Kreis Heinsberg: Tag der Pflegenden: Vertrauen als Zeichen der Wertschätzung.

Kreis Heinsberg : Tag der Pflegenden: Vertrauen als Zeichen der Wertschätzung.

Zum zweiten Mal fand in der Hückelhovener Aula zum Internationalen Tag der Pflegenden ein Fachforum mit Vorträgen und der Möglichkeit zum Austausch für Angehörige aus den Pflegeberufen im Kreis Heinsberg statt. Dabei standen die Pflegemitarbeiter im Fokus.

Welches Bild hat die Gesellschaft von den Pflegenden? Wie kann man es verändern? Zu diesem Thema hatten die Organisatoren Fachleute eingeladen, die das Thema von verschiedenen Seiten aus beleuchteten.

Die Altenpflegerin und Altenpsychologin Karla Kämmer plädierte dafür, Wertschätzung im Pflegeberuf umzusetzen und zumindest für Augenblicke „glücklich zu machen“.

„Pflege ist leise und hat keine Lobby!“ Mit diesen Worten umschrieb die Pflegeleiterin Manuela Garbrecht das Problem der Pflegeberufe in der deutschen Gesellschaft. Sie weiß, wovon sie redet, denn sie koordiniert die Pflege bei St. Gereon in Brachelen. Pflege, so betonte sie, sei ein „wichtiger Bestandteil der Gesellschaft“, der sich von der Geburt bis zum Tod erstrecke. Trotzdem habe das Berufsbild kaum gesellschaftliche Anerkennung. In Deutschland arbeite rund jeder achte Berufstätige in einem der Pflegeberufe — rund 5,2 Millionen Menschen, Dreiviertel davon Frauen. Doch Pflege finde in Tabubereichen wie Krankheit, Demenz, Alter oder Tod statt. Bereiche, die man gerne in seinem Denken ausblendet. Daher werde auch der pflegende Mensch „irgendwie ausgeblendet“. Ist eine bessere Bezahlung Zeichen einer höheren Wertschätzung oder ein Schmerzensgeld für die Zustände auf der Arbeit? Mit ihrem Vortrag berührte Garbrecht die Zuhörer. Sie erzählte von Misstrauen und Verdächtigungen seitens der Angehörigen, von der Unterstellung der Unfähigkeit, Misshandlung und Verwahrlosung. Daher wünschte sie sich Vertrauen als Zeichen der Wertschätzung.

Pflegedienstleiterin Manuela Garbrecht wusste ebenso kompetent wie emotional vom Pflegealltag zu berichten, womit sie vielen der Anwesenden aus der Seele sprach.

Dies unterstrich auch der stellvertretende Landrat Willi Paffen. Wahrgenommen werde die Arbeit erst, wenn „etwas schiefgelaufen ist“, betonte er. Damit werde man der Arbeit der Pflegekräfte nicht gerecht. Im Kreis Heinsberg, so betonte er, herrsche ein „überdurchschnittlich hoher Standard der Pflege“. Der Hückelhovener Bürgermeister Bernd Jansen betonte, dass die Pflege das leiste, was Familien heute nicht mehr leisten könnten oder wollten. Um Pflege beurteilen zu können, müsse man hinter die Kulissen blicken.

Dies hatte Karla Kämmer als ausgebildete Altenpflegerin und Gerontopsychologin zur Genüge getan. Sie plädierte dafür, die Pflege zu entbürokratisieren und „die wunderbaren Momente“ zuzulassen. Denn Pflege sei nur mit „innerer Begeisterung“ möglich. Diese gelte es zu wecken und sich ihrer bewusst zu sein. Sie erinnerte an Florence Nightingale, die erkannt habe, dass man der praktischen Pflege einen theoretischen Überbau geben müsse. Heute sei die Pflege auch ein Studienberuf und befinde sich in der gesellschaftlichen Wahrnehmung im Wandel. Immerhin, so hob sie hervor, rangiere der Pflegeberuf in der gesellschaftlichen Akzeptanz noch vor den Ärzten und Anwälten. In der Pflege müsse eine Kultur der gegenseitigen Achtsamkeit gepflegt werden. Begriffe wie „fertigmachen“ oder „durchbetten“ dürfe es weder im Sprechen noch im Denken der Pfleger geben, da sie die Arbeit kleiner machten. Selbst Hilfe beim Stuhlgang sei eine anspruchsvolle Tätigkeit, bei der man die Würde des Patienten erhalten könne.

Gegen „Pflege nach Noten“

Franz J. Stoffer sprach sich rigoros gegen eine „Pflege nach Noten“ aus. Der ehemalige langjährige Geschäftsführer der Kölner Caritas-Betriebsführungs- und Trägergesellschaft und mehrfach ausgezeichnete Manager ist heute ein vehementer Verfechter eines Moratoriums zur Abschaffung der sogenannten Pflegenoten, die die Krankenkassen seit 2009 verteilen. „Wenn du ein totes Pferd reitest, dann steige ab“, zitierte er ein Sprichwort der Sioux-Indianer und bezeichnete den Pflege-TÜV als „krankes System“, das abgeschafft gehöre. Die Würde des Patienten könne durch Standards nicht geschaffen werden, erklärte er und sprach sich gegen diese „Misstrauenskultur“ aus. Der Weg müsse zur „subjektorientierten Pflegeprüfung“ gehen, bei der der jeweilige Patient im Mittelpunkt stehe. „Was nicht dokumentiert ist, ist auch nicht gemacht“, heiße es oft aus bürokratischer Sicht. Viel besser sei, „es zu tun und nicht zu dokumentieren“. Das politische Konzept der Qualitätskontrolle sei „tot“, die Zukunft gehöre der Selbststeuerungskompetenz. Bis dahin sei es aber noch ein weiter Weg.

Nach der Pause standen die ­Empfehlungen von „Demenzguru“ Erich Schützendorf unter dem Motto „Wer pflegt, muss sich pflegen“, aber auch ein Auftritt von Hastenraths Will (alias Christian Macharski) unter dem Motto „Alt werden für Anfänger“ auf dem Programm.

(hewi)