Unterschiedlichkeit der Schüler soll respektiert werden

Unterschiedlichkeit der Schüler soll respektiert werden

Dass die Bildung und daraus resultierendes Know-how zur Lösung komplexer Problemstellungen für die Industrienation Deutschland von elementarer Bedeutung ist, wird von niemandem bestritten.

Dass es mit der Bildung in deutschen Landen nicht zum Besten bestellt ist, wurde durch die PISA-Studie nachhaltig bewiesen. Immer wieder wird der Ruf nach einer „Eliten”-Förderung zur Standortsicherung laut, die bereits an den allgemeinbildenden Schulen beginnen soll.

HZ-Redakteur Rainer Herwartz sprach darüber mit Annegret Krewald, Leiterin des Kreisgymnasiums Heinsberg, und Heinrich Spiegel, Leiter der Betty-Reis-Gesamtschule in Wassenberg.

Im internationalen Vergleich wird das deutsche Ausbildungssystem an Schulen und Universitäten immer wieder ob seiner langen Dauer gescholten. Teilen Sie diese Ansicht?

Spiegel: Natürlich ist die Verweildauer junger Menschen in einem Bildungssystem, das Hochschulabgänger erst mit Ende Zwanzig auf den Arbeitsmarkt entlässt, problematisch. Aktuelle Veränderungen in den Studienordnungen und die Internationalisierung von Studienabschlüssen an vielen Hochschulen zeigen, dass dies auch in der Hochschullandschaft so gesehen wird.

Ob damit gleichzeitig einer Verkürzung der Schulzeit das Wort geredet werden muss, ist für mich nicht ausgemacht. Schließlich entfalten sich intellektuelle Fähigkeiten junger Menschen nicht zwingend durch erhöhten Zeitdruck und erschöpft sich Elite-Förderung nicht in der Suche nach dem „schnellsten Weg zum Abitur”.

Zugleich gehört zu einem ganzheitlichen Elitebegriff nicht nur ein Bündel kognitiver Fertigkeiten und Fähigkeiten, sondern in einem bedeutsamen Maß auch eine soziale Kompetenz, die aber wiederum nur wachsen kann, wenn sie handlungsorientierende Übungsfelder und die nötige Reifezeit vorfindet.

Krewald: Das Gymnasium hat zwei Ziele: Studierfähigkeit einerseits und Bildung andererseits. Wir sind verantwortlich dafür, dass unsere Schülerinnen und Schüler ein Studium nicht nur beginnen, sondern auch erfolgreich zu Ende führen können. Lernen in der Schule darf also nicht an Substanz verlieren.

Nun kann man Gymnasiasten durch eine Straffung der Curricula die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten auch rascher vermitteln. Wissen kann man schneller erwerben. Ich bezweifle, dass das auch für Bildung gilt. Bildung ist nicht nur der Erwerb von Wissen und Qualifikationen, Bildung entsteht in der individuellen Auseinandersetzung mit Inhalten. Dadurch erst können Menschen sich differenziert entwickeln und entfalten, wird eine Persönlichkeit geformt.

Und die braucht der Standort Deutschland auch dringend. Kurz gesagt: Ausbildung kann man straffen, auch wenn dann die Gefahr besteht, dass Lernen zum Pauken verkommt, Bildung aber braucht Zeit.

Eine generelle Verkürzung der Schulzeit würde sich negativ auswirken. Allerdings gibt es auch keinen Grund, Schüler länger in der Schule festzuhalten als für sie persönlich nötig ist. Individuelle Schulzeitverkürzung ist sinnvoll.

Die Leistungsfähigkeit eines Menschen ist ebenso vielschichtig wie die Voraussetzungen, die diese Leistungsfähigkeit überhaupt erst zur Entfaltung bringen. Wann sollte Ihrer Meinung nach eine gezielte Förderung einsetzen?

Krewald: Man sollte von Anfang an differenziert fördern und man sollte alle fördern. Viele Grundschulen gehen zum Beispiel sehr interessante Wege. Förderung bedeutet in meinen Augen, ein unterrichtliches Angebot zu offerieren, das zur Leistung herausfordert.

Dazu muss es so genau wie möglich auf die Leistungsfähigkeit der Schüler zugeschnitten sein, denn daraus entsteht Motivation. Unterforderung erzeugt ebenso wie Überforderung Frustration. Langeweile und Passivität sind die Folge, daraus kann sogar Ablehnung und Verweigerung entstehen.

Fördern also, wie die geläufige Formulierung besagt, durch Fordern. Allerdings nicht nur. Förderung entsteht auch durch Zusammenarbeit der Schüler untereinander. Zusammenarbeit mit anderen, die etwa gleiche Fähigkeiten haben, motiviert, spornt an und erzeugt ein lebendiges Lernklima.

Zusammenarbeit in Form von gegenseitiger Hilfe bei unterschiedlichem Lerntempo und unterschiedlichen Fähigkeiten stellt aber auch Förderung dar. Wie eingangs gesagt: differenzierte Förderung tut not, und dazu muss man eine ganze Palette von Lernsituationen schaffen.

Spiegel: Gezielte Förderung von Heranwachsenden kann nicht früh genug beginnen. Da können weder Eltern, noch Kindergärten, noch Grundschulen, noch weiterführende Schulen aus der Verantwortung entlassen werden. Gleichwohl scheinen wir hier vor dramatischen Herausforderungen zu stehen, da PISA deutlich gezeigt hat, wie sehr der schulische Erfolg von Schülerinnen und Schülern in Deutschland abhängig ist von den sozialen und ökonomischen Voraussetzungen der Elternhäuser.

Erfolgreiche PISA-Nationen mit Schulen, die ein mehrdimensionales Lernen fördern und fordern, verweisen hier auf Möglichkeiten, die in unseren eher selektierenden Schulen noch längst nicht aufgegriffen sind.

Stellt die spezielle Unterstützung sich abzeichnender Neigungen und Fähigkeiten nicht auch außergewöhnliche Anforderungen an Ausbilder und Eltern?

Krewald: Sicherlich. Und sie werden es in aller Regel als Bereicherung erleben und sich dieser Herausforderung gerne stellen - wenn sie es denn dürfen und ihnen dafür Zeit und Gelegenheit eingeräumt wird.

Spiegel: Kinder und Jugendliche mit außergewöhnlichen Begabungen haben es in unserer Gesellschaft schwer. Für ihre besondere Problematik sind Eltern wie Lehrer oftmals nicht sensibilisiert und erst recht nicht pädagogisch vorbereitet. Ein Bewusstsein für das gezielte Arbeiten mit begabten Kindern und Jugendlichen wächst langsam.

Dabei ist meines Erachtens ein Schlüssel zum erfolgreichen Schulbesuch dieser Kinder und Jugendlichen ihre soziale Einbindung im gewohnten Umfeld. Hier können zusätzliche Angebote, die die besondere Begabungen entfalten helfen, eingebettet sein in die gesunde Entwicklung des Kindes.

Von krank machendem Leistungsdruck in den Schulen ist oftmals die Rede. Würde die Schaffung von elitären Zirkeln diese Tendenz nicht noch verstärken durch das Gefühl des einzelnen Schülers, dazugehören zu müssen?

Krewald: „Elitäre Zirkel” hätten mit Sicherheit diesen Effekt. Die will aber auch niemand. Schulen sind keine Bewerbungsanstalten und verleihen keine Gütesiegel. Wir helfen Schülern, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und etwas aus sich zu machen.

Ein gesundes Selbstbewusstsein zeigt sich darin, dass man die Unterschiedlichkeit der Menschen anerkennt, respektiert und schätzt. Nur ein sehr engstirniges Denken reduziert den Wert eines Menschen auf seine Durchschnittsnote. Differenzierte Förderung macht Unterschiede, lässt aber den Gedanken an „elitäre Zirkel” gar nicht erst aufkommen.

Die Existenz der Bundesliga macht schließlich auch nicht den Fußball auf Bezirksebene kaputt, im Gegenteil! Warum soll es da in derselben Schule nicht Gruppen geben, die einfach unterschiedlich lernen.

Spiegel: Kinder und Jugendliche wollen etwas leisten. Davon kann und muss eine Schule ausgehen, die Kinder und Jugendliche in ihrer individuellen Leistungsbereitschaft und ihrem spezifischen Leistungsvermögen fordern will.

Eine erfolgreiche Schule entwickelt deshalb die Selbsttätigkeit und Selbstständigkeit im Lernen und Arbeiten ihrer Schülerinnen und Schüler weiter.

Sie sieht den Einzelnen, bietet ihm Raum und Zeit zur individuellen Entfaltung und schafft Erprobungsräume für soziale Kompetenzen. Die Ganztagsschule stellt hierfür einen wirkungsvollen Rahmen.

Welche Möglichkeiten bieten Sie besonders begabten und leistungsfähigen Kindern an Ihren Lehranstalten?

Krewald: Wie viele andere Schulen hat auch unsere Schule individuelle Begabungen schon immer gefördert in zahlreichen AG´s, Gruppen und Grüppchen, in denen sich Lehrer und Schüler zusammenfinden, um außerhalb des Unterrichts an einer Sache zu arbeiten, die ihnen gemeinsam Freude macht.

So hat jetzt eine Gruppe von Schülern damit begonnen, in Zusammenarbeit mit der TH Aachen ein Rastertunnelmikroskop zu bauen, wahrhaftig kein leichtes Unterfangen. Nach außen wird diese Art der Förderung manchmal sichtbar in den Erfolgen unserer Schülerinnen und Schüler bei Wettbewerben und dergleichen.

In diesem Schuljahr werden wir einem Schüler der Oberstufe erstmals die Möglichkeit geben, eine Vorlesung des Grundstudiums Mathematik an der RWTH Aachen zu besuchen.

Spiegel: Angebote eines Fächer verbindenden, auf Eigenverantwortung zielenden Lernens gehören zum Programm der Betty-Reis-Gesamtschule Wassenberg. Konsequent setzt die Profiloberstufe Fächervernetzungen fort, die in der Sekundarstufe I angebahnt wurden.

Leistungsdifferenzierte Unterrichtsangebote, projektorientiertes Arbeiten im Jahrgang, Thementage im Profil, gezieltes Methoden- wie Rhetoriktraining sowie zukünftig ein „abitur online” sind wichtige Bausteine dieses Programms.

Getragen wird dieser schulische Ansatz von Kooperation und Teamarbeit der Lehrerinnen und Lehrer.

Entspricht der derzeitige Unterrichtsstand auch schon Ihren Zielvorstellungen?

Spiegel: „Besser geht immer.” Das wissen die Lehrerinnen und Lehrer meiner Schule, die die Freude an innovativer pädagogischer Arbeit Jahr um Jahr zeigen. Zugleich erweisen sich die institutionellen Rahmenbedingungen, die Schwierigkeiten in der Lehrerversorgung sowie die gesellschaftliche Wertschätzung schulischer Arbeit als Hürden.

Krewald: Begabtenförderung muss Schule heutzutage systematisch angehen. Ebenso muss man über Möglichkeiten der individuellen Schulzeitverkürzung nachdenken. Deshalb hat sich im vergangenen Schuljahr ein aus Eltern und Lehrern bestehender Arbeitskreis gebildet, der für unsere Schule geeignete Modelle entwickelt hat.

Es gibt im wesentlichen drei Möglichkeiten: erstens Profilklassen, zweitens Fachprofilklassen und drittens Vorversetzung von eigens vorbereiteten Schülergruppen. Die Ergebnisse werden heute der Schulöffentlichkeit präsentiert und noch in diesem Herbst in den Gremien der Schule beraten.

Ich hoffe, dass Sie in einigen Wochen darüber berichten werden, wie Begabtenförderung demnächst an unserer Schule gestaltet wird.