Heinsberg-Oberbruch: Wahrer Hunger nach „verstaubten” Klassikern

Heinsberg-Oberbruch : Wahrer Hunger nach „verstaubten” Klassikern

Heimtückisch und hoch dramatisch ging es in der Festhalle zu.

Das Trauerspiel „Kabale und Liebe” von Friedrich von Schiller zog vor allem das zahlreich erschienene junge Publikum in der voll besetzten Aufführung in seinen Bann.

Der Klassiker stach so manches Boulevardstück aus, nahm es mit einem spannungsgeladenen Krimi auf und stellte eine der rührendsten Love-Stories der Weltliteratur dar, die Regisseur Celin Bleiweiss zu Recht mit Shakespeares „Romeo und Julia” verglich.

Schiller nannte das Stück „Luise Miller”. Dieser Titel wurde in Verdis Oper beibehalten. Iffland, der berühmte Schauspieler, der den Wurm für alle Zeiten prägte, benannte das Stück Kabale (Intrige) und Liebe um.

Die zwischen Hof und Bürgertum verstrickte Liebe hat keinen Bestand und endet tragisch. Luise (Barbara Schmick) und Ferdinand, Präsidentensohn und Major (Roland Peek), können zusammen nicht kommen, weil den Oberen alle Infamie und Mittel recht sind, um das Verhältnis zu dieser Bürgerkanaille zu zerstören.

Aber wie immer siegt bei Schiller die Idee. Im Tode gelingt es Luise, ihre unanfechtbare Lichtgestalt wiederzufinden, Ferdinand von ihrer hehren ewigen Liebe zu überzeugen, ihn, der ihr in den Tod folgt, zu bewegen, seinem Vater als advocatus diaboli zu verzeihen, auf das er zur Sühne bereit ist.

Das Publikum war hellauf begeistert und spendete überschwänglich Beifall. Der Regisseur stellte eine gestraffte Fassung vor, in der auch bei den Rollen tüchtig gestrichen wurde. Die Sprache Schillers sollte „selbstverständlicher” wirken und die Dialoge „moderner” geführt werden.

Das abstrakte Bühnenbild (Peter Grosz) korrespondierte mit einer Kostümierung (Annemarie Rieck) aus der Schillerzeit und bewirkte schon eo ipso ein Spannungsverhältnis. So wirkte die Inszenierung wie ein edles, entkerntes und modernisiertes historischen Gebäude.

Alle handelnden Personen in der Produktion der Theateragentur Kempf waren handverlesen und aufgrund ihrer bisherigen Bühnenkarrieren mit Meriten reich gesegnet.

Der Wiener Ottokar Lehrner spielte den Wurm, seines Zeichens Dreh- und Angelpunkt der Story, Verena Wengler, Absolventin des Max Reinhardt Seminars und Burgschauspielerin, die Lady Milford, Roland Peek, den es als gebürtigen Hamburger nach Wien verschlug, den Ferdinand, Barbara Schmick, ein mimisches Allround-Talent, das erst 2002 sein Schauspielstudium abschloss, die Luise, Thomas Weber-Schallauer, den es lange in Bonn bzw. Frankfurt hielt, verkörperte den machtbesessenen Präsidenten, Michael Rossiè, der auch selbst Regie führt, den Hofmarschall von Kalb, in weiteren Rollen Wilhelm Beck (Stadtmusikant Miller/ fürstlicher Kammerdiener), Michaele Stögbauer (Frau Miller/Kammerjungfrau).

Traumrollen waren das Liebespaar, das sich jeder Gefahr der Verkitschung erfolgreich widersetzte, dank der intelligenten Personenführung durch den mit der Klassik auch im Fernsehtheater vertrauten Regisseur.

In Tagen, in denen Literatur durch fragwürdige Machwerke ins Gerede kommt, ist es um so erfreulicher, wie die Öffentlichkeit auf als verstaubt und überholt geltende Klassiker reagiert.

Nach dem Oberbrucher Resultat lässt sich gar von einem Hunger danach sprechen, worin sich namentlich junge Menschen auszeichnen. Die Konsequenz kann nur heißen: Mehr davon!