Städteregion: „Wir haben gezeigt, dass wir lernen wollen und können“

Städteregion : „Wir haben gezeigt, dass wir lernen wollen und können“

In kaum einer anderen Branche ist der Fachkräftemangel schon jetzt so groß wie in der Altenpflege. Mbuaya Kanoni, Alphonsine Nsinda-Dinkueme und Mamie Vambanu würden gerne eine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin machen.

Seit mehr als drei Jahren kämpfen die drei Frauen und etwa 30 weitere afrikanische Frauen und Männer in der Städteregion darum, einen Beruf erlernen zu können, der Fachkräfte braucht und der sie unabhängig von Hartz IV-Leistungen machen würde. Bislang vergebens. Dabei haben sie schon mehr als einmal ihre Motivation unter Beweis gestellt. Was läuft da schief?

Abschlüsse nicht anerkannt

Der evangelische Theologe Joachim Rosenberg, der die Initiative „Monganga“ — das bedeutet „Gesundheitswesen“ in Lingala — seit drei Jahren ehrenamtlich begleitet, erklärt zum Hintergrund: „Mbuaya Kanoni, Alphonsine Nsinda-Dinkueme und Mamie Vambanu sind in den 1990er Jahren aus dem Kongo geflohen und haben in Deutschland Asyl gesucht. Auch die anderen in der Gruppe leben nach ihrer Flucht aus Ghana, Nigeria oder einem anderen afrikanischen Staat schon zwischen zehn und 25 Jahre in Deutschland.

Asylbewerber und Geduldete wurden damals viele Jahre lang vom Arbeitsleben und von Ausbildung ausgeschlossen.“ Ob sie schulische oder berufliche Qualifikationen mitbrachten, habe niemanden interessiert. Abschlüsse wurden nicht anerkannt, Dokumente waren oft nicht zu beschaffen. So landeten selbst Menschen mit einem Uni-Diplom in ungelernten Helferberufen, wurden als „ohne Schulabschluss“ registriert. Die Frauen kümmerten sich daher meist zunächst um die Familie, konzentrierten sich auf die Kinder in der Hoffnung, „dass die es dereinst einmal besser haben werden“, sagt Rosenberg.

Viele schlugen sich mit Putzjobs durch, blieben aber auf staatliche Unterstützung angewiesen. „Jede dritte afrikanische Reinigungskraft hat Abitur“, stellt Rosenberg fest. Manche haben auch einen Uni-Abschluss. Alphonsine Nsinda-Dinkueme etwa ist Informatikerin.

Auf die Idee mit der Altenpflegeausbildung kam die Gruppe, als die Städteregion vor einigen Jahren versuchte, Fachkräfte aus dem krisengeschüttelten Südeuropa anzuwerben. „Der damalige Sozialdezernent Günter Schabram fand unsere Idee gut, als komplette Gruppe eine solche Ausbildung zu machen, hat uns aber ans Jobcenter verwiesen. Dort war man sehr aufgeschlossen, konkret passiert ist aber nichts.“

Ebenso wenig wie seitens des Landes. Die Gruppe hat vor drei Jahren nämlich auch die zuständige Ministerin angeschrieben. Es gab seit Anfang 2014 bis heute zwar mehrere Gespräche mit einem Referatsleiter, der lobte, „mit dem Projekt würden wir eine Lücke füllen“. Aber das war‘s dann.

Rosenberg ließ nicht locker, die Frauen auch nicht. „Meine Kinder, die hier geboren sind und perfekt Deutsch sprechen, können nicht verstehen, dass ich putzen gehen muss, obwohl ich im Kongo Wirtschaft studiert habe“, sagt Mbuaya Kanoni. Die Bezirksregierung hat Kanonis Abitur schon im Jahr 2007 anerkannt, auch die Zwischenzeugnisse der Uni. Andere haben solche Dokumente nicht, gelten als „ohne Schulabschluss“.

Voraussetzung für die dreijährige Altenpflegeausbildung ist aber der Hauptschulabschluss 10a. Die Idee von Rosenberg: ein Modellprojekt mit Ausbildung und gleichzeitigem Hauptschulabschluss zu initiieren. „Darüber habe ich auch mit Ministerin Löhrmann gesprochen, aber es gibt im Schulgesetz für so etwas keinen Paragrafen“, sagt er.

Doch auch davon hat sich die Gruppe nicht entmutigen lassen. An der Volkshochschule Aachen konnten sie als Gruppe einen Hauptschulabschlusskurs bilden. Allerdings nur für den Neuner-Abschluss, höhere Schulabschlüsse finanziert das Jobcenter nicht. „Wir haben gesagt, okay, dann machen wir das als Beweis dafür, dass sie das Potenzial für eine Ausbildung haben“, sagt Rosenberg.

„Statt in einem Jahr haben unsere Leute den Kurs in einem halben Jahr geschafft. Und parallel haben sie einen Schwesternhelferinnenkurs erfolgreich absolviert.“ Damit konnten die Frauen nach Auffassung von Rosenberg dem Vorwurf mangelnder Deutschkenntnisse begegnen.

„In der Gruppe können sie sich gegenseitig unterstützen, im Berufsalltag sich dann im deutschsprachigen Milieu bewegen. Schriftlich sind sie vielleicht nicht so gut, aber das könnte in der Ausbildung durch eine andere Sprache kompensiert werden. Im Hauptschulkurs war das auch möglich.“

Der Neuner-Abschluss reicht nur für die einjährige Altenpflegehelferausbildung. Die Gruppe würde diese auch machen, weil ein erfolgreicher Abschluss die Zulassung zur großen Ausbildung bedeutet. Aber: Dafür brauchen die Frauen einen Bildungsgutschein vom Jobcenter. Und den gibt es nur, wenn sie einen berufspsychologischen Eignungstest bestehen. Doch daran scheitern fast alle.

Denn dieser Test erfolgt am Computer, und wenn man nicht schnell genug ist, schafft man die Antwort nicht, weil schon die nächste Frage auf dem Bildschirm aufploppt. „Auf Papier wäre das einfacher“, sagt Alphonsine Nsinda-Dinkueme. Abgesehen davon, fragt Mbuaya Kanoni: „Warum müssen wir diesen Test machen? Wir haben doch gezeigt, dass wir lernen wollen und können.“

Wie die Lösung aussehen könnte? Rosenberg: „Das Jobcenter könnte die Gruppe als Modellprojekt anerkennen und die Ausbildung finanzieren.“ Träger könnte etwa das städteregionale Altenpflegeseminar sein. Das Land sollte sich finanziell beteiligen.

Aber aus dem Ministerium höre er nur: „Wir müssen prüfen.“ Städteregion und Jobcenter sollten unbürokratisch voranschreiten, meint er. Am liebsten würden die Frauen sofort mit der Ausbildung anfangen. „Hätte man uns vor drei Jahren die Chance gegeben, wären die ersten heute schon fertig.“