Erkelenz-Schwanenberg: Verkehrte Welt auf blauer Insel

Erkelenz-Schwanenberg : Verkehrte Welt auf blauer Insel

Auf den ersten Blick unterscheidet sich Schwanenberg kaum von den anderen Dörfern seiner Umgebung. Erst wenn man sich im Ort genauer umsieht, fallen einem die Besonderheiten ins Auge: Die alte Kirche am zentralen Schwanenberger Platz ist ein ansehnlicher spätgotischer Bau mit massivem Turm — aber sie ist evangelisch. Dagegen erscheint die katholische Kirche am Rheinweg klein und bescheiden, sie wurde erst 1961/62 für die zugezogenen Neubürger errichtet. Verkehrte Welt im sonst gut katholischen Rheinland.

Dem Kaiser unterstellt

Tatsächlich ist Schwanenberg bis heute der einzige Ort im Kreis Heinsberg mit einer evangelischen Bevölkerungsmehrheit. Die Grün- de dafür sind nicht nur religiöser, sondern auch politischer Natur. Bereits im Mittelalter gehörte Schwanenberg zum Herrschaftsgebiet der Freiherren von Wickrath. Diese erlangten 1488 die „Reichsunmittelbarkeit“, unterstanden also direkt dem Kaiser und waren somit weder vom Jülicher Herzog noch von der geistlichen Herrschaft des Kölner Erzbischofs abhängig. Dieser Umstand sollte in der Reformationszeit von entscheidender Bedeutung werden.

Im Jahre 1501 erwarb die Adelsfamilie von Quadt die Herrschaft Wickrath. Johann von Quadt, der im schicksalsträchtigen Jahr 1517 die Regierung übernahm, zeigte sich von Anfang an gegenüber den Gedanken Martin Luthers sehr aufgeschlossen. Dadurch konnte die neue Lehre in der Umgebung von Wickrath wesentlich schneller Fuß fassen als in den anderen Regionen des Niederrheins. Schon 1529 wurde in Wickrathberg der katholische Gottesdienst eingestellt und fortan evangelisch gepredigt, andere Dörfer folgten rasch nach. Diese Entwicklung war nur möglich, weil in diesem Falle die Obrigkeit die reformatorische Bewegung nicht behinderte, sondern eher förderte.

Rigorose Bekämpfung

Zwar hatte Kaiser Karl V. schon 1521 das Wormser Edikt erlassen, das die Verbrennung aller lutherischen Schriften und die rigorose Bekämpfung der protestantischen Lehre angeordnete. Da der Kaiser aber bald darauf in endlose Kriege mit den Franzosen und den Türken verwickelt wurde und dafür die Unterstützung der deutschen Fürsten brauchte, wurden die Beschlüsse nicht durchgeführt. Erst der Schmalkaldische Krieg 1546/47 brachte die Protestanten wieder in schwere Bedrängnis.

Beim Augsburger Religionsfrieden im Jahre 1555 konnten die Fürsten jedoch die Duldung des protestantischen Glaubens durchsetzen. Von nun an galt das Prinzip „Cujus regio, ejus religio“ (Dem die Herrschaft, dessen der Glaube). Dies bedeutete, dass der Landesfürst die Religion der Untertanen bestimmen durfte. Somit hatte die Familie von Quadt in ihrem Herrschaftsgebiet freie Hand, und auch Johanns Nachfolger Dietrich von Quadt (reg. 1566-1589) führte die Politik seines Vorgängers fort. Eine Zwangsbekehrung seiner Untertanen zum Protestantismus hatte er freilich nicht im Sinn, wohl aber wurden politische und wirtschaftliche Anreize zum Übertritt geschaffen.

Grundsteinlegung 1547

Wann genau in Schwanenberg der evangelische Gottesdienst eingeführt wurde, steht nicht fest, viel spricht aber für das Jahr 1558. Die Anfänge des Gemeindelebens dürften dagegen weiter zurückliegen, denn der Grundstein der Schwanenberger Kirche trägt die Jahreszahl 1547. Anfangs wurde in Schwanenberg wohl zunächst noch lutherisch gepredigt, erst 1572 wird die Gemeinde ausdrücklich als „reformiert“ bezeichnet. Offiziell war das calvinistische Bekenntnis damals noch gar nicht zugelassen, aber wiederum nutzte man die aktuelle politische Situation: Der regierende Kaiser Maximilian II. gab sich religiös tolerant und neigte heimlich dem Protestantismus zu. Im Jahre 1601 erfolgte dann der definitive Beitritt der Schwanenberger zur evangelisch-reformierten Kirche.

Allerdings konnten die Herren von Quadt den protestantischen Glauben nicht in ihrem gesamten Herrschaftsgebiet durchsetzen. Selbst in Wickrath blieb ein Teil der Bürger der alten Kirche treu. Auch das mächtige Kloster Hohenbusch setzte sich energisch zur Wehr und verhinderte erfolgreich den Abfall des Dorfes Matzerath vom Katholizismus durch dessen Umpfarrung nach Erkelenz. Dagegen wurden neben Schwanenberg auch Herrath und Beckrath komplett evangelisch und blieben es bis heute.

Die schützende Hand der Herren von Quadt bewahrte die Schwanenberger zwar vor Verfolgungen, nicht aber vor Schikanen und Repressionen. Die Herrschaft Wickrath war nur kleines und damit politisch schwaches Gebilde, das oft zum Spielball großer Mächte wurde. Der niederländische Freiheitskampf und der 30-jährige Krieg brachten mehrfach die Besetzung durch spanische Truppen, die harte Kontributionen forderten.

Auch die Kriege des Fürstbischofs von Münster und des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. brachten Plünderungen und Verwüstungen über das Land. Erst in der Franzosenzeit (1794-1814) wurde die Freiheit der Religion eingeführt und von der preußischen Regierung endgültig festgeschrieben. Die Akzeptanz in der Gesellschaft ließ dennoch lange auf sich warten. Bis ins 20. Jahrhundert hinein galten die Schwanenberger als ein „eigenes Völkchen“, mit denen die katholischen Nachbardörfer nicht verkehren wollten — vor allem Liebesbeziehungen oder gar Hochzeiten waren verpönt und höchst ungern gesehen. Trotzdem (oder gerade deswegen) konnte sich Schwanenberg bis in die Gegenwart als „blaue“ Enklave im katholischen Raum Heinsberg-Erkelenz behaupten.

Weshalb aber werden die Protestanten am Niederrhein im Volksmund oft „die Blauen“ genannt? Eine eindeutige Erklärung dafür gibt es nicht; eine Rolle spielt aber möglicherweise die Tatsache, dass die Farbe Blau in alten Zeiten als Symbol für Lüge und Täuschung stand — wovon sich ja auch die Redewendung „das Blaue vom Himmel herunterlügen“ ableitet. Und in den Augen der Katholischen Kirche galten die Protestanten lange Zeit als abtrünnige Häretiker, die falsche Lehren unters Volk brachten und den „wahren Glauben“ verleugneten. Viel plausibler aber ist der Zusammenhang mit den blauen Uniformen der Preußen, die 1815 das Rheinland in Besitz nahmen. Die katholischen Rheinländer empfanden das neue Regime als Fremdherrschaft und die meist evangelischen Regierungsbeamten waren entsprechend unbeliebt. Die einheimischen Protestanten galten somit als deren „Fünfte Kolonne“.

1300 Mitglieder

Heute ist Schwanenberg eine blühende Kirchengemeinde mit mehr als 1300 Mitgliedern; auch zahlreiche Nachbarorte und Weiler gehören zu ihrem Einzugsbereich. Die besondere Insellage hat das religiöse Bewusstsein der Einwohner immer wach gehalten, somit ist das Gemeindeleben als sehr aktiv zu bezeichnen. Die Gottesdienste sind gut besucht und besondere Ereignisse wie Gemeindefeste, die Wahlen zum Presbyterium oder auch die Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum finden große Resonanz.

Somit ist der Fortbestand der „blauen Insel“ auch im 21. Jahrhundert gesichert.