Erkelenz: Zwischen den Straßenkindern von Ecuador

Erkelenz : Zwischen den Straßenkindern von Ecuador

Wenn Elisabeth Binger anfängt zu <br>erzählen, sprudeln die Worte aus ihr heraus wie bei einem Wasserfall. Ihre Freunde nennen sie Lisl, aber eigentlich hört sie das nicht so gerne.

Doch der Ärger ist schnell verflogen,
wenn man sie nach einigen ganz besonderen Erlebnissen fragt, die sie in den letzen Monaten gemacht hat.

Lisl war nämlich in Ecuador, hat dort in einem „Jugend Dritte Welt”-Projekt der Salesianer gearbeitet. Diese beeindruckende Zeit wird die sympathische Erkelenzerin in ihrem ganzen Leben
nicht mehr vergessen.

Wo soll ich nur anfangen?”, beginnt die 23-Jährige ihre Geschichte aus einer anderen Welt. Elisabeths tief blaue Augen leuchten, ein Merkmal, dass sie auch in Lateinamerika zu etwas ganz Besonderem machte.

Schon zweimal ist die Studentin der Sozialpädagogik in Ecuador gewesen. Zum ersten Mal gleich nach dem Abitur, dann wieder ab September 2002 zu einem Auslandspraktikum.

„Ich war in Quito, habe dort in einem Projekt für Straßenkinder gearbeitet.” Die Idee war ihr gekommen, weil ihre Eltern öfters Hefte der Salesianer Don Boscos, einer kirchlichen Hilfsorganisation, die weltweit tätig ist, bekamen. „Ich habe schon immer gesagt, dass ich da gerne etwas machen wollte, und nach dem Abi habe ich es dann einfach getan.”

Die ersten Wochen in Quito sind hart für Elisabeth. Sie kennt niemanden, ihr Schulspanisch lässt zu wünschen übrig, es gibt kein Telefon mit internationalem Anschluss, und ihre Eltern in Erkelenz haben noch keinen E-Mail-Anschluss.

„Dort gibt es einfach eine komplett andere Kultur. Ich habe so viel Elend gesehen und konnte mich einfach mit niemandem richtig darüber unterhalten.” Aber Elisabeth gewöhnt sich schnell an die neuen Lebensumstände, ihre Gastfamilie ist nett, und sie findet ein paar Freunde.

„Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist enorm groß in Ecuador”, erzählt Elisabeth. „Die reichen Menschen leben genauso, wie die Leute hier, die Armen haben praktisch nichts außer den Kleidern an ihrem Leib.” Elisabeth lernt gleichaltrige Mädchen kennen, die schon drei Kinder haben.

Die Straßenkinder von Quito schnüffeln Klebstoff und betteln sich ein bisschen Geld zusammen. In dem Heim, wo Elisabeth arbeitet, finden 50 dieser Kinder eine Unterkunft, bekommen etwas zu essen, besuchen die Schule und können eine Ausbildung absolvieren. Die Arbeit macht ihr Spaß, sie erlebt viel und hat ihren Freundinnen zu Hause eine Menge an Erfahrungen voraus.

„Meine Freunde zu Hause haben mich erst für verrückt erklärt”, erinnert sie sich. „Als ich dann nach sieben Monaten wiederkam, waren sie aber sehr beeindruckt, und als ich dann zum zweiten Mal nach Ecuador geflogen bin, fanden es alle nur noch klasse.”

Bei ihrem zweiten Besuch arbeitet die Studentin in einem anderen Projekt mit. Sie verbringt die meiste Zeit in kleinen Dörfern im Hochland Ecuadors und lernt dort noch ein ganz anderes Leben kennen. „Ich hatte mich immer gefragt, warum die Menschen in die Städte kommen, wo sie nichts besitzen, aber da habe ich gesehen, dass sie in ihren Heimatorten noch viel weniger haben.”

Die Menschen in den Dörfern leben mit ihrer ganzen Familie in vier mal vier Meter großen Lehmhütten. Es gibt kein Wasser, keine Elektrizität. „Trotzdem sind die Menschen dort oben in den Anden viel zufriedener mit ihrem Leben. Sie leben total in der Gegenwart, verschwenden keinen Gedanken daran, was am nächsten Tag ist.”

Elisabeths Aufgaben in diesen Dörfern sind vielfältig. Sie ist Lehrerin, vermittelt den Eltern eine Arbeitsstelle und kümmert sich mit um das Essen. Sie muss sogar eine Lehrerfortbildung halten, ohne in Deutschland jemals etwas ähnliches gemacht zu haben. „Wir haben den Menschen dort pädagogisch so viel voraus, dass ich wirklich einiges helfen konnte.”

Spricht man Elisabeth heute auf ein Erlebnis an, das sie in Ecuador besonders geprägt hat, dann kommt ihr direkt das Wiedersehen mit dreien ihrer Straßenkindern bei ihrem ersten Aufenthalt in Lateinamerika in den Sinn.

Auch wenn diese Erinnerung gemischte Gefühle in ihr hervorruft. „Die drei haben mich damals als ihre große Schwester angesehen, ich hatte sie richtig lieb gewonnen. Als ich sie dann nach Jahren wieder traf, war ich erfreut und erschüttert zugleich.” Zwei ihrer „Brüder” haben es nämlich tatsächlich geschafft.

Sie haben eine Arbeitsstelle in einer Bäckerei, einer hat mit 15 Jahren sogar schon eine eigene Familie. Den dritten hat es allerdings nicht so gut getroffen „José war wieder ganz am Boden”, erzählt Elisabeth leise. „Er lebte wieder auf der Straße, nahm Drogen und war Mitglied einer Straßenbande.” Über dieses Schicksal ist Lisl noch immer traurig.

Sie schlägt die blauen Augen nieder, aber sie weiß, dass es eben nicht immer klappen kann. Sie hat Armut und Elend gesehen, wirkt sehr erwachsen und weiß, dass sie sich auch in Zukunft für derartige Projekte stark machen will.