Aachen: Vom schmerzhaften Ruck bis zur langen Leidenszeit

Aachen : Vom schmerzhaften Ruck bis zur langen Leidenszeit

Ein „Knacks”, ein plötzlicher heftiger Schmerz, und es ist klar: Da stimmt etwas nicht im Knie. Manchmal schleicht sich das Problem aber auch an. Man meidet die unteren Fächer des Schranks, weil man nicht mehr so gut in die Hocke gehen kann, das Knie wird heiß, etwas dicker, und trotz Salbe, Gel und Kühlkissen zunehmen unbeweglicher.

„Probleme mit dem Knie” lautet das Motto beim Forum Medizin von Aachener Zeitung und Universitätsklinikum Aachen am Dienstag, 19. Mai, 18 Uhr, im Großen Hörsaal 4 (GH4) des Klinikums (Pauwelsstraße, Eintritt frei). 80.000 Mal reißt in Deutschland pro Jahr ein Kreuzband, und das passiert nicht nur den Akteuren, die man in der Sportschau sieht.

Das Kniegelenk ist das größte Gelenk im Körper. Es trägt das gesamtes Gewicht des Menschen, das sich in Aktion bis zum Achtfachen erhöhen kann. So funktional uns diese Konstruktion aus Knochen, Bändern und Gewebeteilen auch das Beugen, Strecken und Drehen erlaubt, so empfindlich machen sich Störungen bemerkbar.

Wird das sensible System gestört, kostet es Mühe und Zeit, den „Apparat” zu reparieren. Das Kniegelenk verbindet die beiden längsten Knochen des Körpers wie eine Art „Scharnier”.

Doch der Kugelkopf des Oberschenkelknochens und die Gelenkfläche des Unterschenkelknochens fügen sich nicht ideal ineinander. Die Führung des multifunktionalen Gelenks besorgen Bänder sowie die Knorpelscheiben der beiden Menisken als „Stoßdämpfer”.

Wann ist Ersatz nötig?

Es genügt schon der normale Alterungsprozess des Körpers, um eine Arthrose hervorzurufen. Das Forum Medizin beschäftigt sich mit den vielschichtigen Problemen des Knies. Knieschädigungen durch Unfälle, sportliche Aktivitäten aber auch durch eine Fehlstellung der Beine können bereits in jungen Jahren auftreten.

In fortgeschrittenem Alter hat jeder vierte Deutsche Knieprobleme. Kreuz- und Seitenbänder werden oft überdehnt und reissen, bei vielen ist zusätzlich ein Meniskus betroffen.

Wie sieht nun eine gute Diagnostik bei Knieproblemen aus? Wann ist ein Gelenkersatz oder zumindest ein Teilersatz die richtige Lösung? Wie funktioniert ein Knorpelersatz und die Transplantation von Knorpelgewebe, das aus körpereigenen Zellen gezüchtet wurde, und welche Möglichkeiten gibt es, Problemen mit dem Knie durch Prävention und gezielte Bewegung vielleicht sogar zu entgehen?

Darüber informieren beim Forum Medizin: Dr. Nils Graf Stenbock-Fermor, niedergelassener Orthopäde und Sportmediziner in Aachen; Brigitte Kuttig, Physiotherapeutin im Zentrum für ambulante Physiotherapie, Bethlehem-Krankenhaus in Stolberg; Privatdozent Dr. Uwe Maus, Oberarzt der Klinik für Orthopädie, Universitätsklinikum in Aachen; Professor Dr. Klaus Bläsius, Chefarzt der Orthopädischen Klinik, Bethlehem-Krankenhaus in Stolberg sowie Professor Dr. Hans-Christoph Pape, Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie im Universitätsklinikum.

„Es ist ein spannendes Gelenk, das aber auf jeden Fall viel zu häufig operiert wird”, betont der Aachener Facharzt Dr. Nils Graf Stenbock-Fermor. Warum die Menisken so wichtig sind? „Sie verhindern eine Arthrose, das wäre ja sonst so, als ob eine Stahlkugel auf eine Glasplatte drückt”, erklärt der Orthopäde. Dagegen hält er die Kniescheibe für „einen glatten Konstruktionsfehler”. Schäden können sich hier frühzeitig einstellen.

„Manchmal heißt es, ein junger Mensch ist ,schnell gewachsen´, aber das ist Unsinn.” Typische Symptome bei Patienten jeden Alters: Schmerzen beim Aufstehen, Sitzen, Treppen steigen, bei Belastung. Anschauen und Tasten bieten oft schon erste Befunde. „Ein MRT, also eine Magnet-Resonanz-Tomograpfie, ist oft wichtig, um zu sehen, in welchem Zustand Sehnen und Bänder sind”, sagt Stenbock-Fermor.

Um die Knie gesund zu erhalten, rät er zu gezielter Bewegung. „Kurze Schritte beim Joggen sind viel besser als das ausgreifende Laufen, und beim Radfahren unbedingt einen kleinen Gang schalten.” Für den Alltag rät Physiotherapeutin Brigitte Kuttig: „Bei der Gartenarbeit oder beim Putzen sollte man sich nach jeder Viertelstunde strecken und auf jeden Fall Kniepolster verwenden. Viele Knieprobleme lassen sich sogar durch eine Schuhzurichtung vermindern.”

Die Rehabilitationsmaßnahmen nach einer Knieoperation sind langwierig. „Und sie verlangen, dass der Patient sich konsequent beteiligt”, betont die Physiotherapeutin.

Das so genannte „Reizknie” ist ein weiteres Krankheitsbild, das die Ärzte oft vor Fragen stellt. „Diese Region scheint zu Entzündungen zu neigen, ist reizbar, und wir wissen nicht, warum”, gesteht Stenbock-Fermor, der in solchen Fällen zur Akupunktur rät.

Doch manchmal kommt die Attacke ganz plötzlich - etwa bei einem Unfall. Hier sprechen die Unfallchirurgen gern von der „Unhappy Trias”, der Kombination von Seitenband-, Kreuzband und Meniskusriss. „Das muss gar nicht spektakulär ablaufen”, sagt hierzu Hans-Christoph Pape (Universitätsklinikum Aachen). „Manchmal wird das Knie schon geschädigt, wenn man aus dem Bus aussteigt und sich vertritt. Das passiert besonders älteren Menschen.”

Betroffen ist in solchen Fällen oft das Schienbein (Tibia-Kopf). Auch Reitern und Motorradfahrern kann das leicht passieren. Kreuzband- und Meniskusschäden sieht Pape häufig, wobei der Kreuzbandersatz durch körpereigene Sehnen heute längst zur Routine geworden ist. Selbst bei Brüchen und komplizierteren Einsätzen etwa von Platten ist man heute sehr fortschrittlich. „Operationen mit kleinen Schnitten sind hier Routine”, so Pape.

Mit jährlich rund 80.000 in Deutschland eingesetzten neuen Kniegelenken (Knieendoprothese) ist man bei diesem Eingriff zwar gut geübt, dennoch ist zum Beispiel der Hüftersatz weit unproblematischer. „Ein Knie ist schwieriger zu ersetzen als eine Hüfte”, bestätigt Uwe Maus, Orthopäde im Universitätsklinikum.

„Aber Arthrose schädigt oft nach und nach das Gelenk so stark, dass irgendwann die Entscheidung nötig wird.” Seinen Patienten verspricht er dabei keine „Wunder” und betont: „Unser Ziel sind Belastungsfähigkeit, neue Beweglichkeit und relative Schmerzfreiheit im Vergleich zur vorherigen Situation.”

Mit einem speziellen Verfahren wie der Verpflanzung von Knorpelgewebe, das aus körpereigenen Zellen „gezüchtet” wird, hat Klaus Bläsius gute Erfahrungen. „Ein langwieriger Prozess, bei dem es auch sehr stark auf die Mitwirkung des Patienten ankommt”, sagt Bläsius, der im Bethlehem-Krankenhaus das „Knorpelzentrum” ausbauen konnte.

Im Mittelpunkt steht die die (normalerweise) spiegelglatte, drei bis vier Millimeter dünne Knorpelschicht, die das Gelenk überzieht und schützt. Ist der Ersatz nur für junge Menschen eine Möglichkeit? „Durchaus nicht”, meint Bläsius. „Wir haben schon eine 80-jährige Dame behandelt, die wieder Golf spielen wollte...”