Gendergerechte Sprache in Unternehmen: „Auf Angemessenheit und Verständlichkeit kommt es an“

Gendergerechte Sprache in Unternehmen : „Auf Angemessenheit und Verständlichkeit kommt es an“

Wie verwendet man Sprache gendergerecht? Die Diskussion darum ist in vollem Gange. In Unternehmen indes setzt man offenbar schön länger auf pragmatische Lösungen.

Die gendergerechte Sprache ist im wahren Wortsinne in aller Munde. Allenthalben gibt es Diskussionen um die angemessene sprachliche Würdigung der Geschlechter. Und so tobt die Schlacht um Gender-Sternchen, Binnen-I und Doppelnennungen in der Anrede zwischen den gesellschaftlichen Gruppen. Während die einen im Gendern einen Generalangriff auf das Kulturgut Deutsche Sprache sehen, stellen die anderen die Geschlechtergerechtigkeit in den Vordergrund, um keinesfalls irgendjemand auszuschließen. Je nachdem, welcher Denkrichtung man sich zugehörig fühlt, liegen die Positionen zwischen der Forderung „Gleichberechtigung auch in der Sprache" und der Frage „Habt Ihr eigentlich keine anderen Sorgen?"

Für die Bürgerschaft ist es dabei risikolos, sich der eigenen Meinung entsprechend zu verhalten. Bei Unternehmen sieht es schon etwas anders aus. Denn sie laufen Gefahr, bei entsprechender Positionierung den jeweils andersdenkenden Teil ihrer Kundschaft zu vergrätzen. Es ist spekulativ anzunehmen, dass das der Hintergrund ist, wenn sich zwei große wirtschaftliche Player im Nordkreis einer Befragung entziehen. Bei der Herzogenrather Niederlassung des international agierenden Software-Giganten Ericsson heißt es schon bei der Empfangsdame, sie sei autorisiert, mitzuteilen, dass man grundsätzlich nicht an Umfragen teilnehme, „seien sie von Meinungsforschungsinstituten oder Presseorganen". Der Maschinenhersteller Aixtron teilt etwas konzilianter mit, man werde „dieses Mal" nicht an einer Befragung teilnehmen.

Enwor setzt auf Leitfaden

Andere Unternehmen im Nordkreis sind da wesentlich aufgeschlossener und gesprächsbereiter. So erläutert zum Beispiel Ina Albersmeier, Leiterin der Stabsstelle Marketing/Presse beim Energieversorger Enwor, man habe der Belegschaft einen Leitfaden zur gendergerechten Sprache an die Hand gegeben, um so sowohl intern als auch in Schreiben an die Kundschaft entsprechend formulieren zu können. Dabei sei ausdrücklich freigestellt worden, in welcher sprachlichen Form – ob Binnen-I, Gender-Sternchen, doppelte Namensnennung oder Umschreibung in der Anrede – das zu geschehen habe. Ina Albersmeier: „Schließlich gibt es verschiedene betriebliche Anlässe interner und externer Kommunikation, auf die wir sprachlich angemessen und flexibel reagieren wollen."

Gedanken hat man sich auch im Eurode Business Center (EBC) gemacht, Stephanie van den Berg-Thoennißen vom Verwaltungsstab  stellt fest: „Bei uns werden grundsätzlich geschlechtsneutrale Formulierungen oder die Anrede in weiblicher und männlicher Form gewählt.“ Das Gender-Sternchen indes nutze man nicht. „Dies auch vor dem Hintergrund, dass die Kommunikation bei uns sowohl in Deutsch als auch in Niederländisch stattfindet. In der niederländischen Sprache kommt das Gender-Sternchen bisher nicht zur Anwendung.“ Darüber hinaus sei diese auch vom Aufbau her anders. „Hier werden in der Regel ebenfalls eine geschlechtsneutrale Formulierung oder das generische Maskulinum verwendet."

Für junge Arbeitnehmer „normal“

Michael Eßers, Geschäftsführer des Technologieparks Herzogenrath (TPH), stellt für die unter seinem Dach residierenden Firmen fest: „Für die vornehmlich jungen Arbeitnehmer hier ist gendergerechte Sprache normal." Der TPH-Chef zitiert aus einer Statistik des Personaldienstleisters Randstad und des Leibniz-Institutes für Wirtschaftsforschung, wonach in Firmen mit 50 bis 249 Mitarbeitenden 40 Prozent in der externen Kommunikation und 28 Prozent in der internen die geschlechtergerechte Sprache verwenden „Die Unternehmen im TPH sind in dieser Gruppe anzusiedeln." Zum gendergerechten Prozedere sagt Eßers: „In Anschreiben nach außen nutzen wir in aller Regel den Doppelpunkt. Grundsätzlich präferieren wir die allgemeine Verständlichkeit im Text." Damit sei man bisher gut gefahren, denn „in der Belegschaft gibt es bis zum jetzigen Zeitpunkt keine Kritik zu der Thematik".

Auch Stephanie Pfeifer von der für alle Nordkreis-Kommunen zuständigen Regio Entsorgung bestätigt, dass bei ihrem Unternehmen intern und extern gegendert wird und sagt: „Die geschlechtergerechte Sprache ist ein interessantes Thema." Vorgegebene Genderformen seien nicht vorgesehen, es komme auf die Angemessenheit und Verständlichkeit an. Auf die Frage, ob sie im Unternehmen lieber als „Vorstand" oder „Vorständin" bezeichnet werde, zeigt sich Stephanie Pfeifer äußerst freigeistig: „Auch wenn mir der Begriff Vorständin im Sinne einer geschlechtergerechten Sprache gut gefällt, ist mir das privat eigentlich völlig egal." Damit scheint Frau Pfeifer Mitglieder*in zu sein im Club der Pragmatiker:innen. Oder so ähnlich. Oder wie?