Kreis Düren: Unfälle: Deutlicher Anstieg bei Senioren bereitet Sorgen

Kreis Düren : Unfälle: Deutlicher Anstieg bei Senioren bereitet Sorgen

Es ist ein Mittwoch Ende August. Ein 84-jähriger ist mit dem Auto von Heimbach nach Vlatten unterwegs. Als er nach links in die Baadewaldstraße abbiegen will, übersieht er einen entgegenkommenden Pkw — es kommt zum Frontalzusammenstoß.

Die 77 Jahre alte Ehefrau ist sofort tot, der Senior verstirbt kurze Zeit später im Krankenhaus. Ein tragischer Einzelfall. Aber: Die Zahl der Unfälle, an denen Senioren beteiligt sind, ist im Kreis Düren im Vergleich zum Vorjahr deutlich angestiegen. „Bis Ende September haben wir 122 Unfälle gezählt, an denen Personen beteiligt waren, die 65 Jahre und älter sind“, sagt Polizeioberrat Wolfgang Heimbach, Leiter der Direktion Verkehr bei der Kreispolizeibehörde. Das ist im Vergleich zum Zeitpunkt des Vorjahres eine Steigerung von knapp 20 Prozent.

Polizeioberrat Wolfgang Heimbach ist davon überzeugt, dass Senioren im Straßenverkehr vorsichtiger agieren als zum Beispiel junge Fahrer.
Polizeioberrat Wolfgang Heimbach ist davon überzeugt, dass Senioren im Straßenverkehr vorsichtiger agieren als zum Beispiel junge Fahrer. Foto: Giesen

In 2016 schon drei Tote

Kam 2015 bei einem Verkehrsunfall nur ein Senior ums Leben, waren es in diesem Jahr schon drei, bei den Schwerverletzten lag die Zahl Ende September schon um 27,6 Prozent höher als im gesamten Jahr 2015. Dabei kann man den Eindruck haben, dass manche Senioren im Straßenverkehr überfordert sind: im September etwa, als eine 75-Jährige in Düren auf einem Parkplatz plötzlich beschleunigt und dabei gleich 15 Autos beschädigt. „Als die Unfallverursacherin endlich zum Stillstand kam, bot der Parkplatz den Anblick eines Trümmerfeldes“, schrieb die Polizei damals. Für Wolfgang Heimbach sind solche Unfälle aber nicht symptomatisch. „Senioren sind im Straßenverkehr nicht signifikant anders auffällig als andere Gruppen“, sagt er.

Die Steigerung erklärt er mit einem ganz anderen Umstand: „Der Anteil der Senioren in unserer Gesellschaft nimmt zu. Hinzu kommt, dass im Vergleich zu früher die heutigen Senioren mobiler sind und auch mobil bleiben wollen.“ Und eine weitere wichtige Erkenntnis für Heimbach: Gerade beim Thema Geschwindigkeit, für die Polizei die Hauptunfallursache mit schwersten Verletzungen, verhalten sich Senioren im Straßenverkehr eher defensiv. Heimbach: „Senioren achten eher auf ihre Geschwindigkeit und fahren dann bei erlaubten 50 km/h mit Tempo 40, während man selbst vielleicht den Eindruck hat, die fahren zu langsam. Es sind eher die jungen Fahrer, bei denen die Hormone unter der Motorhaube spürbar sind.“

Auch wenn die Zahl der Senioren in unserer Gesellschaft steigt, muss dies nicht ausschließlich der Grund sein, warum auch die Zahl der Unfälle mit Senioren steigt. „Natürlich gibt es im Alter auch körperliche Einschränkungen“, sagt Heimbach. Der Blick über die Schulter kann zum Problem werden, das Reaktionsvermögen ebenso nachlassen wie das Sehvermögen. „Wir raten zu regelmäßigen Sehtests“, erklärt der Polizeioberrat, der noch einen anderen Tipp parat hat: „Fahrassistenzsysteme können einzelne Einschränkungen ausgleichen.“ Auch da hat er eine interessante Erfahrung gesammelt: Während ältere Autofahrer auch mit solchen Assistenzsystemen weiter vorsichtig agieren würden, sei bei jüngeren Fahrern die Technikhörigkeit ausgeprägter. Heimbach: „Die warten dann beim Einparken auf den letzten Piepton und titschen eher an.“

Diese Tipps vermittelt die Polizei auch bei ihren Schulungen. Als die Pedelecs neu auf den Markt kamen, häuften sich Unfälle von Senioren auf den elektrisch betriebenen Rädern. Mit entsprechenden Schulungen konnte die Zahl deutlich gesenkt werden. Heimbach: „Wir gehen auch in Altenheime und Wohngruppen, weil Senioren ja auch als Fußgänger am Straßenverkehr teilnehmen. Wir bieten auch eine Rollatorausbildung an.“ Angebote für Senioren gibt es auch von der Verkehrswacht Düren, wie Norbert Eskens mitteilt: „Im Zuge einer anonymen Überprüfungsfahrt von einer Fahrstunde mit einem Profi, einem erfahrenen Fahrlehrer, werden Fahrfehler und Normverstöße besprochen und Abhilfevorschläge unterbreitet.“

Viel heikler ist ein ganz anderes Thema: die Frage, ob Senioren ab einem bestimmten Alter den Führerschein zurückgeben oder erneuern sollten. Heimbach sieht dafür keinen Anlass — eben weil Senioren nicht überproportional an Unfällen beteiligt seien. Heimbach: „Natürlich kommt es auch schon mal vor, dass Senioren freiwillig den Führerschein abgeben. Es ist allerdings eine erhebliche Einschränkung der Mobilität.“

Heimbach sieht bei diesem Thema nicht nur die Polizei in der Pflicht: Hausärzte könnten ältere Patienten auf das Thema ansprechen, Angehörige sollten es. Nicht nur die Polizei kann hier mehr machen, sondern wir alle.“