Aachen: Wenn das Gehirn nicht mehr richtig funktioniert

Aachen : Wenn das Gehirn nicht mehr richtig funktioniert

Zwei große Hörsäle im Universitätsklinikum Aachen wurden benötigt, um alle Interessierten am Thema „Demenzielle Erkrankungen” aufnehmen zu können. Fast 750 Besucher und sechs Experten folgten der Einladung zum Forum Medizin von AZ und Universitätsklinikum - moderiert von Sabine Rother, Redakteurin unserer Zeitung.

Schon der Auftakt per Video war interessant: Sabine Jacobi, die Enkelin einer schwer an Demenz Erkrankten, vertraut auf die Methode „Marte Meo”, die zuvor schon im Seminarraum vom Aachener Seniorenzentrum am Haarbach vorgestellt worden war. Dabei geht es um liebevolle Zuwendung, ähnlich wie bei einem Kleinkind, das mit gleich bleibenden Worten an Vorgänge wie Baden oder Wickeln gewöhnt wird.

Liebevolle Zuwendung

Ähnlich und doch anders wirkt die Szene zwischen der Enkelin und der Großmutter, die eher apathisch am Tisch sitzt. Frau Jacobi spricht freundlich mit ihrer Oma, die zunächst kaum Reaktionen zeigt. Doch der alten Dame scheint die liebevolle Zuwendung gut zu tun. Geschickt reicht Sabine Jacobi ihrer Oma die blaue Tasse, die diese auch fasst und halten kann. Berührungen, auch Hand-in-Hand und Hinweise auf das, was auf dem Tisch ist und was man trinkt, lassen die alte Frau lockerer wirken.

Dass Empathie viel bewirken kann, wird auch in den Referaten der Experten an diesem Abend beim Forum deutlich.

Frühe Diagnose

Dr. Frank Bergmann, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie in Aachen, verweist zudem auf die erwartete Verdoppelung der Demenz-Erkrankungen, vielleicht schon innerhalb von zwei Jahrzehnten. „Die Hauptlast liegt bei den pflegenden Angehörigen. Depression oder Demenz müssen unterschieden werden. Einfache Tests (Zifferblatt und Uhrzeit zeichnen) geben erste Anhaltspunkte, Screenings und psychopathologische Untersuchungen führen weiter. So kann aber auch mit moderner Bildgebung ein Hirntumor von Demenz unterschieden werden.

Professor Jörg Schulz, Direktor der Neurologischen Klinik im Universitätsklinikum, verwies auf die Frühdiagnose und Therapiestudien. Ein Bild der ersten „Alzheimer-Patientin”, Auguste Deter, zeigt die 51-Jährige, bei der der Arzt Alois Alzheimer zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Anzeichen der nach ihm benannten Hirnerkrankung feststellte. „Der Abbauprozess im Gehirn ist nicht heilbar, lässt sich aber durch Medikamente verlangsamen. So kann man Verklumpungen durch Impfungen auflösen.”

Professor Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie/Psychosomatik am Universitätsklinikum, ging stark auf das Umfeld der Erkrankten ein: „Betroffen sind Angehörige, Nachbarn und Freunde. Wie reagiere ich als Angehöriger auf Aggression, Gewalt, Gedächtnisprobleme, Verhaltensveränderungen oder Orientierungsstörungen? Depression und Demenz sind zwei Schwestern. Die Depressive Pseudodemenz kann aber von der Demenz unterschieden werden, sogar durch einen Zwei-Fragen-Test.

Erstens: Fühlen Sie sich niedergeschlagen, traurig und lustlos? Zweitens: Verspüren Sie weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie gerne tun?. Bei Ja-Antworten liegt eher eine Depression als eine Demenz vor.

Wichtige Schutzfaktoren vor Demenz sind auch ein stabiles Umfeld und unterstützende Angehörige oder überdurchschnittliche Intelligenz. Walter Jens ist in der Hinsicht eine Ausnahme. Aber er hat lange die Familie durch Phrasen und sein robustes Temperament täuschen können.”

Aus einem anderen Blickwinkel sieht Ulrike Schemman, Lehrphysiotherapeutin am Uniklinikum, die Erkrankung. Sie organisierte im Hörsaal eine kleine Bewegungstherapie mit Uhrzeit-Gestik und flottem Sitztanz. Und dann empfahl sie auch „Krafttraining, Singen und den Austausch mit anderen Menschen sowie das Anknüpfen an die Geschichte der erkrankten Menschen”.

Das schwierige Endstadium

Jürgen Engels, Regionaldirektor der AOK in Aachen, sprach in seinem Vortrag die „weit verbreitete Scheu und Hemmnis” an, wenn Hilfe angefordert werden muss. „Doch Hilfe durch die Krankenkasse ist ein Recht und soll in Anspruch genommen werden.”

Dr. Jens Kroner, Facharzt für Allgemeinmedizin, Geriatrie und Palliativmedizin, ging auf Probleme mit Demenz-Patienten ein, die nicht mehr essen und trinken können oder wollen, Menschen, die eigentlich mit ihrer Krankheit und ihrem Leben „am Ende” sind. Er verwies auf „Demenz als Hirnkrebs ohne Tumor”. Und er sagte: „Das Endstadium ist sehr schwierig für Angehörige und Ärzte. Hier gibt es Grenzbereiche zur Euthanasie. Moral und Ethik steht die medizinische Ökonomie entgegen. Nützlich ist natürlich eine Patientenverfügung.”

Stille - dann erzählt eine Zuhörerin : Ganz plötzlich sei ihre Mutter an Demenz erkrankt, deren Ehemann und die Schwester hätten die Kranke gepflegt, später sei eine Betreuungskraft eingesetzt worden, ein Durchatmen für die Angehörigen. Die Mutter konnte in Ruhe gehen. Mut machen will sie Pflegenden, wieder ihr eigenes Leben aufzunehmen, irgendwann.