Kreis Düren: Selbsthilfegruppe „Tinnitus“: Leben mit dem Pfeifen im Ohr

Kreis Düren : Selbsthilfegruppe „Tinnitus“: Leben mit dem Pfeifen im Ohr

Für die Betroffenen kann die Krankheit „Tinnitus“ zum Martyrium werden. „Tinnitus“ entstammt dem lateinischen Wort „tinnere“, das bedeutet „klingeln“. Die Betroffenen nehmen ständig Geräusche im Ohr wahr wie etwa Brummen, Rauschen, Pfeifen oder eben Klingeln.

Manche sprechen auch von einem „Presslufthammer im Ohr“. Doch die Geräusche entstammen nicht der Außenwelt, sondern dem eigenen Kopf.

Hans-Josef Katz (links) und Josef Königs leiten die Selbsthilfegruppe „Tinnitus“ in Jülich. Foto: Klinkhammer

Rund sieben Millionen Menschen jeglichen Alters leiden in Deutschland an dieser Krankheit. Wie aber geht man mit diesem Dauerproblem um?

Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe (SHG) in Düren und die Mitglieder in der SHG in Jülich unterstützen sich gegenseitig. Die Dürener SHG „Tinnitus“ wird geleitet von Halina Sommerfeld aus Düren-Süd, die Jülicher Gruppe leiten Josef Königs aus Barmen und Hans-Josef Katz aus Jackerath. Vor 20 Jahren wurde die SHG in Düren ins Leben gerufen.

Halina Sommerfeld, 79 Jahre, betreut derzeit sieben Betroffene und sagt: „Wir können keine medizinische Hilfe leisten, aber Hilfe zur Selbsthilfe.“ Die Gruppenmitglieder führen Gespräche und tauschen Informationen aus. Sie wecken Verständnis, klären auf und versuchen weiterzugeben, wie man mit einem „Tinnitus“ leben kann.

Halina Sommerfeld war zunächst Schneiderin und später in der Hauspflege tätig. 1994 saß sie zum ersten Mal in einem Flugzeug. Bei einer Zwischenlandung in London rauschte es in ihren Ohren. Sommerfeld: „Die Ohren rauschten und ich dachte, mein linkes Ohr läuft aus.“ Sie ging fortan von Arzt zu Arzt, doch wirklich helfen konnte keiner. Ob organische Ursachen vorliegen oder psychische, das können die Ärzte nicht immer feststellen. Erst in der SHG „Tinnitus“ fand sie Verständnis und Gleichgesinnte, die von sich und ihrer eigenen Geschichte erzählten und auf diese Weise Hilfe leisteten.

Sommerfeld: „Die SHG nahm eine große Last von mir. Meine Familie konnte das Problem zunächst nicht verstehen, bei mir war ja nichts kaputt.“ Die Jülicher SHG „Tinnitus“, die seit acht Jahren existiert, besuchen sechs bis zehn Personen.

Josef Königs ist 65 Jahre alt und arbeitete in Nörvenich als Prüfer von Luftfahrtgeräten. Immer schon waren seine Ohren großer Lärmbelästigung ausgesetzt, doch als unvorhergesehener Weise fünf Düsenjäger gleichzeitig in rund 100 Meter Höhe mit jeweils 140 Dezibel über seinen Kopf hinwegflogen, da war es um seine Ohren endgültig geschehen. Hörsturz, Knalltrauma, Klinik.

Ebenso wie Hans-Josef Katz lernte Josef Königs in einer Spezialklinik mit den Ohrgeräuschen, die er zu jeder Tages- und Nachtzeit wahrnimmt, leben. Katz wurde 2009 nach mehreren Hörstürzen vom „Tinnitus“ heimgesucht. Er ist 67 Jahre alt und selbstständig im Bereich Großkücheneinrichtungen: „Ich wusste gar nicht, was mit meinen Ohren los war und wartete ab. Als ich dann zum Arzt ging, war es zu spät.“

Wird der Arzt früh genug konsultiert und der Hörsturz behandelt, kann in vielen Fällen größerer und langfristiger Schaden von den Ohren abgewendet werden. In der Spezialklinik erlernen die Patienten Entspannungsübungen, gehen in die Natur und lernen, auch wieder die kleinen Geräusche wie einfaches Vogelgezwitscher wahrzunehmen.

„In den ersten beiden Wochen in der Klinik dachte ich: Die machen ja hier gar nichts, hier haust Du wieder ab“, erinnert sich Katz. Doch nach sechs Wochen bemerkte er, dass etwas mit ihm passiert war. Er hatte gelernt, mit dem Geräuschproblem zu leben. Königs bekräftigt: „Die Patienten sollten keine Bedenken haben und sich nicht scheuen, eine Fachklinik aufzusuchen.“