Steine brechen für die Sozialisten

Steine brechen für die Sozialisten

Kreis Heinsberg (an-o) - Kaum ist er zur Tür herein, hat sich gesetzt, tönt sein Handy. "Entschuldigung". Doch, doch, er könne ruhig telefonieren... Nein, das wäre unhöflich. Uwe Vorberg drückt den Knopf und verstaut das Gerät in seiner Jackentasche. Der Mann pflegt seine Umgangsformen.

Wie kommt jemand dazu, als Direktkandidat für den Bundestag im westlichsten Zipfel der Republik anzutreten, der im Ruhrgebiet Zuhause ist? Noch dazu für eine Partei, die ihre Heimat im Osten der neuen Republik hat? Und die im Kreis Heinsberg ohne jede reelle Chance ins Rennen geht? Fragen, die Uwe Vorberg nicht zum ersten Mal hört. Aber er lacht dennoch, senkt verstohlen den Kopf: "Man hat mich gefragt, ob ich es machen will, und ich habe Ja gesagt." So einfach also...

Frage der Verhältnisse

Zumindest dann, wenn man für die Partei des Demokratischen Sozialismus im Westen der Republik arbeitet: Da ist die personelle Decke dünn wie Durchschlagpapier. "Als ich den Wahlkampf im Kreis Heinsberg begann, hatten wir hier sieben Mitglieder", sagt Vorberg. Ein paar Bröckchen für die PDS will er schon herausbrechen. Sozialisten sind im Kreis Heinsberg allerdings verbreitet wie Steine in der Kirschtorte. "Inzwischen sind wir schon acht", sagt der Kandidat. Vorberg lacht wieder, allerdings eher still, mehr in sich hinein. Erfolg ist offenbar immer eine Frage der Verhältnisse.

Apropos: Ja, er sei zwar nicht verheiratetet, "aber ich bin seit 15 Jahren mit derselben Frau zusammen". Die Wohnung teilen sie nicht, ("...wir sind auf der Suche") - treu sei er aber dennoch. "Wobei Treue für mich nicht das Entscheidende dabei ist. An dieser Beziehung liegt mir sehr viel."

Humanistische Beweggründe

Freunde? Ja, Freunde seien ihm wichtig. Zwei, drei Freundschaften haben die Erosionen der wechselseitigen Entwicklung überdauert: "In die investiere ich auch Zeit." Dann wandert er mit den Freunden: Vor zwei Jahren durch die Rhön, im vergangenen Jahr in der Eifel. Er wählt seine Worte sorgsam und bedächtig, erscheint keineswegs verschlossen. Dennoch: In seiner Mimik wirkt er oft so verschämt-unbeholfen wie ein Kardinal vor dem Schaufenster eines Geschäftes mit Damen-Dessous. Wie ist er zur Politik gekommen? Wie sah seine - er als Sozialwissenschaftler würde sagen - Sozialisation aus? "Ich bin in Hattingen aufgewachsen, war dort Ministrant, bin da zum Gymnasium gegangen, und irgendwann Anfang der 80-er Jahre haben wir eine amnesty-Gruppe gegründet. Durch die Friedensbewegung bin ich dann weiter politisiert worden. Ja, und dann ging das weiter." So einfach also...

Oder doch nicht: Nach dem Studium hat er sich selbstständig gemacht. Als Unternehmensberater! Ein Sozialist als Unternehmensberater? "Warum nicht? Ich habe da keine Probleme." Schließt sich das denn nicht irgendwie aus? "Nein, warum? Wenn es um Unternehmensstrukturen geht, kann man doch als Berater Einfluss nehmen, dass die weniger privilegierten Mitarbeiter nicht unter den Tisch fallen." Er sieht da keine Diskrepanz zu seinen politischen Überzeugungen.

"Anstrengende Angelegenheit"

Ja, er würde schon sagen, dass es humanistische Beweggründe sind, die die Triebfeder seines Tuns darstellen. Und auch die Auseinandersetzung mit anderen. "Die Diskussion in der Gruppe war für mich immer wichtig. Auch, um meinen eigenen Standpunkt zu klären und immer wieder zu hinterfragen. Politik in der Demokratie ist eine anstrengende Angelegenheit."

Wobei, und das sagt er sehr ernst und mit einer ungewohnten Bestimmtheit, er inzwischen "auch ab und zu mal Rückzugsräume braucht." Es gebe so Zeiten, - "auch wenn die nicht lange anhalten" - in denen er sich ganz hängen lassen kann: "Dann stell den Fernseher aus und schalte das Handy ab."

Als wir uns verabschieden und er auf sein Auto zusteuert, um zurück nach Hause zu fahren, zieht er das Handy aus der Jackentasche und drückt den Knopf. Der Alltag hat ihn wieder.