Städteregion: Selbsthilfegruppen können Opfern von Unfällen und Krankheiten helfen

Städteregion : Selbsthilfegruppen können Opfern von Unfällen und Krankheiten helfen

Ihr Leben lang war Marianne Groß (Name geändert) eine Perfektionistin. „Wenn ich was mache, mache ich es gut“, sagt sie. „Aber jetzt funktioniere ich nicht mehr. Darauf war ich nicht vorbereitet, deshalb fühle ich mich überfordert.“ Eine Krebserkrankung, besser: die Folgen dieser Erkrankung — sie hat nach der Entfernung des Oberkiefers und eines Teils des Gaumens Sprachschwierigkeiten und Geschmacksstörungen — haben sie aus der Bahn geworfen. Aber sie ist eine Kämpfernatur.

Als sie merkte, dass sie sich immer mehr zurückzog, reifte in ihr der Plan, Kontakt zu Menschen mit ähnlichen Erfahrungen aufzunehmen und sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Doch eine Gruppe für Menschen, die unter den Folgen einer Krankheit oder eines Unfalls leiden, gibt es in der Städteregion noch nicht. Deshalb will Groß nun eine solche Selbsthilfegruppe — Arbeitstitel „Krankheit oder Unfall: Plötzlich ist alles anders“ — gründen. Astrid Thiel vom städteregionalen Selbsthilfebüro unterstützt sie dabei.

„Ich meide den Kontakt“

„Es ist nicht unbedingt so, dass mein Umfeld mich meidet, sondern eher umgekehrt. Ich meide den Kontakt — weil ich mich schäme“, sagt Marianne Groß. „Mein Problem ist: Sobald ich den Mund aufmache, wird mein Problem deutlich. Ich spreche sehr undeutlich. Ich fühle mich immer wieder konfrontiert damit, dass andere denken: Das hört sich aber komisch an, was ist mit der los? Damit muss ich klarkommen. Es fragt auch keiner, warum ich so spreche, wie ich spreche. Es würde mir aber helfen, darüber zu reden.“ Besonders schmerzt es sie, dass sie aufgrund ihrer Sprachschwierigkeiten oft auch falsch eingeschätzt wird. „Ich habe schon einmal jemandem gesagt: Ich kann zwar nicht gut sprechen, aber ich bin nicht dumm.“

Dass sie vielleicht auch zu ungeduldig ist, mit sich selbst und wohl auch mit anderen, ist ihr bewusst. „Natürlich braucht es seine Zeit, mit den Einschränkungen klarzukommen. Ich bin ja erst im April vergangenen Jahres zum ersten Mal operiert worden und, nach weiteren Operationen, nach sieben Wochen entlassen worden. Eigentlich hatte ich gar keine Zeit, mich richtig damit auseinanderzusetzen, es war ja immer was, Reha, Krankenhaus, Arzttermine.“ Nur psychologische Betreuung oder Gruppengespräche, die habe sie nicht bekommen, obwohl sie die gebraucht hätte, sagt sie. Stattdessen habe sie zu hören bekommen, dass „es viele gibt, denen es noch schlechter geht“.

Und das hat ihren Kampfgeist geweckt, sagt sie. Natürlich werde sie mit ihrer Situation klarkommen, „aber ich brauche Hilfe“. Am besten könnten sicher Menschen, die wie sie unter Einschränkungen nach einer Krankheit oder einem Unfall leiden, verstehen, was sie braucht. Deshalb ihr Versuch, eine solche Selbsthilfegruppe ins Leben zu rufen. In der Gruppe könnte man sich gegenseitig unterstützen, Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig ermutigen, sich mehr zuzutrauen. Manch einer traue sich beispielsweise nicht mehr, in Urlaub zu fahren, aber andere schon. Auch darüber, welche Rechte Schwerbehinderte haben oder welche finanziellen Hilfen man bei welcher Stelle beantragen könne, könnte man sich austauschen. „Krank zu sein, ist ja auch teuer.“

„Soziale Kontakte pflegen“

Die Frage, wie andere mit Verletzungen, hervorgerufen etwa durch falsche Rücksichtnahme, umgehen, interessiert Marianne Groß ebenfalls sehr. „Über solche Dinge kann man mit der Familie nicht so gut reden wie mit Unbeteiligten, die aber ähnliche Erfahrungen gemacht haben“, ist sie überzeugt.

„Es geht in einer Selbsthilfegruppe auch darum, in Übung zu bleiben und soziale Kontakte zu pflegen“, sagt Astrid Thiel. „Ja, das stimmt“, pflichtet Marianne Groß ihr bei. „Ich zwinge mich dazu, aber es kostet sehr, sehr viel Kraft.“ Kraft kostet es sie auch, mit der Hilflosigkeit umzugehen, die sie bei Freunden oder Bekannten im Umgang mit ihr wahrnimmt. „Ich versuche immer, mich in ihre Situation zu versetzen und zu verstehen, warum sie tun, was sie tun.“

Bitter geworden sei sie aber noch nicht. „Es ist ein Lernprozess auf allen Seiten. Ich muss herausfinden, was ich brauche, und das dann auch sagen. Beispielsweise im Restaurant darum bitten, das Gemüse für mich zu pürieren. Ich muss anderen eine Art Gebrauchsanweisung für mich geben“, sagt Marianne Groß, die nun hofft, dass die neue Selbsthilfegruppe zustande kommt. Den Blick nach vorne zu richten, sei wichtig, sagt Astrid Thiel. „Einander stark machen, sich von den anderen etwas abgucken — darum geht es in einer Selbsthilfegruppe.“