Aachen: Tag der Verschwundenen: Für immer aus den Augen verloren?

Aachen : Tag der Verschwundenen: Für immer aus den Augen verloren?

Vor einem Jahr und 136 Tagen ist Herbert Becker verschwunden. Es war Mittwoch, der 15. April 2015, als er gemeinsam mit seiner Frau Karola ihren Geburtstag feierte. Doch das war nicht das Einzige, was er an diesem Tag vor hatte.

Becker, der unter Demenz leidet, besuchte wie jeden Mittwoch eine integrative Tagesstätte, wo er sein Gedächtnis ein wenig trainieren konnte. So, wie die Spieler von Alemannia Aachen ihre Fitness trainieren, wo er einst als Mannschaftsbetreuer tätig war. Seit einem Jahr und 136 Tagen gibt es keine Spur von ihm. Ganz Aachen hatte den Eilendorfer damals gesucht, gefunden wurde er bis heute nicht.

92 offene Fälle

Am Dienstag ist Tag der Verschwundenen. Der Aktions- und Gedenktag findet jedes Jahr am 30. August statt und ist Hunderttausenden Familien gewidmet, die keine Informationen über das Schicksal vermisster Angehöriger haben. Dieser Tag weist auf die Schicksale von Menschen hin, die aus politischen Gründen verschleppt wurden und ist auch der Aktions- und Gedenktag, der Hilfsorganisationen dazu dienen soll, die Öffentlichkeit für dieses Thema zu sensibilisieren. Doch ganz gleich, aus welchen Gründen ein Mensch verschwunden ist, das Leid, die Trauer und die Angst bleiben für alle Angehörigen gleich.

Becker ist derzeit der wohl prominenteste Fall verschwundener Menschen aus der Städteregion Aachen. Er wurde nicht verschleppt, sein Verschwinden hatte keinen politischen Hintergrund, das weiß die Aachener Polizei. Dennoch bewegt sein Schicksal eine ganze Stadt. Insgesamt werden jährlich etwa 1200 Menschen in der Städteregion gesucht.

Bearbeitet werden sie im Kriminalkommissariat 12 im Aachener Polizeipräsidium. „Derzeit gibt es 92 offene Vermisstenfälle“, sagt Paul Kemen von der Pressestelle der Polizei. Dabei handele es sich meist um Jugendliche, die immer mal wieder aus bestimmten Einrichtungen ausbüxen und daher bei der Polizei intern als „Läufer“ registriert sind. „In fast allen Fällen tauchen diese Jugendlichen wieder auf“, sagt Kemen.

Becker hingegen zählt zu den Langzeitvermissten. Er und drei weitere Menschen, die unter Demenz leiden, zählen zu den Fällen, bei denen die Polizei „in großer Sorge“ sei. Weder zu Becker noch den drei anderen Demenzerkrankten gibt es neue Ermittlungsansätze. Die Polizei stehe bei dieses Fällen im „Standby-Modus“, würde neuen Hinweisen sofort nachgehen. Doch die gibt es bislang nicht.

Der Einzelfall entscheidet

Geläufig ist im Volksmund, dass jemand, der 24 Stunden lang vermisst wird, auch polizeilich als vermisst gilt. „Das stimmt so nicht“, sagt Kemen. Die Polizei unterscheidet, ob es sich bei den vermissten Menschen um Erwachsene, Jugendliche oder Kinder handelt. Eine feste zeitliche Komponente gebe es nicht. Das werde im Einzelfall entschieden. Routine gebe es trotzdem. Wird ein Mensch auch polizeilich vermisst, gebe es sogenannte Büroabklärungen.

Dazu werden Ärzte, Krankenhäuser, der öffentliche Personen- und Nahverkehr, Taxen und Mietwagen in Kenntnis gesetzt. „Besonders wichtig ist gerade zu Beginn einer Fahndung, ein Bild vom Vermissten zu erhalten“, sagt Kemen. Denn wenn die Befragungen der Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel und Freunde keine neuen Erkenntnisse bringen, geht die Polizei mit Genehmigung der Verwandten in eine Öffentlichkeitsfahndung über — dazu benötigen sie ein Bild und zusätzlich ein paar Infos zur Person. Meist suchen die Angehörigen jedoch auch parallel selbst und starten Aufrufe in den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter.

Die Polizei Aachen ist auf beiden Portalen erst seit August diesen Jahres vertreten. „Wir haben daher noch keine Erfahrungswerte“, sagt Kemen. In seltenen Fällen gebe es auch TV-Beiträge oder Plakataktionen. Dies komme jedoch nicht sehr oft vor.

In der Regel fahre die Aachener Polizei damit auch sehr gut. „Wir haben eine Aufklärungsquote von nahezu 100 Prozent“, sagt Kemen. Langzeitvermisste, wie es Becker einer ist, gebe es glücklicherweise eher selten. Auch sei es ganz unterschiedlich, wer vermisst werde. Mal seien es mehr Frauen, mal mehr Männer. Mal mehr Kinder, mal mehr Jugendliche.

Besonders tragisch ist es zumindest gefühlt jedoch immer, wenn Kinder vermisst werden. „Dann gibt es verständlicherweise viel Aufregung“, sagt Kemen. Der große Unterschied zwischen Fahndungen bei Erwachsenen und Fahndungen bei Kindern sei, dass man bei Erwachsenen oftmals davon ausgehen müsse, dass sie ihre vertraute Umgebung ganz bewusst verlassen haben. „Bei Kindern ist dies eher selten der Fall“, sagt Kemen. „Dann unterstellt man, dass sie sich in einer Lage befinden, die sie selbst gar nicht einschätzen können.“

Selbst einschätzen können vielleicht auch die Demenzkranken ihre Situation nicht. Umso schwerer fällt es der Polizei, diese Menschen zu finden. „Wir haben nicht ansatzweise Anhaltspunkte, wo sich die Langzeitvermissten aufhalten könnten“, sagt Kemen. „Wir suchen relativ oft nach Suizidgefährdeten und Demenzkranken.“ Häufig ist diese Suche erfolgreich. In seltenen Fällen wie dem von Herbert Becker leider nicht — noch nicht.