Kreis Heinsberg: Wenn der Austausch besser ist als Therapie

Kreis Heinsberg : Wenn der Austausch besser ist als Therapie

Die Schlaganfall-Selbsthilfegruppe Hückelhoven war im Jahr 2002 unter anderem vom Ehepaar Kuypers gegründet. Damals, als Hilfe nötig war, gab es kein entsprechendes Angebot im Kreis Heinsberg. So wurde die Initiative ergriffen und ein Aufruf in der Zeitung gestartet.

Die Raumsuche gestaltete sich anfangs etwas schwierig, bis das Pfarrheim der katholischen Kirchengemeinde in Ratheim als idealer Treffpunkt gefunden wurde. Heinz Kuypers, der Sprecher der Gruppe, weiß aus eigener Betroffenheit als Angehöriger, wie die Erkrankung das ganze Leben verändert. Und wie hilfreich es ist, auf Menschen zu treffen, die einen durch Erfahrungswissen und einen Austausch zu Behandlungsmethoden unterstützen können.

Schlagartig: Der Schlaganfall ist eine plötzlich auftretende Erkrankung des Gehirns. Foto: imago/Science Photo Library

Kuypers berichtet, die ersten vier bis fünf Jahre nach dem Schlaganfall seiner Frau Karin seien für die ganze Familie sehr belastend gewesen: „Wir waren vorher sehr aktiv, sind Fahrrad gefahren und haben Ausflüge gemacht. Es war sehr schwer, darüber hinweg zu kommen. Trotz schneller Hilfe nach dem Zusammenbruch meiner Frau 1999 erfolgte die richtige Behandlung erst nach circa vier Stunden. Hierdurch waren die Folgen sehr schwerwiegend. Die ersten zwei Jahre konnte sich meine Frau durch die Halbseitenlähmung nicht alleine bewegen und kaum sprechen. Entsprechende Pflege musste organisiert werden. Schritt für Schritt wurde die Beweglichkeit wieder trainiert. Die Sprache ist weiterhin sehr eingeschränkt und sie ist auf den Rollstuhl angewiesen. Aber ein paar Schritte können mit etwas Unterstützung gegangen werden.“

Auch als Angehöriger bedeute die Erkrankung eine hohe Belastung: „Beruflich, physisch und psychisch. Auf der Dienststelle erfasste mich eine starke Unruhe, ob zu Hause alles in Ordnung ist. Ich machte mir ständig Sorgen. Zudem kamen die Pflege und die Arbeit im Haushalt. Heute sagt man Burn-out dazu. Nachdem ich meine berufliche Tätigkeit aufgeben musste, wurde es zu Hause etwas leichter. Wir haben uns für das Leben entschieden und wieder neuen Lebensmut gefasst.“

Da hat auch der Austausch in der selbst gegründeten Schlaganfallgruppe geholfen. „Inzwischen gehen meine Frau und ich wieder überall hin, wir machen praktisch alles zusammen. Die körperlichen und sprachlichen Einschränkungen sind zwar geblieben, aber wir sind soweit, dass wir damit leben und klar kommen.“

Gestartet ist die Selbsthilfegruppe mit circa zehn Personen. Aktuell sind es rund 25. Gesundheitsbedingt treten Teilnehmer aus oder es finden neue Betroffene in die Gruppe. Zu den Treffen kommen meist um die 15 Menschen mit Schlaganfall oder Angehörige und Freunde.

Die Treffen sind nicht nur mit Informationen und krankheitsbezogenem Austausch gefüllt, sondern zum Beispiel auch mit Hinweisen auf Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt. So wurde zum Beispiel über „Mi Camino“ (Abenteuer auf und neben dem Jakobsweg und bis ans Ende der Welt) von Henry Fassmacher diskutiert.

Zurzeit trifft sich die Gruppe einmal im Monat — ganz gesellig bei Kaffee und Kuchen. Es werde auch viel gelacht, so Kuypers. Wenn jemand neu hinzukomme, sei es immer schön mitzuerleben, wie allmählich die Scheu weniger werde und sich jeder freundschaftlich begrüße. Jeder nehme Anteil, wenn sich zum Beispiel eine Verbesserung einstelle, aber auch wenn es mal nicht so gut gehe. In der Gruppe gehe es ganz locker zu. Auch ­Enkelkinder seien schon mal dabei.

Ausflüge, Einladungen, Anfragen

Als Sprecher der Gruppe übernimmt Heinz Kuypers die organisatorischen Aufgaben. Da geht es um Ausflüge, Einladungen oder Anfragen. Bei medizinischen oder rechtlichen Fragen wird Kontakt mit der Deutschen Schlaganfallhilfe aufgenommen.

Die Funktion des Sprechers bedeute nicht nur Arbeit, so Kuypers. „Es gibt mir sehr viel, etwas Sinnvolles zu tun.“ Er freue sich über die positiven Aspekte für seine Frau und darüber, wie auch die anderen Teilnehmer aufblühen würden. „Sie hat zu mir mal gesagt, wie viel besser es ihr geht, wenn alle zusammen sind und sie sieht, dass sie nicht alleine ist mit den Problemen. Meine Frau kann nicht gut sprechen, dennoch kann sie sich gut unterhalten mit ­jemandem, der das gleiche Problem hat.“ Ein Arzt habe einmal zu ihm gesagt, der Austausch in der Selbsthilfegruppe sei besser als jede Therapie. „Der ganze Zusammenhalt ist schön“, so Kuypers.

Die Bedeutung einer Schlaganfall-Selbsthilfegruppe ist unbestritten. Dennoch dürfte auch in diesem Fall, wie in vielen anderen Bereichen, ein Generationenwechsel nicht einfach werden. Heinz Kuypers ist über siebzig. Es dürfte schwierig werden, jemanden zu finden, der seinen Posten übernehmen könnte. Es wäre schön, wenn sich noch jüngere Engagierte finden würden, so Kuypers. Auf mehrere Schultern verteilt, seien die Aufgaben in der Selbsthilfegruppe überschaubar.

Die Schlaganfall-Selbsthilfegruppe trifft sich an jedem dritten Mittwoch im Monat (ausschließlich in den Sommer- und Weihnachtsferien) von 15. bis 17 Uhr im Pfarrheim der katholischen Pfarrgemeinde St. Johannes der Täufer in ­Hückelhoven-Ratheim an der Kirchstraße 4. Informationen gibt es im Selbsthilfe- und Freiwilligen- Zentrum im Kreis Heinsberg unter 02452/1567922 oder per E-Mail an ­selbsthilfe@sfz-heinsberg.de oder ­direkt bei Gruppensprecher Heinz Kuypers unter 02433/6349..