Hückelhoven: „Wir sind nur ein Blatt, das fällt und vergeht”

Hückelhoven : „Wir sind nur ein Blatt, das fällt und vergeht”

Eine Frau im roten Morgenmantel sitzt nachdenklich am Frühstückstisch, isst, trinkt und hört dabei Musik.

„Good morning, sunshine” von Liza Minnelli. Gleich wird sie aufbrechen, ihre demenzkranke Mutter im Pflegeheim zu besuchen. Wie jeden Sonntag. Die alte Dame wird mehrmals ihren Todeswunsch äußern, sich nach längst verstorbenen Verwandten erkundigen und freudig überrascht sein über den ihr mitgebrachten Pudding. Wie jeden Sonntag.

Formal gesehen stellt Joop Admirals „Du bist meine Mutter” ein Theatermonolog dar, denn in beide Rollen - in die der Mutter und die der Tochter - schlüpft eine einzige Schauspielerin. Gisela Nohl gelingt dieser ständige Wechsel allerdings derart überzeugend, dass tatsächlich zwei lebendige Figuren miteinander zu interagieren scheinen.

Anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Evangelischen Altenzentrums gastierte das „Das Theater” aus Köln in der Aula des Gymnasiums. Im Dialog der beiden Frauen entsteht allmählich ein sensibles Doppelporträt: Es zeigt Gebrechlichkeit und Identitätsverlust der Alten, aber auch die Probleme der Jungen, mit dem gewandelten Verhältnis zu ihrer Mutter umzugehen.

Gewisse Anspannung

„Hatten wir eine Verabredung oder haben wir uns hier zufällig getroffen?”, will sie wissen. Die Tochter sieht sich einer Wiederkehr des Ewig-Gleichen ausgesetzt, beantwortet die gestellten Fragen geduldig, doch mit einer gewissen Anspannung. Sie gehen in den Garten. „Die Ärmsten”, bedauert die alte Dame ihre Mitbewohner.

„Die können einem Leid tun.” Erinnerungen an die Vergangenheit dringen an die Oberfläche ihres Denkens; befreit von Zeit und Raum, Gedankenblitze ohne näheren Zusammenhang. Sie trinken Kakao und genießen die Sonne. An ein Leben nach dem Tode glaube sie nicht, antwortet die Ältere auf Nachfrage der Jüngeren.

„Wir sind nur ein Blatt an einem Baum, das herunterfällt und vergeht.” Irgendwann endet der Besuch und die Mutter bleibt allein zurück. Sie will sich nach einem Taschentuch bücken, verliert das Gleichgewicht und bricht sich die Hüfte. „Woher kennen Sie mich eigentlich?”, fragt sie ihre Tochter, die sie bald darauf im Krankenhaus besucht: „Ich bin Deine Tochter”.

Die Verwandlung der Darstellerin Gisela Nohl von jung nach alt geschieht in Sekundenbruchteilen: Ihre Stimme nimmt einen dumpferen Klang an, ihr Arm zittert, der Gang gebeugt.

Das Publikum sieht eine alte Frau. Manchmal komisch, manchmal melancholisch ist das Bühnenspiel.

Am Einzelfall arbeitet es das Allgemeine heraus, indem es den Prozess des Alterns sowie die wechselvolle Beziehung zwischen Müttern und ihren Kindern erfahrbar macht - bedrückend und beeindruckend zugleich.