Heinsberg: Tanz auf der Musikbox wird nicht verurteilt

Heinsberg : Tanz auf der Musikbox wird nicht verurteilt

Mittwoch, 9.30 Uhr, Sitzungssaal 15 im Amtsgericht Heinsberg: Von der Öffentlichkeit beinahe unbemerkt, steht eine Verhandlung an, deren Ausgang für die Diskotheken im Land eine Signalwirkung mit gravierenden Folgen hätte haben können.

Der Grund für die gerichtliche Auseinandersetzung zwischen einer jungen Wassenbergerin, der Haftpflichtversicherung eines jungen Erkelenzers und dem Betreiber der Diskothek Waldesruh in Himmerich ereignete sich bereits in der Nacht vom 8. zum 9. September letzten Jahres.

Es war ein Abend wie unzählige zuvor. Die Stimmung war ausgelassen, die meist jungen Besucher der Disco gut drauf. Auf der Tanzfläche „tobte der Bär” und auch auf den riesigen Musikboxen boten einige ihr individuelles Bewegungsprogramm.

Eben so wie in unzähligen anderen Diskotheken der Republik an jedem Wochenende zu beobachten ist. Für Julia K. sollte der Besuch in der Himmericher Disco diesmal jedoch ein unschönes Ende nehmen.

Als sich die junge Frau nämlich auf den Weg zur Toilette machte und dabei an einer der großen Musikboxen vorbeikam, fiel ihr von dort plötzlich aus einer Höhe von rund eineinhalb Metern der Erkelenzer Daniel R. auf den Leib. Irgendjemand habe ihm einen Stoß verpasst, hieß es.

In der Klageschrift ihrer Anwältin Anette Dörner-Bolhöfener aus Heiligenhaus wird später von erheblichen Verletzungen ihrer Mandantin die Rede sein, unter anderem von einer Stauchung der Halswirbelsäule und beider Schultergelenke, nebst einer Wirbelsäulenprellung, Gelenkblockierungen und einer schweren Gehirnerschütterung.

3000 Euro Schmerzensgeld und Schadenersatz für die sich noch heute in therapeutischer Behandlung befindliche Wassenbergerin sollten gegen die Versicherung des gestürzten Erkelenzers erstritten werden.

Dass hier ein Vergleich heraussprang, durch den der Klägerin am Ende 1500 Euro Schmerzensgeld zugesprochen wurden, ist nur von marginaler Bedeutung.

Viel wichtiger hingegen war die Sicht des Gerichtes zu der Fragestellung, ob auch der Diskothekenbetreiber haftbar gemacht werden könne, weil er vielleicht die Verkehrssicherungspflicht verletzt habe.

In der Klageschrift heißt es hierzu: „Denn in der Diskothek . . . ist es Gang und Gäbe, dass auf den Lautsprecherboxen getanzt wird, die hierzu weder geeignet, noch gegen ein Abstürzen gesichert sind.”

Der Diskothekenbetreiber hätte nach Ansicht von Dörner-Bolhöfener „dafür Sorge tragen müssen, dass entweder entsprechende Absturzsicherungen angebracht werden oder, dass Besucher sich nicht hierauf aufhalten . . . Der eingetretene Schaden wäre folglich bei Einhaltung der gebotenen Sorgfaltspflicht durch die Zweitbeklagte vermeidbar gewesen”.

Schon zu Beginn der Sitzung erteilte Richterin Anja Buntrock der Auffassung der Klägerseite jedoch eine Absage. Sicher könne man in diesem Punkt unterschiedlicher Meinung sein, doch sie kenne die Örtlichkeit und sei zu dem Schluss gelangt, dass eine Sicherung der Musikboxen nicht notwendig und auch die Aufsichtspflicht nicht vernachlässigt worden sei.

Anette Dörner-Bolhöfener wollte jedoch die Rechtsauffassung der jungen Richterin nicht teilen. „Bei einer Höhe von 1,60 Meter muss eine Sicherung vorhanden sein.” Ihre Mandantin habe ihr zudem glaubhaft versichert, dass dies in anderen Diskotheken zum Beispiel durch Käfige gegeben sei.

Hans-Peter Busch, Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht sowie Rechtsbeistand der beklagten Diskothek Waldesruh, behauptete hingegen, dass es sich hier lediglich um gestalterische Maßnahmen, nicht jedoch um eine Sicherung handele.

Er vertrat die Auffassung: „Das eigenverantwortliche Tanzen der Gäste in Diskotheken, teilweise auch außerhalb der Tanzflächen auf Theken, Tischen und Stühlen oder Lautsprecherboxen, gehört zum gegenseitigen Unterhaltungsprogramm der Gäste und lässt sich von Betreiberseite nicht oder nur bedingt einschränken. Sofern sich Gäste durch ihr Tanzverhalten gegenseitig gefährden, wird dieses Risiko mit dem Besuch der Veranstaltung bewusst in Kauf genommen.”

Busch war sich der Brisanz einer anders lautenden Einstellung jedoch bewusst. Dies hätte zweifellos Auswirkungen auf die Strukturen der gesamten Diskothekenszene in Deutschland, meinte er.

In diesem Kontext war wohl auch seine Offerte zu verstehen, dass die noch zaudernde Klägerin bei Annahme des Schmerzensgeld-Vergleiches zudem noch ein Jahr freien Eintritt in die Diskothek erhalten sollte. „Denn die haftungsrechtlichen Problematiken sind nicht zu unterschätzen”, so Busch.