Kreis Heinsberg: Zu wenige Schiedsrichter: Neue Hüter des Fairplays gesucht

Kreis Heinsberg : Zu wenige Schiedsrichter: Neue Hüter des Fairplays gesucht

Zwölf Schiedsrichteranwärter haben vor wenigen Wochen im Kreis Heinsberg ihre Prüfung abgelegt. Nachdem zwei Anwärterseminare mangels Anmeldungen im Sommer ausgefallen waren, ist das kein schlechter Wert. Das wirkt wie ein Aufwärtstrend.

Der Fußballkreis leidet jedoch weiterhin unter chronischem Schiedsrichtermangel. Aktuell stehen 154 Unparteiische regelmäßig aktiv auf dem Rasen, das sind mehr, als noch vor drei Jahren, als es nur 110 waren. Aber man habe auch mal an der 180 gekratzt, sagt Tom Eisentraut, Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses: „Der Kreis könnte mindestens 30 zusätzliche Schiedsrichter brauchen.“ Von den 154 sind nicht alle für den Kreis unbegrenzt einsetzbar, einige agieren zudem „nur“ als Beobachter oder Assistenten.

Den Schiedsrichterstatistiken des DFB zufolge sind die Schiedsrichterzahlen seit Jahren auf dem absteigenden Ast: Im Fußballverband Mittelrhein, zu dem die Kreise Heinsberg, Düren und die Städteregion Aachen gehören, sind die Zahlen der Schiedsrichter, die mindestens ein Spiel gepfiffen haben, über die vergangenen zehn Jahre immer weiter gesunken.

Wurden 2007 noch 2418 Schiedsrichter gezählt, waren es in der Saison 2016/17 nur noch 2063 — eine Abnahme um 15 Prozent. Im gesamten Westdeutschen Fußballverband, zu dem zusätzlich die Verbände Niederrhein und Westfalen zählen, sind die Schiedsrichterzahlen binnen zehn Jahren sogar um 25 Prozent gesunken.

Wertschätzung zählt

Auch im Kreis Heinsberg steigen tendenziell in jedem Jahr mehr Schiris aus dem Dienst aus als ein. „Die Bilanz ist in den vergangenen eineinhalb Jahren negativ“, sagt Eisentraut. Bei den Senioren seien die Spiele ganz gut besetzt, während vor allem bei den Juniorenspielen der Mädchen oft ohne Unparteiischen gekickt werden müsse.

Und das kann für die Vereine zum Problem werden. Jeder Schiedsrichter ist bei einem Verein angemeldet. Aber wenn die Clubs zu wenige Schiedsrichter in ihren Reihen haben, müssen sie Ordnungsgelder zahlen. Und wenn zwei Spiele gleichzeitig stattfinden und nur ein Schiri zur Verfügung steht, wird dieser zu den Vereinen geschickt, die ihr Soll erfüllen. Von den 74 Vereinen im Spielbetrieb sind das zurzeit nur 39.

Von den neuen Anwärtern würden immer einige wieder abspringen, sagt Eisentraut. Er findet es dennoch gut, dass die Neu-Schiris die Tätigkeit als Hobby ausprobieren. Und aus dem Anwärterlehrgang von vor drei Jahren sei heute immerhin noch die Hälfte der Teilnehmer aktiv.

Für junge Leute sei der Job an der Pfeife interessant, um die eigenen Stärken und Schwächen besser kennenzulernen. Eine Frage motiviere viele Anwärter: „Kann ich dabei Ressourcen ausnutzen, die ich vorher noch nicht kannte?“ Auch für das spätere Berufsleben fördere die Rolle des Unparteiischen wichtige Fähigkeiten: Entscheidungsfreude, sicheres Auftreten und Menschenkenntnis sind auch auf dem Platz gefragt.

Die, die sich mit der Trillerpfeife im Mund schon einige dieser Eigenschaften über Jahre erarbeitet haben, sind größtenteils schon im eher gehobenen Alter. Bei den Jüngeren käme zunächst oft der zeitliche Druck durch Studium oder Beruf in die Quere, später dann die Familienplanung. „Gerade im Mittelfeld klafft eine enorme Lücke“, sagt Eisentraut. Bei den 30- bis 45-Jährigen stehe für viele die Familiengründung im Vordergrund.

Der springende Punkt ist laut Eisentraut jedoch die Wertschätzung durch die Vereine: „Die Schiedsrichter dürfen nicht als Fremdkörper oder lästige Anhängsel gesehen, sondern müssen ins Vereinsleben eingebunden werden und zum Beispiel zu Veranstaltungen eingeladen werden“, findet Eisentraut.

Ab einer Zahl von drei Schiedsrichtern lohne es sich zudem, über einen Vereinsschiedsrichterbetreuer nachzudenken. „Insgesamt muss gar kein großer Aufwand betrieben und keine hohe Vergütung gezahlt werden“, sagt er. Das Bereitstellen von Material, wie zum Beispiel einer Trainingsjacke, könne schon erheblich zur Identifikation mit dem Verein beitragen.

Ein Verein, dem die Bindung der Unparteiischen gelingt, ist der FC Wegberg-Beeck. „Alle zwei Jahre gibt es eine neue Ausrüstung, außerdem sorgen wir dafür, dass die Schiedsrichter auch bei den Vereinsveranstaltungen dabei sind“, sagt Hans Phlippen vom FC. Sein Soll von drei Schiedsrichtern überschreitet der Verein sogar — aktuell pfeifen hier fünf. Die meisten davon sogar schon seit mehreren Jahrzehnten. Das heißt aber auch: nur einer ist unter 50, drei sind bereits über 60.

In den nächsten Jahren müsste also der Nachwuchs herangezogen werden. Und das fällt auch dem Vorzeigeverein aus Beeck nicht leicht, trotz der Kontaktpflege zu Schulen und Sportlehrern. „Früher gab es einfach nur Fußball und fertig — heute ist das Angebot für Jugendliche einfach viel größer“, sagt Phlippen.

Roland Robertz vom FC Wanderlust Süsterseel sieht das ähnlich. Die Mitgliederzahlen im Mannschaftssport seien insgesamt rückläufig. Man sei froh, überhaupt noch Jugendliche im Verein zu haben, die Fußball spielen wollen — diese dann noch vom Pfeifen zu überzeugen, sei umso schwieriger. Die Jugendabteilung des Vereins ist ohnehin schon mit der des FC Selfkant zu einer Spielgemeinschaft zusammengelegt.

Auch als Alternative nach nach der Kickerlaufbahn ist der Schiri-Job unbeliebt: „Wenn man selbst nicht mehr spielt, wird man eher Trainer oder geht in die Jugendarbeit“, sagt Robertz. Beitragsfreiheit, Ausstattung und kostenlose Lehrgänge überzeugen nur wenige — aktuell pfeifen zwei Schiedsrichter für den Verein. Ein nach Berlin gezogener Kollege, der bei Heimatbesuchen noch regelmäßig pfeift, wird vom Kreisschiedsrichterausschuss nicht mehr gezählt.

Der Verein muss daher Ordnungsgelder für sein „Untersoll“ zahlen. Wenn in der Kreisliga kein Schiedsrichter angesetzt wird, müssen die Vereine dann trotzdem jemanden finden, der die Spiele pfeift — sie sind also doppelt gestraft.

„Diese Regelung ist einfach nur lächerlich“, sagt Robertz, „der DFB gibt Millionen aus, um das Ehrenamt zu bewerben, aber letztendlich ist das alles nur Augenwischerei. Man wird alleingelassen und an der Basis passiert gar nichts.“ Robertz vermisst echte Unterstützung.

Laut Eisentraut hilft der Kreisverband den Vereinen, neue Unparteiische zu finden und sie bei der Stange zu halten. Der Verband stellt zum Beispiel auch Werbematerial zur Verfügung und kooperiert mit dem St.-Ursula-Gymnasium Geilenkirchen, dem Cornelius-Burgh-Gymnasium in Erkelenz und den dortigen Sportlehrern. Monatliche Lehrabende, gemeinsames Grillen und Weihnachtsfeiern sollen die Schiri-Gemeinschaft stärken.

All das geschieht natürlich auch in der Hoffnung, dass die zwölf Neulinge so möglichst lange auf dem Rasen gehalten werden können.