Wegberg-Wildenrath: Schnurrende Triebwerke und zischende Loks

Wegberg-Wildenrath : Schnurrende Triebwerke und zischende Loks

In Fachkreisen werden sie zärtlich „Pufferküsser” genannt: Zeitgenossen, die Schienenfahrzeuge aller Art faszinierend finden, mit Fotoapparaten bewaffnet sind und sofort losschießen, wenn sich ihnen ein ansprechendes Motiv bietet. Normalerweise dürfen die Bilderjäger nicht einfach so auf das Siemens-Prüfcenter für Bahnsysteme. Am Sonntag aber schon.

Und sie waren nicht allein unterwegs. Insgesamt rund 32.000 Besucher nutzten den Tag der offenen Tür zum zehnjährigen Geburtstag der hochmodernen Anlage, um eine Fahrt mit dem ICE 3 zu unternehmen, in den so genannten „Zugbildungshallen” verschiedene Prüfsysteme unter die Lupe zu nehmen oder sich einfach nur an den stählernen Objekten der Begierde zu ergötzen.

Die eigentliche Stammstrecke des ICE „Schwäbisch-Hall” führt den Hochgeschwindigkeitszug der Deutschen Bahn nach Frankreich. Zugegeben etwas kürzer sieht die Einsatzroute auf dem Testring 1 aus: Nach nur wenigen Minuten ist der sechs Kilometer lange Rundkurs absolviert. „Maximal 160 Stundenkilometer sind hier möglich”, lässt Steffen Rogge, der Leiter des Prüfcenters, wissen.

Auf den Rausch der Geschwindigkeit kommt es ohnehin nicht an. So eine Fahrt in der ersten Klasse auf komfortablen Sitzmöbeln und mit enormer Beinfreiheit will schließlich in aller Ruhe genossen werden.

Wo die Reise hingehen soll? Auf jeden Fall steil bergauf: „Die Bahn hat Zukunft”, schlussfolgert Rogge gerade mit Blick auf die umweltschonende Technik.

Während das Triebwerk des „Schwäbisch Hall” leise schnurrt, kündigt sich ein weitaus älteres Schmuckstück auf dem zweiten Testring schon von weitem an. Es dampft und zischt, sobald die historische Dampflok der Selfkantbahn vorbeirattert und eine Wolke aus dichtem Rauch in die Luft pustet. Gert Jan, Huib und Dick Binkhorst aus dem niederländischen Hoorn nördlich von Amsterdam halten das Schauspiel fest.

Das bahnbegeisterte Brüder-Trio hat bereits einige schöne Aufnahmen im Kasten, doch ihr Bilderhunger verlangt nach mehr. Gefällt es denn? „Wir werden immer zufriedener”, sagt Gert Jan Binkhorst. Vor allem die Technik ist es, die Rico Fischer aus Grevenbroich interessiert. Gemeinsam mit seiner Frau Renate schlendert er über das Gelände. „Man erfährt hier einiges”, freut sich der Rentner. „Und so etwas kriegt man ja nicht alle Tage geboten.”

Internationales Flair versprühen die nagelneuen Exponate, die von den Siemens-Mitarbeitern auf Herz und Nieren geprüft und in einer Fahrzeugausstellung präsentiert werden: Der „Airport Rail Link” bringt demnächst Passagiere zum Flughafen in Bangkok; für den Einsatz in Spanien bestimmt ist der Velaro E, der eine Höchstgeschwindigkeit von 418 Stundenkilometern erreicht; in Diensten der Österreichischen Bundesbahn (ÖBB) unterwegs ist der Desiro. Fotomotive für die private Sammlung, wo man geht und steht. Ein wirklich guter Tag für Pufferküsser.