„Toleranz Andersdenkender ist Ihnen fremd”

„Toleranz Andersdenkender ist Ihnen fremd”

Kreis Heinsberg. In der Haushaltsdebatte hatte er geschwiegen, bei der Entscheidung um den Etat 2005 hatte er sich der Stimme enthalten: NPD-Kreistagsmitglied Helmut Gudat, ein Arbeiter aus Hückelhoven.

Doch plötzlich standen er und seine Partei bei der Sitzung des Kreis-Parlamentes am Donnerstagabend trotzdem im Mittelpunkt.

In einer persönlichen Erklärung „aus besonderem Anlass” griff Dr.Henning Herzberg von den Grünen, der an diesem Tag 67 Jahre alt wurde, das Thema NPD auf: „Ich kann es kaum ertragen, mit einer Person in diesem Kreistag zu sitzen, deren Gesinnungsleute, auf die man sich in dieser Partei beruft, damals schon vor meinem Geburtsjahr, 1938, Terror ausübten - erst in meinem Heimatland, dann in ganz Europa.” Was ihn erzürne, so Herzberg, sei, dass das wieder beginne, „jetzt da ich ein alter Mann bin”.

Ohne ihn beim Namen zu nennen, wandte sich Herzberg an Gudat: „Terror verbreiten Ihre Gesinnungsgenossen heute wieder, denn was ist es anderes, wenn unsere Grüne Jugend ihren Igelrock gegen Rechts veranstaltet und sie eine E-Mail erhält.” Er zitierte daraus: „bis zum igel treff oder einen meiner in der nächsten zeit anstehenden hausbesuche noch ein freudiges „braun is beautiful.”

„Was ist das anderes als Terror”, lautete Herzbergs Frage. „Toleranz Andersdenkender ist Ihnen und Ihrer Gruppe wohl völlig fremd.” Er müsse es als 67-Jähriger erleben, dass die Braunen ihre Nazi-Sprüche verbreiten und sich auf das Dritte Reich beziehen würden.

Er sei als der einzig männliche Überlebende seiner Familie Halbwaise dieses Wahnsinnskrieges, wie so viele seiner Generation. „Aber gehen Sie - mein Herr der NPD - davon aus, wer als Kind das Inferno überlebte, klagt an”, so der Grüne weiter.

Er klagte den NPD-Vertreter an, dass er eine Ideologie gut finde, deren Vertreter „uns Deutsche ins Verderben geführt haben”. Herzberg weiter: „Unsere Eltern und meine Generation haben dieses, unser republikanisches und demokratisches Deutschland wieder aufgebaut und seine Vereinigung freudig begrüßt, das soll jetzt alles kaputt gehen - ich sage: Nein!”

Während die Erklärung Herzbergs mit Applaus aus allen Kreistagsfraktionen bedacht wurde, reagierte der NPD-Vertreter nur mit Kopfschütteln - ohne eine eigene Wortmeldung.

Das Thema Nationalsozialismus war zuvor in der Haushaltsdebatte auch von SPD und Grünen angesprochen worden. Franz-Josef Fürköter, Fraktionsvorsitzender der SPD, sagte, 2005 sei ein besonderes Jahr, 60 Jahre nach Krieg und Nazi-Barberei.

„Es wäre gut, für die demokratischen Parteien und für unser Land insgesamt, wenn wir - statt um eines vermeintlichen politischen Vorteils willen im Effekt Wasser auf die Mühlen der Nazis zu lenken - uns für den Weg durch dieses Jahr an Bundespräsident Köhler orientieren würden, der in Ton und Verhalten bei der Gedenkveranstaltung am 27.Januar in Auschwitz wie bei seinem Besuch in Israel beispielgebend war.”

Angesichts der NPD-Ankündigung, im Landtagswahlkampf verstärkt Jugendliche ansprechen und dazu auch in die Schulen gehen zu wollen, hoffte die Grüne Fraktionsvorsitzende Maria Meurer, „dass sich die Schulen wehren werden”.

Im Haushalt 2004 seien 2000 Euro als Zuschüsse für außerschulische Bildungsmaßnahmen und für Fahrten zu Gedenkstätten der NS-Verbrechen angesetzt gewesen. „Es wurde gerade ein Viertel davon abgerufen”, so Meurer.

Auch jetzt stehe die gleiche Summe wieder bereit. Deshalb forderte sie alle dazu auf, Reklame zu machen für solche Fahrten. Jeder wisse doch aus eigener Erfahrung, „wie beeindruckend und wichtig solche direkten Konfrontationen sind, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und damit erkennen zu können, wie falsch und schädlich für alle es ist, die Vergangenheit zu leugnen und sich nicht damit auseinander zu setzen”.