Oberbruch: Schönheiten lassen das Auge des Tigers blitzen

Oberbruch : Schönheiten lassen das Auge des Tigers blitzen

Faszination: Dieses Wort beschreibt wohl am ehesten das Gefühl, das den Betrachter der Szenerie gefangen nimmt.

Wenn die 20-jährige Sharmila und ihre 18 Jahre alte Schwester Mekala ihn mit ihren großen, tiefschwarzen Augen fixieren, scheint es kein Entrinnen mehr zu geben. Der indische Tiger steht kurz vor dem Sprung.

Die beiden exotisch schönen Mädchen, die zu den etwa 500 Tamilen gehören, die im Kreis Heinsberg eine neue Heimat fanden, haben sich zum Ziel gesetzt, die alte Tradition des indischen Tempeltanzes nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Die in vielen Jahren erlernten Schritte, Gestik, Mimik und aufwändige Kostüme versprühen einen Zauber, dem sich auch HZ-Redakteur Rainer Herwartz nicht entziehen konnte.

Vor rund 18 Jahren, erzählt Sharmila Sivarajah, sei sie als Zweijährige aufgrund der bürgerkriegsähnlichen Zustände zwischen Tamilen und Singhalesen mit ihren Eltern aus Sri Lanka nach Deutschland geflüchtet. Bevor die Familie nach Oberbruch zog, lebte sie etwa ein Jahr lang in Schalbruch.

Wie bei allen Bevölkerungsgruppen, die aus ihrer Heimat in einen völlig anderen Kulturkreis ziehen, spielt auch für die Tamilen die Bewahrung alter Traditionen eine wichtige Rolle. Obwohl die beiden Mädchen längst im Westen ihr Zuhause gefunden haben - Sharmila arbeitet als Arzthelferin bei Dr. Bernd Bierbaum in Oberbruch und Mekala besucht die Höhere Handelsschule -, sind sie sich ihrer Wurzeln und eigenen Identität stets bewusst. Der Tempeltanz mit seinen historischen und mythologischen Komponenten ist dabei für die Hindus Ausdruck der Verbundenheit.

„Schon seit der Grundschulzeit haben wir getanzt”, erinnert sich Sharmila. Insgesamt erhielten sie durch fünf Lehrerinnen ihren Schliff. Die Letzte sei aus den Niederlanden gekommen. Es sei eben schwer, jemanden zu finden, der die alten Tänze noch perfekt beherrsche. „Viele hören zwischendurch auf, aber wir haben die Ausbildung bis zum Ende durchgeführt. Mit 14 oder 15 habe ich gedacht, es wäre zu schade, wenn diese Tanzkunst verloren ginge, weil es keine Lehrerinnen mehr gibt. Ich wollte auch anderen Mädchen den Tempeltanz beibringen, damit unsere Kultur erhalten bleibt.”

Unterm Strich bedeutete diese Entscheidung für Sharmila und Mekala zehn Jahre lang einmal pro Woche hartes Training. Der Lohn der Anstrengung: Heute besitzen sie ein Diplom und dürfen sich „Nattya Rubini” oder „Nattya Kalaba Magil” nennen.

„Unsere eigene Schule kam zustande”, erzählen die beiden Mädchen weiter, „weil es im Kreis Heinsberg keine Lehrerin für die Tempeltänze gab, viele Eltern aber von uns wussten und gefragt haben, ob wir nicht ihre Töchter unterrichten könnten.” Die Bereitschaft war natürlich da. Jetzt musste nur ein geeigneter Übungsraum gefunden werden. Und da kam beiden eine gute Idee. Vielleicht ließe sich ja im Jugendzentrum „Oase” etwas arrangieren. Schließlich kannten sie sich dort aus, „weil wir früher samstags hier Tamilisch gelernt haben”.

Über die Oberbrucher Realschullehrerin Claudia Kolvenbach knüpften Mekala und Sharmila Kontakt zu Pfarrer Siegfried Bowien von der Erlöserkirche, der die Mädchen schließlich in ihrem Vorhaben unterstützte. Seit September letzten Jahres trifft sich nun jeden Sonntag zwischen 15 und 16.30 Uhr rund ein Dutzend Mädchen im Alter zwischen fünf und 13 Jahren in den Räumen der Oase, um die alten indischen Tempeltänze zu erlernen.

Wer die exotischen Schönheiten Sharmila und Mekala in ihren farbenprächtigen Kostümen sieht, die allesamt in Indien erworben wurden, fühlt sich gleich in eine ferne Welt entrückt. „Es gibt viele Tänze”, erläutert die junge Arzthelferin, „in denen dargestellt wird, wie die Götter in der Vorstellung der Menschen gelebt haben. Andere wiederum - wie der Schlangen- und Pfauentanz - erzählen von einem Streit zwischen diesen beiden Tieren.”

Der Lichtertanz hingegen, bei dem die Tänzerin geradezu akrobatisch jeweils eine Kerze in den Händen und auf dem Kopf balanciert, während sie sich mit den Füßen ausschließlich in einem kleinen metallenen Teller bewegen darf, hat keine mythologische Bewandnis. Er sei lediglich eine Herausforderung an die Geschicklichkeit der jungen Frauen.

„Das Tanzen erfordert zwar ein hartes Training, macht aber auch sehr viel Spaß”, strahlt Sharmila, „und man lernt viele alte Geschichten kennen.” Zusammen mit ihrer Schwester Mekala stand sie schon häufiger bei öffentlichen Veranstaltungen auf der Bühne. „Zuletzt Anfang Juli in Hamm, wo ein Hindu-Tempel eingeweiht wurde. Wahrscheinlich sind wir demnächst auch beim Stadtfest in Hagen mit dabei.”