Hückelhoven: Wuchtig bei Beethoven, zart bei Debussy

Hückelhoven : Wuchtig bei Beethoven, zart bei Debussy

„Ich spiele für Sie, wann kann ich kommen”, hatte ein junger Mann vor einiger Zeit etwas schüchtern am „con brio-Telefon” gesagt. Jetzt war er da.

Einen Moment länger als gewöhnlich ertrug Pianist Mikhail Dantschenko die Stille vor dem ersten Ton, um dann das Konzert mit Beethoven genauso direkt und unverblümt zu beginnen, wie sein Telefonat. Nahezu schwerelos schwebten seine Finger bei der „Sonate Nr. 23 f-moll op. 57” über die Tasten, verhafteten an einem Akkord und brausten sogleich wieder in zügellosem Temperament dahin.

Die Blicke des Publikums, darunter viele junge Leute, zog es sogleich wie gebannt zur Bühne. Dass Mikhail Dantschenko am Telefon so mit der Tür ins Haus gefallen war, hatte seinen Grund.

Wie Eva-Maria Seidel von con brio erzählte, haben die Conbrioaner nach einigem rätseln herausfanden, dass sich der junge Weißrusse auf die Empfehlung von Heinz Lengersdorf hin gemeldet hatte, der lange als Pianist im Kreis tätig war und nun in Hannover wirkt, wo auch Mikhail Dantschenko bis 2000 fünf Jahre studierte.

So kam es, dass nach zwei Jahren zum zweiten mal ein Klavierabend auf dem „con brio”-Programm stand. Mikhail Dantschenko entfesselte ein atemberaubendes Klanggebilde in der Aula. Er interpretierte sowohl die Kraft Beethovens, als auch die Zartheit Debussys in einer Intensität, die man bei dem auf den ersten Blick brav wirkenden 29-Jährigen zunächst nicht erwartete.

Fließend spielte er die schnellen 32tel Läufe gegen Ende von Beethovens Sonate und entfaltete mit hartem Anschlag ihre Impulsivität. Wenn er so spielt, dass seine Wangen beginnen zu vibrieren und an seinen Schläfen der Schweiß glitzert, scheint er ganz in seinem Element.

Auch bei Chopins „Polonaise As-Dur op. 53”, mit der Chopin laut Programmheft aus der Ferne am Freiheitskampf seines Volkes teilzunehmen scheint, verstand der Pianist es, das Thema energisch federnd auszugestalten.

Wie der Pole Chopin vor ihnen, hatten auch die russischen Komponisten Sergej Rachmaninow und Sergej Prokofiew, deren Stücke „Nr. 5 es-moll: Allegrao con fouco” aus der „?tudes tableaux op. 39” und „Sonate Nr. 7 B-Dur op. 83” Dantschenko spielte, ihre Heimat verlassen.

Sergej Prokofiew drücke mit seiner „Sonate Nr. 7 B-Dur op. 83” die Aufgewühlten Emotionen der Menschen seiner Zeit aus, obwohl er selbst während der Komposition fern der Kriegsereignisse in Georgien war.

Mikhail Dantschenko gab er Gelegenheit, sich einmal mehr ins kraftvolle Spiel zu vertiefen. Dantschenko Körper zog sich bei den harten Akkordfolgen spannungsgeladen nah über den Tasten zusammen.

Nach der chromatischen Melodie des zweiten Teils steigerte sich das Stück gegen Ende immer mehr in der Dynamik, bis Mikhail Dantschenko mit dem letzten Akkord ruckartig auf seinem Sitz nach hinten schwang und offensichtlich beeindruckte Zuhörer zurückließ.

Die waren zahlreicher erschienen als vermutet, so dass Dr. Eva-Maria Seidel von con brio in der Pause noch schnell für mehr Programmhefte sorgte. Die knapp 300 Besucher würdigten den Pianisten mit viel Applaus und Bravo-Rufen. Nach der Zugabe „La Campanella” von Liszt waren ihm stehende Ovationen sicher.

Nicht umsonst hat Mikhail Dantschenko sich zahlreiche Preise in Musikwettbewerben erspielt. Das kann auch demotivieren. Nach dem Konzert sagte eine begeisterte Besucherin augenzwinkernd zu ihrer Freundin: „Mein Mann hat sich vorgenommen, diese Stücke jetzt nicht mehr zu üben.”