Hückelhoven: Wasser als eine Frage des Überlebens

Hückelhoven : Wasser als eine Frage des Überlebens

Maria Oberhofer arbeitet seit 13 Jahren als Entwicklungsfachkraft in Brasilien. Derzeit ist sie zu Besuch in Deutschland, auch um ihre Freunde vom Eine-Welt-Laden (EWL) in Hückelhoven zu treffen.

Der EWL begleitet Maria Oberhofers Arbeit seit gut einem Jahrzehnt. Hier ein paar Eindrücke aus einem Gespräch, das sie im kleinen Kreis im Eine-Welt-Laden führte. Maria Oberhofer berichtete insbesondere über die natürlichen Lebensbedingungen in der Caatinga, dem natürlichen Biotop im halbtrockenen Brasilien, und die Folgen einer kolonialen Landwirtschaftspolitik.

Der halbtrockene Nordosten Brasiliens garantiert trotz seiner spezifischen schwierigen Klimasituation seinen Bewohnern ein akzeptables Leben durch ganz spezielle Angebote seiner natürlichen Standortgegebenheiten. Das setzt aber voraus, dass die Menschen - wie das früher auch der Fall war - die naturgegebenen Möglichkeiten nutzen. Bereits die ersten Kolonisatoren haben diese Möglichkeiten missachtet und dem Land und seinen Ureinwohnern eine fremde, völlig unangepasste Landwirtschaft nach ihrem Verständnis übergestülpt.

Unter diesen völlig falschen Anbaumethoden leiden Land und Kleinbauernfamilien heute noch. Dazu kommen Landenteignungen, gewaltsame Vertreibungen, Entzug von Wasser durch Abzäunungen oder Gewalt, ständige Bedrohungen, Versklavung und Mord. Maria Oberhofer und ihre Mitstreiter haben es sich zur Aufgabe gemacht, mit den Menschen dieser Region wieder die natürlichen Nutzungsmöglichkeiten des Landes mit seinen an das Klima angepassten Pflanzen und vor allem die Vorratshaltung für Wasser zu erkunden, alte Spuren zurückzuverfolgen und systematisch zu erproben.

Diese Methoden waren sehr erfolgreich. Insbesondere durch die verschiedensten Maßnahmen der Speicherung von Wasser können heute Familien ein normales Jahr mit acht Monaten Trockenheit bestens überstehen und ein gutes Leben führen. Reservewasserspeicher und Wasserpumpen helfen darüber hinaus in Ausnahmesituationen, wobei in vielen Regionen des Sert?o aber noch Bedarf an Einrichtungen zur Wasserversorgung besteht. Leider haben Regierungsstellen, die ja beispielsweise in das Programm „Eine Million Zisternen” eingebunden sind, in ihren Anstrengungen zur Bedarfsdeckung nachgelassen.

Gerade in diesem Bereich der Wasservorsorge engagiert sich der Eine-Welt-Laden Hückelhoven. Von der Regierung Lula wird ganz massiv das pharaonische Projekt der Ableitung des Rio S?o Francisco vorangetrieben, das angeblich den Kleinbauern Wasser bringen soll. In Wirklichkeit ist das Wasser aber, wie auch bei früheren Bewässerungsprojekten für Obst- und Gemüseplantagen und in Zukunft vor allem für Zuckerrohrfelder für den wachsenden Ethanolbedarf Europas geplant.

Die Kleinbauernfamilien werden wie bereits im Falle des riesigen Sobradinho-Stausees nicht an dieses Wasser herankommen. Im Gegenteil werden sie verfolgt werden, sollten sie sich aus den Kanälen irgendwie Wasser besorgen. Die geplante und jetzt massiv vorangetriebene Wasserableitung aus einem kränkelnden Rio S?o Francisco ist eine einzigartige, unverantwortliche ökologische Katastrophe, gegen die sich Kleinbauern, Teile der brasilianischen katholischen Kirche, brasilianische und internationale Nichtregierungsorganisationen zur Wehr setzen.

Wie es im Augenblick scheint, ohne Erfolg. Auch zwei Hungerstreiks des katholischen Bischofs Luiz Cappio haben die Regierung Lula nicht von ihrem Gigantismus abbringen können, trotz Versprechungen des brasilianischen Präsidenten während des ersten Hungerstreiks, den Don Luiz daraufhin abgebrochen hatte. Beim zweiten 24-tägigen Hungerstreik im Dezember 2007 hatte die Regierung Militär und Polizei geschickt. Nach seinem Zusammenbruch und der Einlieferung ins Krankenhaus hat der Bischof dann nach dringenden Bitten seiner Mitstreiter aufgegeben. Eindringlich waren Bilder und Bericht über die Gewalt gegen die Familien im Gebiet Casa Nova.

Dort hatte man kleinbäuerliche Familien aus ihren Ansiedlungen vertrieben, Häuser und Ställe niedergewalzt, weil das Gebiet im Ableitungsbereich plötzlich einen anderen Besitzer haben sollte; natürlich mit Urkunde. Nach einem für die Kleinbauern positiven Urteil des Gerichtes, kehrten die Familien auf ihr Land zurück. Darauf wurden sie von Maskierten bedroht, gedemütigt und misshandelt.

Elf schwerbewaffnete Männer standen 200 Männern, Frauen und Kindern gegenüber, die über Stunden Todesangst litten und zum Teil verletzt wurden. Einem der Bauern wurde eine Waffe an den Kopf gehalten und Kinder wurden als Schutzschilde missbraucht. Erinnerungen an die Diktatur aus den dunkelsten Zeiten Brasiliens werden wieder wach. Und der Arbeiterpräsident Lula, hofiert bei internationalen Konferenzen und wichtiger Verhandlungspartner auch der EU und Deutschlands, ist aktiv eingebunden in diese totalitären Handlungen.