Kreis Heinsberg: Wildschweine werden „stramm“ bejagt

Kreis Heinsberg : Wildschweine werden „stramm“ bejagt

Den Wildschweinen in der Region geht es derzeit verstärkt an den Kragen. Weil in Polen und Tschechien die Afrikanische Schweinepest ausgebrochen ist, hatte die NRW-Landesregierung Anfang des Jahres beschlossen, als Vorsorgemaßnahme die Wildschweinbestände als potenzielle Überträger der Krankheit drastisch zu reduzieren.

Um die Tiere landesweit intensiver bejagen zu können, hob das Umwelt- und Landwirtschaftsministerium in Düsseldorf kurzerhand die Schonzeit für die Tiere auf. „Für uns heißt das“, erklärt der für den südlichen Kreis Heinsberg zuständige Revierförster Wolfgang von der Heiden, „nichtführende Muttertiere dürfen geschossen werden. Auch Frischlinge.“

Ausgenommen von der Regelung sind Frischlinge unter 25 Kilo. Wie viele Wildschweine seitdem im Kreis Heinsberg zur Strecke gebracht wurden, kann die Untere Jagdbehörde derzeit noch nicht sagen, weil die Jagdpächter erst am 15. April die Zahlen aus ihren Revieren nennen müssen. Doch Revierförster Claus Gingter aus Wassenberg-Orsbeck, der die meisten Tiere in seinem Zuständigkeitsbereich hat, ist sicher: „Es wird stramm gejagt, denn es ist ausreichend Schwarzwild vorhanden.“

Großes Nahrungsangebot

48 Pachtreviere stehen unter Gingters Obhut, der für das nördliche Kreisgebiet zuständig ist. Dass es so viele Wildscheine in seinem Zuständigkeitsbereich gibt, habe einen einfachen Grund, erklärt der Förster: „Der Maisanbau hat in der Landwirtschaft gewaltig zugenommen. Und je höher das Nahrungsangebot, desto mehr Tiere gibt es.“

Zuwachsraten von 400 oder 500 Prozent seien da keine Seltenheit. „Alle Würfe wurden hochgezogen. Man kann das in der Größenverteilung einer Rotte erkennen.“ Sogar spät im Jahr habe man noch kleine Frischlinge sehen können. Normalerweise würden die Schweine in der Zeit von Dezember bis Januar rauschig. Gut drei Monate später erblickt dann der Nachwuchs das Licht der Welt.

„Für den Wald ist das Schwarzwild kein Problem, im Gegenteil, weil die Tiere den Boden aufwühlen und die Engerlinge fressen“, sagt Gingter. Die Afrikanische Schweinepest sei zwar keine Gefahr für den Menschen, hatte das Umwelt- und Landwirtschaftsministerium seinerzeit verlauten lassen, aber sie bedrohe die stark auf den Fleischexport orientierte Schweinemastindustrie im Norden Nordrhein-Westfalens. Gleichzeitig wurde auch eingeräumt, dass Wildschweine nicht der primäre Überträger der Krankheit seien.

Deutlich höher sei die Gefahr durch Menschen. Beispielsweise, indem diese Nahrungsmittel wegwerfen, die mit dem Virus kontaminierte Fleischreste enthalten. Trotzdem sei die verstärkte Jagd auf das Schwarzwild nötig. Denn wenn das Virus einmal freigesetzt sei, würden Wildschweine es regional sehr schnell verbreiten und möglicherweise auch auf Hausschweine übertragen.

„Ich denke, die Schweinepest wird über die Autobahn kommen“, glaubt Claus Gingter. „Das nächtliche Bejagen der Wildschweine reicht nicht aus. Die Tiere sind hochintelligent und merken sich, wo es Abschüsse gab.“ Sie verstünden es hervorragend, sich zu verstecken. Zwar seien Wildschweine durchaus ihren Standorten treu, aber sie legten problemlos bis zu 60 Kilometer in einer Nacht zurück.

Obwohl der Förster die Sinnhaftigkeit der Bejagung nicht grundsätzlich infrage stellt, macht er sich doch so seine Gedanken. „Ich halte es für nicht vernünftig, die Sauen rund um die Uhr zu jagen und sie einem solch hohen Bejagungsstress auszusetzen. Die Tiere brauchen auch mal Ruhe. Schweine sind ja keine Ratten.“

Diese Sicht unterstützt auch Wolfgang von der Heiden mit seiner Aussage: „Die Bachen sollten erst gejagt werden, wenn alle Frischlinge erlegt sind, weil diese sonst qualvoll verhungern würden. Und das ist nicht im Sinne des Tierschutzes.“ In der Teverener Heide gehörten Wildscheine aber ohnehin nicht zum Bestandswild, sagt Von der Heiden. „Bei mir sind seit der Verordnung noch keine Wildschweine geschossen worden. Wenn man hier welche sieht, ist das schon Glücksache.“

Verlaufsformen der Afrikanischen Schweinepest

Die Afrikanische Schweinepest kann perakut, akut, chronisch oder subakut verlaufen. Entscheidend für die Ausprägung der Verlaufsform ist das Virus selbst und Rasse beziehungsweise Alter des betroffenen Schweines.

Die perakute Form verläuft relativ schnell. Es treten hohes Fieber und Abgeschlagenheit beziehungsweise Apathie auf. Zum Teil kommt es zu einer Blaufärbung der Haut, Hustenanfällen und Blutungen aus Nase und After. Innerhalb von 48 Stunden stirbt das Tier. Bei dieser Verlaufsform beträgt die Todesrate fast 100 Prozent.

Kennzeichen der akuten Form ist extrem hohes Fieber (42 °C) über bis zu vier Tage, wobei häufig das Allgemeinbefinden noch normal sein kann. Nach etwa einer Woche kommt es dann zu Blaufärbungen der Haut (vorwiegend Nase und Extremitäten), Husten, Atemnot, blutigem Durchfall und Erbrechen. Die Tiere sterben plötzlich, die Todesrate beträgt rund 90 Prozent.

Subakute und chronische Verlaufsformen weisen keine charakteristischen Merkmale auf und werden häufig mit anderen Schweinekrankheiten verwechselt. Hier kommt es häufig zu Gelenksentzündungen, Aborten oder der Geburt lebensschwacher Ferkel. Die Sterblichkeitsrate ist gering.

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