Kreis Heinsberg: Wie die Heimatvereine das Heinsberger Platt retten wollen

Kreis Heinsberg : Wie die Heimatvereine das Heinsberger Platt retten wollen

„Dat es alles maar een Ki-erschetied!“ Diesen Satz sagte Walter Bienens Mutter früher oft. Mal meinte sie „dat Köddelke“ (Liebschaft) der Nachbarin, mal etwas anderes, das so schnell wieder vorüberging, wie die zarte Blüte der Kirschen.

Schnell ging es nicht, aber die Blüte der plattdeutschen Sprache welkt ebenfalls. Darüber streiten auch die Experten in der Region nicht. Die Gründe? Früher wurde Zuhause Platt gesprochen und in der Schule Deutsch gelehrt, schön wäre es, wäre es heute wenigstens umgekehrt, doch, ach, es fehlen die Lehrer, die das örtliche Platt beherrschen.

Zweisprachig: Platt — Deutsch

Theo Schläger zum Beispiel ist leider schon in Rente. Er konnte nämlich noch beides: Mundart sprechen und auch Mundart unterrichten. Der ehemalige Leiter der Nysterbach-Grundschule in Lövenich ist in Katzem zweisprachig (Platt — Deutsch) aufgewachsen. Das hat funktioniert, sagt er.

Deshalb weiß er heute, wann ein Spruch wie „Ene Uas blitt ene Uas, och wenns de dem ene schwatte Anzoch aandees“ passt. Dann nämlich, wenn es darum geht, dass der Charakter eines Menschen zählt und nicht etwa sein Äußeres. Auf Platt lässt sich vieles ganz unverblümt, ganz direkt sagen, und doch scheint es immer so, als könne man das Schmunzeln des Sprechers mithören.

„Auf Platt wird manches kräftig ausgedrückt“, sagt auch Karl Bertrams, „aber niemals ordinär.“ Er ist jemand, von dem andere sagen, er sei ein „Mundart-Papst“. Der Wegberger winkt dann immer bescheiden ab. Und doch ist er ein unerschöpflicher Quell an Informationen, wenn es um Platt geht.

Was die drei gemeinsam haben außer ihre Liebe zur „Moodersprook“? Sie bemühen sich darum, den heimischen Dialekt für die Nachwelt zu erhalten. Und zwar möglichst lautgetreu, weshalb der Wegberger Bertrams „Muttersprache“ eher so schreiben würde: „Modderschproak“. Eben genau so wie er es spricht. „Alle Buchstaben, die geschrieben werden, werden auch gesprochen“, sagt Bertrams. Ein Dehnungs-„i“ gebe es im schriftlichen Platt nicht.

Wobei es mit der Rechtschreibung beim Dialekt so eine Sache ist. Zwar hat fast jeder Heimatverein der Region das dicke rote Handbuch „Mundart im Heinsberger Land“ von dem bereits verstorbenen Leo Gillessen in seiner Bibliothek, aber zu einer einheitlichen Schreibung hat das umfangreiche und detaillierte Werk des ehemaligen Leiters des Kreismuseums Heinsberg nicht direkt geführt.

Wie man schreibt, hängt vom Platt ab, das man gerade auf Papier zu bannen versucht. Und beim Versuch muss es bleiben. Weshalb auch alle Fehler in diesem Text gar keine „echten“ sind. Puh!

Laut lesen

Karl Bertrams von de Berker Klängerstuev, der erfolgreich monatliche Mundartabende organisiert, Theo Schläger vom Heimatverein der Erkelenzer Lande, der vor allem über Musik Kindern „Hochdeutsch mit Knubbelen“ näher brachte und bringt, und der stellvertretende Vorsitzende des Wassenberger Heimatvereins Walter Bienen, der eine Hymne auf „Wassebersch, du mien Wassebersch“ verfasst hat, machen den Auftakt zu unserer kleinen Serie „Opjeschri-eve“, in der wir Begriffe, Redewendungen und Wahrheiten vom Platt ins Deutsche übersetzen wollen.

Wer beim Lesen der Lektüre die Lippen bewegt, macht es genau richtig. Am besten, wird laut gelesen. Platt schriftlich weiterzugeben, ist schwierig. „Das ist der Grund, warum wir DVDs von unseren Mundartabenden machen“, sagt Walter Bienen.

Auch die Protokolle der Mundartabende des Schafhausener Heimatvereins sind visuell und akustisch als Video auf Youtube zu finden, statt auf Papier. Da könne man dann hören „watt wir fuergetrag’n han“, sagt Hans-Josef Heuter, Geschäftsführer des Vereins. Der Verein geht mit der Zeit, aber es wird Platt „gekallt“, wenn der Vorstand zusammensitzt und neue Projekte ausheckt, wie einen Schrank mit kostenlosen Büchern in einer Bank aufzustellen oder die Dorflitfaßsäule zum Mieten anzubieten. „Da wo man zu Hause ist, muss man auch die Mundart können“, sagt Hans-Josef Heuter. Das sei ein Stück Heimat.

Die beste Antwort

Mundartabende, CD-Aufnahmen, Theaterstücke: Die Heimatvereine des Kreises Heinsberg — auch die hier ungenannten — und das Langbroicher Selfkanttheater tun einiges, um die heimischen Dialekte der Region lebendig zu erhalten. Ihre Antwort auf die Frage, wie das Platt zu retten ist? Indem man es spricht!

Mehr von Aachener Zeitung