Wassenberg: Unbegreiflich: Die pure Lust am Zerstören

Wassenberg : Unbegreiflich: Die pure Lust am Zerstören

Glassplitter knirschen unter den Schuhen. Zertretene Türen hängen in den Angeln, liegen auf dem Boden. Telefone sind aus den Wänden gerissen.

Das weiße Pulver sinnlos entleerter Feuerlöscher bedeckt die Böden der sich dunkel dahin streckenden Produktionshallen, in denen man noch Textilgeruch zu atmen glaubt. Stromkabel hängen aus Verteilerkästen, Scheiben sind zerschlagen, Teile des Daches eingetreten.

Dies sind nur einige Eindrücke aus dem Inneren der früheren Textilfabrik Frowein an der Erkelenzer Straße in Wassenberg. Der Vandalismus hat in jüngster Zeit solche Ausmaße angenommen, dass Frowein-Geschäftsführer Matthias Wierling mit der HZ zu einer „Betriebsführung der besonderen Art” aufbrach, um die Wassenberger Öffentlichkeit zu informieren.

Zerstören, kaputtmachen, versauen - das ist der einzige Un-Sinn, der hinter den Vandalismus-Attacken auf die ehemalige Frowein-Fabrik an der Erkelenzer Straße zu erkennen ist.

Immer wieder einmal war es in den letzten Jahren zu Sachbeschädigungen gekommen, doch was in den vergangenen Monaten in den Gebäuden geschehen ist, sprengt den Rahmen des „Üblichen”.

Nur für notdürftige Reparaturen, um die Gebäudesubstanz zu erhalten, seien bisher geschätzte 50 000 Euro aufgewendet worden, erklärte Frowein-Geschäftsführer Matthias Wierling, der eigens aus Wuppertal vom Sitz der Frowein-Textilgruppe angereist war, um die Öffentlichkeit über die Vorgänge auf dem Frowein-Gelände zu informieren.

Ein Vielfaches des schon Investierten müsste wohl ausgegeben werden, um alle Schäden an den Gebäuden und den Installationen zu beheben.

Zwar gebe es konkrete Planungen für eine Folgenutzung des Frowein-Geländes als Wohnbaugebiet mit Ein- und Zwei-Familienhäusern und gegebenenfalls einer Seniorenresidenz, doch sei der Vertrag mit dem Erwerber der Immobilie noch nicht unter Dach und Fach.

Er gehe von einer Entscheidung „im Laufe des Septembers” aus, erläuterte Matthias Wierling. Käme der Vertrag nicht zustande, wären auch wieder andere Nutzungen der Immobilie denkbar; Nutzungen, in denen die Fabrikhallen sehr wohl eine Verwendung finden könnten. Noch also könne von einem Abriss der Gebäude keine Rede sein.

Matthias Wierling: „Das ist eine ganz unangenehme Geschichte, vor allem, weil die Immobilie gegebenenfalls noch genutzt wird. Es ist eine Industriebrache, ja, aber keine Ruine. Ob die Gebäude abgerissen werden, ist noch nicht verbindlich.”

Deshalb investiert die Textilgruppe Frowein seit geraumer Zeit auch in den Objektschutz, mit Erfolg: Erst Ende Juli war es dem beauftragten Sicherheitsdienst gelungen, einen alkoholisierten 16-Jährigen dingfest zu machen und der Polizei zu übergeben - drei Mittäter konnten flüchten. Mit dem gefassten Jugendlichen ist das Unternehmen mittlerweile vor Gericht.

Wohl nur glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass bisher keiner der Vandalen bei den Zerstörungsaktionen verletzt wurde oder ums Leben kam. Mit Leitern, die teils von umliegenden Baustellen geholt worden waren, waren Vandalen auch auf die Gebäude geklettert.

Insgesamt acht Lichtkuppeln in den Hallen-Dächern wurden eingetreten; Dachfenster wurden ebenfalls zerstört. Unter diesen Fenstern ist das Nichts -Êetliche Meter tiefer liegt der steinerne Hallenboden. Wer da drauf knallt, hat wohl nicht nur ein Bein gebrochen...

In höchstem Maße lebensgefährlich waren die Zerstörungswerke an den Elektro-Installationen. Zwar sei die Stromversorgung auf ein Mindestmaß reduziert, doch auf manchen Kabeln liege noch Strom, auch Starkstrom, warnte Matthias Wierling eindringlich.

„Sogar an massiven Kabelsträngen wurde herumgerissen. Wenn da die richtigen Leitungen zusammenkommen, hat einer aber Dauerkrause...”, umschrieb er dezent den wohl tödlichen Stromstoß.

Die letzte Minute der Werksuhr

Kaum ein Raum, in dem nicht irgendwelche Spuren der Zerstörung oder des Chaos hinterlassen worden wären. Auch die Uhren-Zentrale hats getroffen, eine der Werksuhren zeigt die letzte von ihr geschlagene Minute: 2.29 Uhr. Altes Prospektmaterial und übrig gebliebene Stoffprobenreste sind weit verstreut, zerschlagene Leuchtstoffröhren liegen umher.

Eine massive Glasbaustein-Wand muss mit enormer Kraft „bearbeitet” worden sein, Armierungen wurden herausgeschlagen; eine hölzerne Stützvorrichtung sorgt derzeit für behelfsmäßige Stabilität. Draußen, zur Alten Bahn hin, haben sich Graffiti-Sprayer ausgetobt. An der Vorderfront sind etliche Scheiben eines Tores von Steinwürfen durchschlagen.

Zusätzlich zu den wachen Augen des Sicherheitsdienstes setzt Matthias Wierling auch auf die Wachsamkeit der Anwohner und hofft, dass sie die Polizei über verdächtige Personen und Vorkommnisse informieren. „Wir haben bereits einiges vom umgebenden Pflanzenbewuchs heruntergeschnitten, damit das Firmen-Gelände besser eingesehen werden kann.”