht sein, dass beispielsweise alles beim jeweiligen Geschichtsverein einer Gemeinde landet und sich die Gemeinde anschließend die Auffassung einer Gruppe zu eigen macht, deren Expertise fraglich sein kann“, findet Möller.

Langfristig müsse es gelingen, die Geschehnisse während des Kriegswinters 1944/45, aber auch die Zeit ab 1933, die beginnende Ausgrenzung und Verfolgung von Juden und politischen Gegnern, zu einem Forschungsthema zu machen. „Für Magister- und Doktorarbeiten ist das Feld hochinteressant“, urteilt Möller. Er will daher versuchen, engere Kontakte zu Universitäten zu knüpfen und Professoren für eine Mitarbeit zu gewinnen. Was andernorts zum wissenschaftlichen „Standardrepertoire“ gehöre, sei im Hürtgenwald stiefmütterlich behandelt worden.

Experten sieht er auch in der Pflicht, vor Ort Angebote zu machen und Hilfestellungen zu geben. „Wir benötigen eine klare Kriterienliste, was beim Beschriften von Gedenktafeln zu beachten ist, welche Fehler zu vermeiden sind“, sagt Möller. Als Koordinator des Moratoriums möchte er daher auch eine Reihe von Veranstaltungen und öffentlichen Vorträgen mit Experten organisieren.

Wer weitere Infos über Veranstaltungen oder über das Moratorium haben möchte oder selbst Anregungen hat, kann eine E-Mail an moratorium@huertgenwald.de schicken.

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