Aachen: Sie lernen, auch Neid und Rache zu zeigen

Aachen : Sie lernen, auch Neid und Rache zu zeigen

„Eltern sind voll ätzend. Auf die kann man sich nicht verlassen!“ Die Klasse 6c des St.-Ursula-Gymnasiums Aachen weiß, wovon die Rede ist. Sie ist die Premierenklasse im neuen Jugendstück des Jungen Grenzlandtheaters Aachen, kurz Greta, das am 8. April Premiere in der Aula ihrer Schule hat.

„Nach Toronto! …oder meine Mutter heiratet deinen Vater“ lautet der Titel des Stücks. Am 10. März beginnen die Proben am St.-Ursula-Gymnasium. Unter Leitung von Anja Geurtz, Theaterpädagogin des Grenzlandtheaters, macht sich die Klasse 6c parallel dazu ihre eigenen Gedanken. Erzählt wird die Geschichte zweier Kinder, die als Stiefgeschwister in einer Patchworkfamilie zusammenfinden sollen. „Es geht darum, wie schwierig es ist, den neuen Partner der Mutter oder des Vaters zu akzeptieren“, sagt Anja Geurtz und verrät auch, wohin die Reise führt: „Genauso geht es darum, wie aus einer frustrierenden Situation etwas Neues entstehen kann.“

Verdammt viel Gefühl also für die Mädchen der 6c, die wie die beiden Protagonisten um die 12 Jahre jung sind. Sechs Wochen lang hilft ihnen Anja Geurtz jeweils eine Doppelstunde lang dabei, Emotionen wie Wut, Freude, Trauer und Stolz bühnenreif zu inszenieren. „Unsere Premierenklassen entwickeln in Anlehnung an das Stück eigene Spielszenen. Es entsteht also quasi eine kleine Parallel-Produktion“, sagt die Theaterpädagogin. Frage- und Erzählrunden, Schauspielübungen und ein Probenbesuch mit anschließendem Gespräch mit dem Regisseur und den Schauspieler runden das GRETA-Angebot ab, das alle Jahrgangsstufen 5 bis 7 in der StädteRegion Aachen anfragen können. Im Mittelpunkt stehen immer die Ideen der Schülerinnen, die in eigene Szenen umgesetzt werden.

Der erste Tag der gemeinsamen Zeit mit den St.-Ursula-Schülerinnen hat Anja Geurtz gleich begeistert. „Sie haben breite Vorkenntnisse und vielfach bereits selber Erfahrungen mit dem Theater gesammelt. Größtenteils spielten sie beim Kindermusical der Schule mit oder besuchen regelmäßig Theatervorstellungen.“ Und so klingen auch ihre Erwartungen an das Theaterprojekt. Lisa zum Beispiel sagt: „Ich freue mich sehr auf die Theaterstunden, weil ich mich schon immer für Schauspieler und das Schauspielen interessiert habe.“ Und Muriel, die gemeinsam mit einer Freundin selbst schon Stücke schreibt und ihrer Familie vorführt, sagt: „Wenn man einen Text in eine Spielszene umsetzen muss, merkt man, dass vieles auf der Bühne nicht so leicht ist. Gefühle darzustellen finde ich besonders schwierig, da muss ich öfters lachen, obwohl das nicht angebracht ist. Ich wünsche mir, dass wir üben, dass ich nicht mehr so lachen muss.“

Die erste praktische Übung passte. Die Mädchen sollten Stolz, Trauer, Freude, Angst, Wut, Rache und Unsicherheit mit Mimik und Körpersprache darstellen. Besonders gut gelingen ihnen Freude und Wut, schwieriger tun sie sich mit Neid und Rache. Anja Geurtz erklärt, dass das daran liegt, dass Gefühle wie Freude und Wut von sich aus kommen und sehr starke, impulsive und nach außen drängende Gefühle sind. Neid und Rache spielen sich jedoch im Inneren eines Menschen ab und sind somit schwerer darzustellen.

Standbilder erarbeiten

Zur Patchwork-Thematik des Stückes führt die nächste Übung hin. Jedes Mädchen bekommt eine Rollenkarte. In Gruppen sollen sie drei Standbilder erarbeiten, in denen das Verhältnis der einzelnen Personen zueinander im zeitlichen Verlauf „gestern — heute — morgen“ dargestellt ist. Das erfordert eine genaue Auseinandersetzung mit der Rolle und den Austausch über das Verhältnis der Personen zueinander — Teamwork ist also angesagt! Viel zu schnell gehen die Stunden mit Anja Geurtz vorbei. Doch die nächste Einheit weckt Vorfreude: Den Standbildern soll Leben eingehaucht werden, indem die Schülerinnen sich Dialoge und Handlungen dazu ausdenken und diese umzusetzen versuchen. Und wenn dann am 10. März das professionelle Ensemble mit der Produktion in der Aula des St-Ursula-Gymnasiums beginnt, steigt die Spannung erneut. Denn der Austausch mit den Profis bringt Antworten auf viele Fragen — und der Premierenbesuch sicher eine weitere, vielleicht unerwartete Sicht auf das Leben in der Patchworkfamilie.

Die Autorinnen besuchen die Klasse 9b des St.-Ursula Gymnasiums Aachen und gehören zum Schülerzeitungsteam.