Heinsberg: „Vertauschte Frau” bringt eine Heinsbergerin in den Spiegel

Heinsberg : „Vertauschte Frau” bringt eine Heinsbergerin in den Spiegel

Es ist jetzt beinahe auf den Punkt ein Jahr her. Als sich die Frauenstimme am anderen Ende der Telefonleitung meldete, hätte die Heinsberger Anwältin Verena Schindler-Derichs nie geahnt, dass sie die Folgen des nun beginnenden Gesprächs ein Jahr später in das für seinen investigativen Journalismus bekannte Magazin „Der Spiegel” führen würde.

Unter dem Titel „Die vertauschte Frau” befasst sich die Redakteurin Simone Kaiser in der neuesten Ausgabe mit dem Schicksal der 43 Jahre alten Susanne Gazis aus Reutlingen, die erst durch einen Gentest erfuhr, dass sie wohl als Säugling in der Geburtsklinik vertauscht wurde. Bei ihrer Suche nach Informationen über ähnliche Fälle oder Hilfsangebote stieß die betroffene Ergotherapeutin auf den Namen der Heinsberger Anwältin.

„Ich habe am 17. Februar 2006 als Studiogast bei einer WDR-5-Produktion zum Thema ,Eltern unbekannt teilgenommen. Ich war damals stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Adoptierte, weil ich selbst vor 34 Jahren als Säugling zunächst als Pflegekind nach Porselen kam und rund ein Jahr später von meinen Eltern adoptiert wurde.” Im Internet habe Susanne Gazis dann einen Auszug der Radiosendung gefunden. „Sie rief daraufhin beim Sender an und erhielt so meine Telefonnummer”, erinnert sich Schindler-Derichs.

Mit der Heinsberger Anwältin traf „die vertauschte Frau” einen Menschen, der sich schon als Kind mit der Tatsache hatte auseinandersetzen müssen, dass seine Eltern nicht die leiblichen waren. Ein Umstand, der die 43 Jahre alte Reutlingerin erst jetzt eiskalt erwischte. „Frau Gazis hat sich gefühlt, als hätte sie das Schicksal ins Gesicht geschlagen.” Ihre eigene Geschichte, ihre Identität sei auf einmal in Frage gestellt worden. „Dass Gefühl, dass die eigene Identität in Frage gestellt ist, kannte ich noch zu gut aus meiner Kindheit”, so Schindler-Derichs, „deshalb konnte ich mich in ihre Lage versetzen.

Ein Selbstbild zu entwickeln ohne biologische Anknüpfungspunkte, ist sehr schwierig.” Die Erkenntnis, dass eine gelebte, gemeinsame Geschichte in einer Familie eine gemeinsame Genstruktur mehr als ersetze, erarbeiteten sich die meisten Adoptierten erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter. „Nach meiner Erfahrung gelingt das aber nur, nachdem man die eigentlichen Wurzeln gefunden hat.” Und genau darum gehe es ihrer Mandantin, so Schindler-Derichs.

Als besonders problematisch erweise sich der Umstand, dass nach 43 Jahren kaum noch Unterlagen aufzufinden seien. „Bei einem adoptierten Baby ergibt sich ja zumindest die leibliche Mutter aus der Abstammungsurkunde, bei einem vertauschten Baby gibt es diese natürlich nicht.”

Das erste Gespräch zwischen Schindler-Derichs und der „vertauschten Frau” dauerte im Juni letzten Jahres rund eineinhalb Stunden. Am Ende stand das Versprechen der Heinsbergerin, der 43-Jährigen in ihrer überraschend neuen Lebenssituation behilflich zu sein. Ein Mandatsverhältnis sei daraus erst viel später entstanden, so die Anwältin.