Kreis Heinsberg: Thema Jobs: „Wir müssen gut aufpassen!“

Kreis Heinsberg : Thema Jobs: „Wir müssen gut aufpassen!“

„Bietet die Region genügend gut dotierte Jobs für gut ausgebildete Arbeitskräfte?“ So lautete eine Fragestellung bei unserer Umfrage unter dem Motto „Was bewegt Sie im Kreis Heinsberg?“. „Ja, denn Wirtschaft und Industrie sind gut aufgestellt“, antworteten 14 Prozent.

„Nein, die gibt es nur in Aachen, Köln oder Düsseldorf“, urteilten 47 Prozent. „Noch ist das so, aber wir müssen aufpassen, dass die jungen Leute nicht abwandern“, meinten 39 Prozent der Teilnehmer an dieser Umfrage. Dr. Joachim Steiner, der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Heinsberg (WFG), und sein Stellvertreter, Axel Wahlen, beantworteten Fragen zu diesem Thema.

Wie bewerten Sie dieses Umfrageergebnis? Und: Wie hätten Sie die Frage beantwortet?

Steiner: Ich hätte mich für die dritte Antwort entschieden: Es gibt sie, aber wir müssen gut aufpassen! Die Antworten auf diese Frage spiegeln sehr schön die Lebenswirklichkeit im Kreis Heinsberg mit seinem hohen Auspendleranteil: Knapp die Hälfte Ihrer Leser sehen attraktive Jobs überwiegend in den uns umgebenden Großstädten. Das entspricht in der Größenordnung etwa dem Auspendleranteil an der Arbeitsbevölkerung. Viele dieser Menschen sind zugezogene, die ihren Job in den Ballungsräumen, den sie schon vorher hatten, beibehalten haben. Ich glaube aber auch, dass vielen Auspendlern gar nicht bewusst ist, welche attraktiven und renommierten Arbeitgeber es hier gibt.

Der Kreis Heinsberg hat in den vergangenen Jahren vor allem im Bereich der Industrie deutliche Zuwächse erzielen können — gegen den Landestrend. So stiegen die Werte nach Angaben der Landesstatistiker im Kreis von 116 Betriebe mit 9711 Beschäftigten im Jahr 2010 auf 126 Betriebe mit 10 885 Beschäftigten im Jahr 2014. Zweifellos erfreulich, aber für die WFG sicherlich kein Grund sich zurückzulehnen, oder?

Steiner: Diese Zahlen bestätigen meine Aussage, dass es zunehmend attraktive Arbeitgeber und Jobs im Kreisgebiet gibt. Wir wollen in Zukunft nachhaltig dazu beitragen, dass diese Arbeitgeber trotz der demografischen Entwicklung und trotz des zunehmenden Wettbewerbs um qualifizierte Arbeitskräfte auch ausreichend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnen und halten können.

In welchen Segmenten hegen Sie Hoffnung auf weitere neue Jobs? Oder darf sogar von einem ganz großen Wurf geträumt werden?

Steiner: Ehrlich gesagt: Viele kleine sind mir lieber als ein großer Arbeitgeber. Das stärkt die mittelständisch geprägte Wirtschaftsstruktur und die Branchenvielfalt im Kreisgebiet und macht uns weniger anfällig. Wir haben mit Kohle und Textilwirtschaft hautnah im Kreis erlebt, dass heftige Strukturkrisen ausgelöst werden können, wenn einzelne Industriezweige zu dominant geworden sind.

Im Nachbarkreis Düren wird sehr stark die Logistik als Zukunftsperspektive ins Auge gefasst, da die Seehäfen angeblich logistische Zentren weit im Hinterland suchen. Die Stadt Mönchengladbach etabliert sich als Knotenpunkt für Logistiker. Im Kreis Heinsberg steht — quasi als das Aushängeschild in diesem Segment — das große Logistikzentrum von QVC mit der benachbarten Hauptumschlagbasis von Hermes in Hückelhoven-Baal, jedoch gibt es im Kreisgebiet natürlich darüber ­hinaus auch noch einiges mehr. Trotzdem die Frage: Geht da in Zukunft vielleicht noch mehr in Sachen Logistik?

Wahlen: Die Logistikbranche war sicherlich schon in den vergangenen 15 Jahren der wesentliche Motor der positiven Wirtschaftsentwicklung im Kreis Heinsberg, wobei das Verteilzentrum von QVC zwar der größte Ansiedlungserfolg in dieser Entwicklung war, die Branche aber eben keineswegs auf diesen einen Meilenstein reduziert werden darf. Vielmehr hat sich die Lagegunst des Standortes Kreis Heinsberg auch bei der positiven Entwicklung einer ganzen Reihe vorhandener und der Ansiedlung neuer Unternehmen auch aus der Industrie und industrienahen Dienstleistern ausgewirkt. In deren Wertschöpfung spielt der Logistikaspekt heute oftmals eine sehr große Rolle. Mit der über die B 56 n absehbaren weiteren Verbesserung der Verkehrsanbindung des Kreises nach Westen erwarten wir eindeutig weitere positive Entwicklungsbeiträge auch aus dieser Branche.

Die in der Umfrage angesprochene mögliche Abwanderung junger Menschen deckt sich mit der Einschätzung vieler Experten, dass in Zukunft ein Trend zurück aus ländlichen Regionen hin in die Großstädte einsetzen könnte. Befürchten Sie eine solche Entwicklung auch — und wie sollte gegengesteuert werden?

Steiner: Die Sorge ist mittel- bis langfristig durchaus begründet und ein Gegensteuern sicher keine einfache Aufgabe. Dies kann nur über ein Zusammenspiel einer Vielzahl von Maßnahmen gelingen. Dazu gehört zum Beispiel die möglichst flächendeckende Erschließung des Kreises Heinsberg mit zukunftsweisenden Glasfaserhausanschlüssen. Der Beitrag, den unsere Wirtschaft leisten kann, hat natürlich im Wesentlichen mit der Bereitstellung von familiengerechten, attraktiven Arbeits- und Ausbildungsplätzen zu tun. Und wir als Wirtschaftsförderung werden weiterhin unseren Teil dazu beitragen, dafür positive Rahmenbedingungen zu schaffen.

Unter dem Motto „Finden & Binden“ starten Sie an diesem Mittwoch Ihren neuen Arbeitgeberdialog. Da dürfte es weniger um neue Arbeitsplätze gehen, als vielmehr darum, in Zeiten von drohendem oder bereits vorhandenem Fachkräftemangel und nach wie vor hoher Auspendlerzahlen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammenzuführen. Was bezwecken Sie konkret mit dieser Initiative?

Wahlen: Mit unserer neuen Reihe wollen wir unsere Arbeitgeber im Kreis Heinsberg branchenübergreifend mit Ideen und Konzepten rund um das Finden und Binden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vertraut machen und insbesondere zum Dialog darüber einladen. Dazu sind die drei Workshops angelegt, mit denen wir zu den Themen Finden, Binden und Qualifizieren in einen fachkundig moderierten Austausch mit Inhabern, Geschäftsführern und Personalverantwortlichen unserer Unternehmen und interessanten Impulsgästen einsteigen wollen. Ziel ist es, aus der Perspektive Kreis Heinsberg heraus, gemeinsam zu entwickeln, mit welchen regionalen Beratungsansätzen, Produktideen oder Dienstleistungen die WFG die Wirtschaft künftig in diesem Themenfeld sinnvoll unterstützen kann.

(disch)